Claudia Wengenroth: Dort, wo die Zeit entsteht (2020)

Claudia Wengenroth

In Claudia Wengenroths Roman „Dort, wo die Zeit entsteht“ quartiert sich die junge Ärztin Katharina kurz nach Weihnachten in der einsamen Berghütte ihrer Familie ein. Sie hat niemandem erzählt, wo sie die Zeit zwischen den Jahren verbringt und will einfach mal den Kopf frei bekommen vom Arbeitsstress im Krankenhaus. Kaum angekommen begegnet sie der alten Irmelin, der Nachbarin, die sich außerhalb der Urlaubszeit um die Hütte kümmert. Irmelin scheint die junge Frau zu belauern und gibt allerlei rätselhafte Sprüche von sich. Bald schon häufen sich für Katharina allerhand unerklärliche, merkwürdige Erfahrungen.

Mein Eindruck

Claudia Wengenroths Geschichte trägt den Zusatz „Roman einer Selbstfindung“, was das Werk ganz ausgezeichnet beschreibt. Ihre Protagonistin führt nach außen hin ein erfolgreiches Leben; sie wird im Krankenhaus als Ärztin geschätzt und als Nesthäkchen ihrer Familie geliebt. Und doch nagt ein Unwohlsein an ihr, das mit ihrer Lebenssituation zu tun hat. Das „Gedankenknäuel“, wie sie es nennt, das sie auf der einsamen Hütte entwirren will.

Diffuse Probleme

Worin genau das Unwohlsein besteht, ist mir bis zum Ende nicht hundertprozentig klargeworden. Wegenroths Protagonistin beklagt ihre fehlende Entscheidungsfreiheit im Krankenhaus und gleichzeitig die beständige Gefahr, falsche Entscheidungen zu treffen. Zusätzlich ging es auch einer Patientin kurz nach ihrer Behandlung schlechter. Die Ärztin Katharina arbeitet hauptsächlich nachts, das scheint auch ein Teil ihres Problems zu sein. Sie muss immer nur kurzfristige Lösungen finden; eine umfassende, begleitende Behandlung ist nicht möglich. Auch behandelt sie als Internistin immer nur einen Teil des Körpers und muss sich hinsichtlich anderer Fachbereiche auf ihre Kollegen verlassen. Dazu kommt das Gefühl, austauschbar zu sein.

Vielleicht beschreibt Claudia Wengenroth die Probleme ihrer Protagonistin so diffus, damit sich jeder Leser wiederfindet. Die Botschaft ist wohl, dass jeder Job – und sei er noch so verantwortungsvoll – uns ausbrennt, wenn wir nicht in uns ruhen und die Dinge zu nah an uns heranlassen.

Esoterischer Anstrich?

Ich begann die Lektüre mit der Sorge, dass „Dort, wo die Zeit entsteht“ einen esoterischen Anstrich haben und mit allerlei Hokuspokus spielen würde. Das hat sich zum Glück im Großen und Ganzen nicht bestätigt. Einige der Begriffe und Konzepte kannte ich aus völlig un-esoterischem Meditationstraining – nur, dass sie der Protagonistin hier in Form alter Sagen und Naturgewalten begegnen.

Der letzte Teil des Romans spielt mit vielen fantastischen Elementen und Sinnestäuschungen. Versteht man diese aber als Metaphern der Selbstfindung und des Ankommens bei sich selbst, bleibt von vermeintlicher Esoterik nicht allzu viel übrig.

Alles bleibt vage – und achtsam

Was für mich als Wissenstagebuch-Schreiberin nur schwer auszuhalten war, ist, dass bei Claudia Wengenroths „Dort, wo die Zeit entsteht“ alles so vage wie im verschwommenen Coverfoto bleibt: Über die „Wilde Jagd“, die Raunächte und die Gegend, in der die Handlung angesiedelt ist, erfährt man nichts Näheres. Wer ist die alte Irmelin, die sich mit allem auszukennen scheint und warum erfährt man nicht mehr über sie und ihr geheimes Wissen? Die Botschaft der Autorin Claudia Wengenroth ist klar: Selbstfindung ist ein Prozess, den man nicht innerhalb eines Kurzurlaubs abschließen kann.

Dagegen finden sich in „Dort, wo die Zeit entsteht“ einige Beschreibungen, die den Leser sofort an Achtsamkeitskonzepte denken lassen. Die Beschreibungen sind übergenau; jeder Handlungsabschnitt wird wahrgenommen. Da sich der Tagesablauf der Protagonistin in der einsamen Hütte von Tag zu Tag nicht groß unterscheidet, kann man diese genauen Beschreibungen wahlweise als meditativ oder langweilig empfinden. Hier passt die Sprache jedenfalls ausgezeichnet zum Thema des Buches.

„Als das Wasser kocht, gießt sie den Tee auf und trägt die Kanne dann zum Tisch, an den sie sich setzt.“

S. 67

Ungewöhnliche Sprache

Beim Lesen stolperte ich ein ums andere Mal über eine ungewöhnliche Satzstellung. Bis zum Schluss rätselte ich, ob sie einem Dialekt der Autorin oder ihrer Erzählerin oder einfach einer persönlichen Vorliebe entsprang.

Fazit

Claudia Wengenroths Roman „Dort, wo die Zeit entspringt. Roman einer Selbstfindung“ beschreibt detailgenau und nachvollziehbar den Weg einer jungen Ärztin zurück zu sich selbst. Leser, die sich mit den Themen Achtsamkeit, Selbstliebe und wertungsfreiem Betrachten beschäftigen, finden hier einen wunderbaren Roman vor. Ich persönlich empfand die Geschichte als zu vage und zu wenig greifbar.


Claudia Wengenroth, Dort, wo die Zeit entsteht. Roman einer Selbstfindung, Diederichs 2020, 176 S., 18 €.

Zur Autorin Claudia Wengenroth

Die Autorin des Romans „Dort, wo die Zeit entsteht“, Claudia Wengenroth, ist Ärztin und ausgebildete Psychotherapeutin.

Weitere Meinungen zu „Dort, wo die Zeit entsteht“

Lesefieber
Die Literaturseite aus dem Saarland
Fräulein Julia

Und bei Pink Anemone gibt es ein Rezept zur Raunachtsuppe, die die alte Irmelin im Roman kocht.

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