Lewis Carroll: Alice im Wunderland (1865)

Eine der bekanntesten Kindergeschichten der Welt – und ich kannte nur Bruchstücke. Das wollte ich ändern, deshalb stand „Alice’s Adventures in Wonderland“ schon früh für meine Klassiker-Leseliste fest. Als mir dann im Secondhand-Buchladen die ältere, ganz auf den Inhalt reduzierte Ausgabe mit den Original-Illustrationen von John Tenniel (die sind ein Muss!) in die Hände fiel, war das der Auslöser, endlich los zu lesen.

Alice hat mich überrascht. Die Bilder, die ich nach flüchtigem Blick auf die Filmplakate der Tim Burton-Verfilmung von 2010 mit Johnny Depp im Kopf hatte, haben mich eine alberne, für einen erwachsenen Leser viel zu kindliche Geschichte erwarten lassen.

Das hat sich zum Glück nicht bestätigt. Immer wieder war ich erstaunt, wie ernsthaft die für ein kleines Mädchen wohl verstörend wirkenden Erlebnisse geschildert werden. Keine Spur von kindlicher Verniedlichung; vermeintlich „süße“ Tierbekanntschaften erwiesen sich schnell als rechthaberisch, bedrohlich oder schlichtweg verrückt und nicht nur einmal wird geschildert, wie Alice vor Hilflosigkeit in Tränen ausbricht.

Schon ohne großes Hintergrundwissen zur Geschichte merkt man als Leser schnell, dass sich in Alice eine ganze Welt ausbreitet: Mathematik, Logik, Gesellschaftskritik, viktorianische Gedichte, die veralbert werden. Nach dem Wenigen, was ich bislang gelesen habe, wollte Carroll mit seiner Erzählung auch einen Gegenentwurf zu den biederen Kinderbüchern seiner Zeit schaffen.

Dass zwischen den Seiten eine solche Fantasieexplosion lauert, hatte ich nicht erwartet und ist wohl auch Ausgangspunkt für die Theorie, der Autor habe die einzelnen Episoden unter Drogeneinfluss verfasst. Überhaupt ranken sich um Lewis Carroll, der bürgerlich Charles Lutwidge Dodgson hieß und als Mathematiker, Fotograf und eben Autor in Oxford arbeitete, viele Mythen. Die vielleicht bekannteste beschäftigt sich mit seinen vermeintlich pädophilen Neigungen und seiner Beziehung zu der realen Alice Liddell, der Dekanstochter von nebenan. Eine gut recherchierte Dokumentation hat dazu die BBC gedreht (zur Version in englischer Sprache).

Letztlich hat mich der Hintergrund der Alice-Geschichte wohl mehr interessiert als ihr eigentlicher Inhalt, deshalb habe ich auf eine Empfehlung hin nun auch eine annotierte Ausgabe im Auge, die Anspielungen auf Literatur, Gesellschaft und überhaupt alles enthält, was Carroll in diese Geschichte gesteckt hat. So vorbereitet, werde ich mir jetzt auch endlich mal eine Verfilmung anschauen (da scheint es unzählige zu geben, für Tipps bin ich dankbar). Alice im Wunderland hielt ich vom Hörensagen bislang für ein reines Kinderbuch. Jetzt weiß ich, dass mehr dahinter steckt.

Lewis Carroll, Alice’s Adventures in Wonderland, verschiedene Ausgaben.   

10 Gedanken zu „Lewis Carroll: Alice im Wunderland (1865)

  1. Die Tim Burton-Verfilmung von 2010 mit Johnny Depp fand ich nicht so mega-gelungen. Aber mich prägte in der Kindheit auch die japanische Anime-Serie (83/84).
    Der Disney-Zeichentrickfilm ist zumindest durch seine Bilder recht bekannt und sicherlich auch ein Ansehen wert.
    Ansonsten ist die Liste der Verfilmungen sehr lang. Wag einfach den Sprung abseits der Wege. ?

  2. Ich habe das Buch auch erst als Erwachsene gelesen, hatte es für meine Tochter gekauft… ich hab es ähnlich verstörend und auch teilweise bedrohlich gefunden.. hatte zumindest kein gutes Gefühl… meine Tochter hingegen, hat es damals einfach lustig gefunden.

    1. Gut, dass ich damit nicht allein stehe. Ich dachte, dass es an der Zeit liegt, in der es geschrieben wurde, aber sicher bin ich mir nicht. Den Zauberer von Oz, der zwar ein paar Jahre später erschien, aber ja auch ziemlich alt ist, empfand ich nicht als so bedrohlich. An einer Stelle zwar auch als zu blutig für ein Kinderbuch, aber nicht so durchgehend beunruhigend wie Alice. Interessant – und schön – dass deine Tochter es einfach lustig gefunden hat.
      Viele Grüße
      Jana

  3. Klar, ich suche mir einfach einen Vielversprechenden aus! Die Anime-Serie habe ich auch noch in ganz dunkler Erinnerung. Der Blog Miss Booleana hat gerade eine Reihe zu in Vergessenheit geratenen (Anime-)Kinderserien gestartet, kennst du die schon? http://miss-booleana.de/2018/07/10/serienlandschaft-wiedergefundene-serien-rockncop/
    Manchmal sind so alte Filme nicht im Internet bei den Streaming-Diensten zu bekommen. Die Merlin-Verfilmung von Anfang der 90er habe ich deswegen jetzt auf DVD erstanden. 😀
    Viele Grüße
    Jana

  4. Ich glaube bei mir war es auch erst letztes Jahr, dass ich mal zu diesem Klassiker gegriffen habe und ich war auch sehr überrascht, dass der Ton so anders ist. Während Alice als sehr höflich (Disney) oder gar als Erlöserfigur (Burton) dargestellt wird, hat sie im Buch viel mehr die Rolle einer verzweifelten, manchmal sogar recht forschen Besucherin dieser Welt, die selber nicht immer nur nett ist und sehr viel mehr wie jemand wirkt, der von seiner neuen Umwelt befremdet ist. Vielen Dank für den Tipp mit der Doku! Die Hintergründe interessieren mich auch sehr, obwohl ich auch sehr gern einfach dem Vor- und Nachwort glauben möchte, dass von einer evtl tatsächlichen, aber keuschen und platonischen Liebe und Bewunderung Carrolls zur echten Alice spricht.

    1. Wenn Alice bei Burton und Disney so gut herüberkommt, habe ich mir wohl gerade mit Originaltext und Doku die ,,dunkle“ Seite der Geschichte rausgesucht. Vielleicht ändert sich ja auch der Humor mit der Zeit, aber ich empfand die Textfassung auch als stellenweise düster und Alice fast als Eindringling. Aber der Kultcharakter ist mit Grinsekatze und verrücktem Hutmacher auf jeden Fall da. Ich schau mir jetzt mal die fröhlichen Alice-Verfilmungen an.
      Die Doku ist sehenswert und trotz des ernsten und bedrückenden Themas wird auch die Liebe der Macher zur Geschichte sehr deutlich.

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