[Autobiografie] Akiva Weingarten: Ultraorthodox. Mein Weg (2022)

Der Dresdner Rabbi Akiva Weingarten erzählt in „Ultraorthodox. Mein Weg“ vom Aufwachsen in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York und seinem Neuanfang in Deutschland.

Inhalt

Akiva Weingarten erzählt anhand verschiedener Episoden aus seiner Kindheit und Jugend, wie der vorgezeichnete Weg eines chassidischen Jungen in New York aussieht. Er berichtet von langen Tagen in der Synagoge und beim Thora-Studium, von Freundschaften unter den Jungen im engen religiösen Kontext und dem Unterricht, der die Struktur seines Denkens bis ins Erwachsenenalter hinein prägt.

Unweigerlich zieht man Parallelen zu Deborah Feldmans viel beachteten und von Netflix als Miniserie verfilmten autobiografischen Roman „Unorthodox“. Ein Ausbruch aus derselben, engen Gemeinschaft im jungen Erwachsenenalter – und doch beleuchtet diese männliche Perspektive Akiva Weingartens Bereiche, in die Feldman naturgemäß nicht vordringen kann (wie auch andersherum).

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So erfährt der Leser, dass es für junge chassidische Männer in New York möglich ist, die Welt in Form von Prostitution und Glücksspiel kennen zu lernen – etwas, dass in der weiblichen Welt, die Deborah Feldman beschreibt, unmöglich wäre. Dazu berichtet Weingarten, der auch heute als jüdischer Geistlicher tätig ist, von einigen Inhalten seines Thora-Studiums und von den Abläufen des den weiblichen Schülerinnen verschlossenen Unterrichts. Die Art der Argumentationsfindung theologischer Argumente als Austausch verschiedener überlieferter Lehrmeinungen ist aus geisteswissenschaftlicher Perspektive interessant. Spannenderweise entdeckt Weingarten erst in seinem Studium der Jüdischen Studien an der Freien Universität Berlin, wie speziell der Ablauf und das Lernen in den Thoraschulen der chassidischen Gemeinschaft war.

Meinung
Parallelen und Unterschiede zu Deborah Feldman ­– der männliche Blick

Schon am Titel, der Feldmans „Unorthodox“ sehr ähnelt, ist zu erahnen, dass Akiva Weingarten hier die Gunst der Stunde und das weiterhin anhaltende öffentliche Interesse an jüdischem Leben außerhalb des europäischen und US-amerikanischen Mainstreams erkannt hat. Die Erinnerungen wirken in vielen Teilen zügig niedergeschrieben, gerade so, als sei die Veröffentlichung schnell verwirklicht worden.

Trotz aller Ähnlichkeit fügt Akiva Weingarten Deborah Feldmans Bericht viele dort naturgemäß nicht enthaltene Details über das Leben in der chassidischen Gemeinschaft in Williamsburg, New York aus männlicher Perspektive hinzu. Den für männliche Mitglieder vorgezeichneten Bildungsweg und die Dynamik zwischen Rabbinern und Schülern beleuchtet er ausführlich. Ebenso Thema ist die „technische“ Seite der Eheschließung inklusive eines genetischen Screenings durch die Organisation Dor Yeshorim, um das Risiko für die Weitergabe von Erbkrankheiten, insbesondere des Tay-Sachs-Syndroms, zu verringern.

Ankommen in Deutschland

Akiva Weingarten zieht es nach seinem Ausstieg aus der chassidischen Gemeinschaft und einem Aufenthalt in Israel nach Deutschland. Anders als Deborah Feldman es in ihrem Anpassungsprozess beschreibt, erfindet sich Akiva Weingarten nicht völlig neu. Er baut auf seinem bisherigen Bildungsweg auf, indem er Jüdische Studien an der Freien Universität in Berlin studiert und später als Rabbiner eine eigene (Parallel-)Gemeinde in Dresden gründet. Seine Besht Yeshiva Dresden versteht sich als „erste liberal-chassidische Gemeinde der Welt“.

Schreibstil und Nahbarkeit

Obwohl Akiva Weingarten viel Persönliches preisgibt – gleichzeitig aber die Privatsphäre seiner in der Gemeinschaft verbliebenen Exfrau und Kinder wahrt – empfand ich den Bericht als weniger nahbar als jenen von Deborah Feldman. Das lag insbesondere am Schreibstil (kurze Sätze mit immer wiederkehrendem Satzbau) und den teils willkürlich gewählt wirkenden Absätzen, die den Lesefluss stören. Die Familiendynamik im Rahmen des Aufwachsens schildert Weingarten eher pflichtschuldig, als dass der Leser einen wirklichen Eindruck von der Persönlichkeit seiner Eltern und Geschwister erhielte. Auch die eigene Gefühlswelt sowohl als Kind als auch als Erwachsener beschreibt „Ultraorthodox“ leider mehr, als es zeigt. Formulierungen wie

„Ich war verblüfft.“ (S.114)

oder

„Ich war nicht überzeugt, doch zugleich vollkommen verunsichert.“ (S.118),

die hier zur Beschreibung des Kennenlernens der beiden Ehepartner verwendet werden, ließen ein wirkliches Nachvollziehen des Berichtes auf emotionaler Ebene nicht zu.

Fazit

Akiva Weingartens Erinnerungen „Ultraorthodox“ ermöglichen einen detaillierten männlichen Blick auf die verschlossene chassidische Gemeinschaft der Satmarer Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg, sind wegen sprachlicher Unebenheiten und wenig nahbaren Figuren aber keine unbedingte Empfehlung.


Akiva Weingarten, Ultraorthodox. Mein Weg, Gütersloher Verlagshaus 2022, 253 S.

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