Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

Unorthodox: Deborah steigt aus. Raus aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Und schließlich aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Unorthodox

Autobiografisch

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist.

Englisch als stille Rebellion

Die Autorin wächst bei ihren Großeltern auf. Von den Eltern verlassen, fühlt sie sich auch in der Schule ausgegrenzt. Jeder ihrer Schritte wird beobachtet, alles ist darauf ausgerichtet, mithilfe der Ehestifterin eine möglichst gute Partie zu machen. Doch schon früh startet sie ihre eigene stille Rebellion. Sie schleicht sich in die Bibliothek und versteckt Bücher unter ihrer Matratze. Heimlich liest sie in der „unreinen“ Sprache Englisch und bekommt so Zugang zu einer Welt, die nur wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des East Rivers liegt.
Der Leser begleitet die Erzählerin von ihren ersten Erinnerungen bis zu ihrem Ausstieg. Schilderungen über die misogyn anmutenden Reinlichkeitsrituale der Frauen gehören ebenso dazu wie Berichte über den ehelichen Geschlechtsverkehr, der so unaufgeklärt stattfindet, dass es teils zu verheerenden Schäden kommt. Immer wieder hält man beim Lesen inne und denkt: Nicht in New York. Nicht im 21. Jahrhundert.

Eine Parallelgesellschaft, so nah, so fremd

Besonders spannend an Unorthodox ist, dass es einer der wenigen Aussteigerberichte aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft ist. Eine Parallelgesellschaft, die so nah ist, und doch so fremd. Seit ich vor Jahren Die Romanleserin ein Buch, das die Autorin selbst auch kennt und zitiert – gelesen habe, warte ich auf eine Geschichte wie Unorthodox. Genauso detailreich und wohl auch authentisch.

Die Autobiografie ist selbstbewusst und sehr reflektiert; immer beleuchtet Feldman Gefühle und Ansichten von mehreren Seiten. Ein starkes Selbstbewusstsein kann man der Autorin auch ganz klar bei der Schilderung ihres Ausstiegs bescheinigen. Die am Ende eingestreuten Zweifel wirken etwas aufgesetzt, während sie an anderen Stellen des Buches passend und nachvollziehbar sind. Ein kleiner Abstrich ist auch bei der Sprache zu machen: Die ist manchmal sehr blumig geraten und fällt Passagen weise etwas aus dem sonst eher nüchternen Kontext.

Jiddisch für den deutschsprachigen Leser

Es war eine sehr gute Entscheidung des Secession-Verlages, mehr jiddische Begriffe als in der englischen Ausgabe beizubehalten, denn diese sind für deutsche Leser leicht zu erschließen. Sie machen das Buch lebhafter und betonen dabei noch einmal die Fremdheit der beschriebenen Welt. Auch das Glossar am Ende des Buches hat sich als äußerst hilfreich erwiesen. Bei weiterreichendem Interesse kommt man als mit dem Thema nicht vertrauter Leser aber nicht umhin, die beschriebenen orthodoxen Kleidungsstücke durch die Online-Bildersuche laufen zu lassen, um einen Eindruck vom Straßenbild zu bekommen. Dabei findet man überraschend wenige Bilder von Chassidinnen; die Männer werden offenbar viel häufiger abgelichtet. Auch der Blick auf einen Stadtplan von New York war hin und wieder nötig.

Fazit

Um die Authentizität des Buches streitet die Community im Internet teils heftig. Mal sei ein Badeanzug nicht akkurat geschildert worden, mal sei die ganze Geschichte unglaubwürdig. Besonders viel Gegenwind erhält Feldman von Kommentarschreibern, die sich selbst zu den Satmarern zählen. Das ist bei dieser Geschichte, die fast wie ein Enthüllungsbuch daher kommt, auch nicht verwunderlich. Es zeigt nur: Feldman hat viel Staub aufgewirbelt in Williamsburg. Unbedingt lesenswert.


Deborah Feldman, Unorthodox, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2016, 319 S., 22€, ISBN 978-3-905951-79-0.
Tipp-Blase
Judentum, Kultur

Hier ein Artikel zu Deborah Feldman in der NZZ am Sonntag vom 25.September 2016.

Hier ein Erfahrungsbericht Feldmans in der Jüdischen Allgemeinen.

Mehr zum Thema?

Deborah Feldman: Überbitten (Rezension)
Bericht zur Lesung mit Deborah Feldman

Das Thema Judentum bildet einen meiner Leseschwerpunkte. Mehr Artikel zum Thema findest du auf der Übersichtsseite .

17 Gedanken zu „Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

  1. Hallo Jana,

    ich habe neulich die Netflix-Mini-Serie gesehen, in der das Buch verfilmt wurde. Ich finde das Leben der Chassiden sehr faszinierend, aber auch erschreckend hinsichtlich der Denkweisen. Diese Abschottung entspricht definitiv mehr einer Sekte als einer Glaubensströmung. Die Gegenwart erschien mir in der Serie allerdings schwächer erzählt als die Vergangenheit. Das ist im Buch vielleicht anders.

    Hast du denn die Serie gesehen?

    Viele Grüße
    Elena

    1. Hallo Elena,

      ich finde die Gemeinschaft und die Lebensweise faszinierend und dabei abschreckend gleichermaßen. Ich habe fast sehnsüchtig auf die Serie gewartet, hier habe ich darüber geschrieben:
      https://www.wissenstagebuch.com/2020/03/31/leselaunen-maerz-2020-kirschblueten-und-stayathome/

      Im Buch verläuft der Gegenwartsstrang etwas anders und Feldman hält sich zunächst noch einige Zeit in New York auf. Dort sieht sie sich mit der Lebensweise der säkularen, wohlhabenden jüdischen Gemeinschaft in Manhattan konfrontiert und das gegenseitige Befremden wird sehr anschaulich beschrieben. Der Bruch mit dem alten Leben ist im Buch zwar auch krass, aber nicht so abrupt wie in der Serie. Da ist Berlin ja das reinste Paradies. Bin gerade da weggezogen und kann die super-positive Gute-Laune-Stimmung, die die Bilder transportieren nicht uneingeschränkt unterschreiben. Und ganz so hip wie in der Serie kommt’s im Buch auch nicht rüber. 😀

      Viele Grüße!
      Jana

      1. Hallo Jana,

        ah, interessant. Wahrscheinlich wurde sich aus dramaturgischen Gründen für den direkten Sprung nach Berlin entschieden, so ist der Bruch noch härter und die Story kompakter.

        Ich habe übrigens bei meinen Besuchen in der Hauptstadt auch ganz andere Eindrücke gewonnen. Während es viele Berlin ja zu hypen scheinen, bin ich generell nicht so der große Fan der Stadt. Dafür mag ich es nun sehr im Rhein-Main-Gebiet mit den Weinbergen usw. Aber ich schweife ab.

        Viele Grüße
        Elena

        1. Hallo Elena,

          ich habe Berlin vor einem Jahr auch für die Weinberge eingetauscht – allerdings für die sächsischen an den Elbhängen. Seitdem hat auch die Grundentspannung wieder eingesetzt und ich realisiere erst nach und nach, wie angespannt und immer auf der Hut ich in Berlin (leider oftmals berechtigterweise) war. Viele Grüße von einer schönen Weinregion in die andere!

          Jana

  2. Hey Jana, hört sich super spannend an! Ich habe neulich nur die Serienversion angeschaut, aber jetzt lege ich mir vielleicht noch die Buchvorlage zu. Schöne Besprechung!

    1. Hallo Sabine,

      danke! Das Buch lohnt sich sehr. Da gibt es auch noch einmal viele Worterklärungen und die Beschreibungen der teils schlicht misogynen Riten sind auch viel ausführlicher. Ich hoffe, es gefällt dir! Feldmans Nachfolgeband „Überbitten“ ist auch empfehlenswert, aber insgesamt nicht mehr so pointiert wie „Unorthodox“.

      Viele Grüße!

    1. Danke, Melanie! Die Buchausgabe zu „Unorthodox“ lohnt sich auch wegen der Bilder und der Anmerkungen im Anhang sehr. Das thematische Nachfolgebuch „Überbitten“ kann ich auch empfehlen. Es ist nicht so handlungsreich und nicht so pointiert wie der Vorgänger, aber man bekommt einen unheimlich tiefen Einblick in Feldmans Denken und Fühlen nach Verlassen der Gemeinschaft.

      Viele Grüße!

      Zu „Überbitten“:
      https://www.wissenstagebuch.com/2017/05/29/deborah-feldman-ueberbitten-2017/

  3. Hallo Jana,

    das Buch ist immer so an mir vorbeigelaufen, hatte aber bisher nicht den Reiz mich damit zu beschäftigen. Dank deiner Rezension steht es jetzt auf meiner Wunschliste 🙂

    Liebe Grüße
    Chrissi

    1. Hallo Chrissi,

      das ist ganz ausgezeichnet und freut mich. Ich habe die Autorin in Berlin lesen gehört und sie trat so sympathisch und reflektiert auf, dass das Lesen noch mal mehr Spaß gemacht hat. Viel Spaß mit der Geschichte!

      Viele Grüße!

  4. Liebe Jana
    Viel zu selten bin ich hier bei dir unterwegs. Das muss ich jetzt erst einmal sagen 🙂
    Ich muss zugeben, dass mir Unorthodox in der Vorschau der neuen Netflix-Serien das erste Mal überhaupt begegnet ist. Ich werde mir die Serienadaption anschauen und gleich auch mal in deinen Beitrag dazu reinschauen.
    Danke für diese tolle Buchbesprechung!
    Liebe Grüße
    Sandra

    1. Liebe Sandra,

      gleichfalls, gleichfalls! Ich nehme immer Geschenktipps vom Comic-Klatsch mit und hab dank dir für jeden comicbegeisterten Freund gleich ein Geschenk an der Hand. 😀
      Aber das #litnetzwerk ist eine schöne Gelegenheit zum Stöbern, gerade jetzt, wo es mit dem gemütlichen Kaffee auf der Buchmesse nicht geklappt hat.

      Die Serienadaption hat mir gut gefallen, aber ich finde, das Buch hat viel mehr Tiefe, gerade, was den Umbruchprozess angeht und wie schwer sich die Protagonistin/Autorin tut, sich an ihr neues, freies Leben zu gewöhnen. Schön, dass dir die Besprechung gefallen hat!

      Bis hoffentlich bald,
      Jana

      1. Hach, Jana – was ein schönes Kompliment. Danke :-*
        Tippgeberin zu sein und dann noch für Geschenke ist etwas ganz Wundervolles 😀

        Ich werde vermutlich eher die Serie schauen, aber das Buch könnte etwas für meine (wenig lesende) Mutter sein. Dann könnte ich auch eine Empfehlung von dir verschenken.
        Liebe Grüße
        Sandra

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