Peter Blickle: Andershimmel (2021)

Andershimmel Peter BlickleJohannes führt nach außen hin ein erfolgreiches Leben: Als Professor für medizinische Anthropologie hat der Süddeutsche in den USA Karriere gemacht und teilt dieses Leben mit seiner kleinen Familie. Alles ändert sich, als er erfährt, dass sich seine Zwillingsschwester selbst in die Psychiatrie eingewiesen hat.

Anders als er hat sie die sektenähnliche Gemeinde ihrer Kindheit nie verlassen. Johannes muss in das Dorf seiner Jugend zurückkehren und sich lange verdrängten Fragen stellen: Was bedeutet Glauben für ihn? Welche Art von Erziehung darf man seinen Kindern „antun“? Und wie sieht es eigentlich im Himmel aus?

Mein Eindruck

Für das Thema von Peter Blickles Roman „Andershimmel“ konnte ich mich schnell begeistern. Die Schilderungen von religiösem Fundamentalismus und einengender Glaubensgemeinschaft haben mich schon in den Werken von Deborah Feldman (Unorthodox und Überbitten, ultraorthodoxes Judentum) und Tara Westover (Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage/Mormonen) fasziniert.

Thematisch war „Andershimmel“ ein Volltreffer. Die Geschichte des Romans und seine Sprache konnten mich dagegen nicht überzeugen.

Zum Inhalt
Viel innerer Monolog, wenig Handlung

Die Handlung in „Andershimmel“ ist sehr übersichtlich: Der Protagonist Johannes reist in das Dorf seiner Kindheit, um seine Zwillingsschwester Miriam in der Psychiatrie zu besuchen und herauszufinden, was zu ihrer Selbsteinweisung geführt hat. Dabei erinnert er sich an Begebenheiten aus seiner Jugend und versucht, seinen Frieden mit der einengenden religiösen Gemeinschaft im Dorf Himmelreich zu schließen.

Der Protagonist ist als Professor ein „Mann des Geistes“. Das merkt man immer dann, wenn er sich in seitenlangen Gedankenspiralen verliert. Dabei dreht und wendet er gedanklich eine Vielzahl von Themen und Fragen, ohne sie am Ende einer ihn (oder den Leser) befriedigenden Antwort zuzuführen.

Thematisch überfrachtet

Durch die schnelle Aufeinanderfolge vieler, sehr unterschiedlicher Themen wirkt der Roman überfrachtet. Aufgegriffen werden religiöser Fundamentalismus, psychische Krankheit, das deutsche Gesundheitssystem, Dorfleben, Lebenswelten von Geflüchteten, arabischer Kulturraum, Islam, USA, Geschlechterrollen und Gleichberechtigung, Identitätsfindung, Eheleben, Älterwerden, Geschwisterbeziehung, sexuelles Erwachen, Gewalt in der Erziehung, Globalisierung und viele weitere.

Für die eigentliche Handlung in „Andershimmel“ spielen viele der Themen keine Rolle; ihr Aufgreifen dient auch nicht merklich dazu, den Protagonisten zu charakterisieren. Johannes bleibt bei all den Gedanken, die er sich macht, schwer fassbar: Ein mittelalter Mann, gebildet, demütig angesichts beschränkten Wissens, dabei auch triebgesteuert, suchend und aufgrund der rein männlichen Perspektive gegenüber der weiblichen Lebensrealität seltsam empathielos.

Eine Figur, losgelöst von ihren Eigenschaften

Peter Blickle kreiert Besonderheiten seines Protagonisten, die er im Laufe des Romans wieder aus den Augen verliert. So kennt Johannes sich ausnehmend gut mit Schlafmitteln und Psychopharmaka, mit klassischer Musik oder dem Innenleben des Universitätsapparates aus. Das kommt allerdings nur ein- oder zweimal in sehr geballter Form zur Sprache. Dadurch wachsen die Figur und ihre Besonderheiten nicht recht zusammen. Bei dem Leser entsteht der Eindruck, bestimmte Passagen seien sofort nach der Recherche niedergeschrieben worden, um ein zuvor erdachtes Merkmal des Protagonisten „abzuhaken“.

Wilhelmsdorf Württemberg Betsaal
Wilhelmsdorfer Betsaal, Bild von Andreas Praefcke

Zwei Motive finden sich allerdings durchgehend im Roman:

Gott…

Die Religion fließt als Motiv immer wieder durch das Zitieren von Psalmen oder Bibelpassagen ein. Sehr ungewöhnlich ist, dass der Verlag sich dazu entschloss, die ersten beiden Buchstaben bei allem, das auf das Göttliche Bezug nimmt, groß zu schreiben. Das sieht dann so aus:

„Du spürst IHn, DEr zu dir kommt. Du spürst IHn, DEr bei dir ist. Mit SEiner Liebe.“

S. 253

Bei mir als Leserin hemmte diese Art der Buchstabenwahl den Lesefluss und wirkte unfreiwillig komisch, weil sie mich jedes Mal an diese übERZogenE SchReiBweiSE iM iNteRNet erinnerte.

… und Sex

In „Andershimmel “ nimmt der Protagonist nimmt alle Frauen in seiner Umgebung als potentielle Geschlechtspartnerinnen wahr. Die kulturelle Zurückhaltung seiner syrischen Deutschschülerin löst bei ihm ebenso Erregung aus wie der Anblick einer Elektrogeräteverkäuferin oder der Mädchen in seiner Schulklasse.

„Manchmal blickten die Bubenaugen hinüber auf die Mädchenseite. Spreizest deine Beine für alle, die vorübergingen. Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt.“

S. 75

Wenn dann tatsächlich einmal Sex beschrieben wird, dann nur andeutungsweise, fast verschämt, sodass man sich als Leserin fragt, was denn nun zwischen den beiden Figuren passiert ist.

Als sehr befremdlich empfand ich das sich durch den Roman ziehende inzestuöse Interesse des Protagonisten an seiner Zwillingsschwester. Es wird in den Jugenderinnerungen – häufig durch abgewandelte Psalmen – angedeutet und in der Romangegenwart fortgeführt, ohne, dass es letztlich zur Handlung oder Figurenentwicklung beitrüge.

„Meine Lippen, mein Bruder, lechzen nach dir, sie suchen das Rot in deinen Lippen, sie suchen den Ursprung der Sonne in deinem Gesicht.“

S. 273

Die Frauenfiguren

Das Einfühlen in die Frauenfiguren gelingt in „Andershimmel“ nicht recht. Der Protagonist verliert sich in Gedankenstrudeln, denkt aber vor seinen Handlungen nicht ein einziges Mal darüber nach, welche gesellschaftlichen und erzieherischen Konsequenzen vorehelicher Geschlechtsverkehr für die Mädchen in seiner Gemeinde hat. Überhaupt macht er sich eher wenige Gedanken über das Leben der Mädchen, mit denen er schläft. Hier herrscht eine seltsame Diskrepanz zwischen dem Ausmalen der sexuellen Annäherung und der Schilderung der darauffolgenden Emotionen. So hat der Protagonist Geschlechtsverkehr mit mehreren Mädchen im Dorf von denen einige später Suizid begehen. Die Gründe hierfür oder die Gedanken und Gefühle des Protagonisten schildert der Autor nicht.

Die Nebenfiguren und die Zwillingsschwester Miriam

Die Nebenfiguren bleiben insgesamt sehr farblos. Miriams Mann Matthias und ihre Kinder wirken austauschbar, weil der Leser kaum etwas über sie erfährt. An anderer Stelle hingegen verlangt Blickle zu viel von seinen Nebenfiguren. Die Figur der selten in der Geschichte auftauchenden Syrerin Sahara überfrachtet er, indem er sie geballt auf engem Raum als sich emanzipierende Frau, Mutter, Geflüchtete, Gläubige, Familienmitglied, Schülerin und Traumatisierte charakterisiert.

Gut gelingt dagegen die Darstellung von Johannes‘ Zwillingsschwester Miriam. Die Schilderung ihrer Sitzhaltung und ihres Gesichtsausdrucks in der Psychiatrie sind nuanciert; durch die Aussagen, die der Autor sie tätigen lässt, lernt der Leser die Figur besser kennen. Gleichzeitig wird dabei die immerwährende Distanz, die selbst zwischen zwei eng verwandten Menschen besteht, deutlich. Johannes weiß nie, wie genau sich seine Schwester fühlt, wie genau sie Erlebnisse in der gemeinsamen Kindheit und Jugend wahrgenommen hat. Dieser Aspekt wird sehr eindrücklich vermittelt.

Zur Sprache

Die Sprache des Romans empfand ich aufgrund des häufigen Einsatzes literarischer Ellipsen als eher mühsam zu lesen. Die übergangslose Aufeinanderfolge von Gedankenfetzen bremste meinen Lesefluss.

„Und gleich daneben im Atmen war der Garten, der zitterte, waren die Palmen, die zitterten, war das Grün, das zitterte. Im Wasser. In der Fruchtbarkeit. In GOtt. Denn DEr war da. Im Atmen. In der Dankbarkeit. Tief in ihm. Der Friede.“

S. 261

Dabei tauchten immer wieder Sätze auf, die gewollt bedeutungsschwer waren, ohne, dass sich mir ihre Bedeutung für Handlung oder Figurenentwicklung erschloss. Etwa, wenn die Zwillingsschwester des Protagonisten unvermittelt feststellt:

„Liebe ist eine Landschaft, in der man sich heimkommend verliert.“

S. 294

Die teilweise arabische Nummerierung der Kapitel (sehr unauffällig gehalten und nur dort, wo es inhaltlich passte) ist ein durchaus kreatives und bemerkenswertes Einsprengsel. Sie wirkt aber, angesichts der vielzähligen Themen des Romans und dem regen Gebrauch anderer Stilmittel, übermäßig.

Fazit

Peter Blickles Roman „Andershimmel“ gibt einen Einblick in eine parallele Lebensrealität in Süddeutschland. Durch die Vielzahl an aufgegriffenen Themen und Motiven wirkt die Geschichte jedoch überladen und traf auch sprachlich aufgrund der in hoher Frequenz eingesetzten Stilmittel nicht meinen Geschmack.

Der Autor

Peter Blickle wurde 1961 in Ravensburg geboren und hat eine Professur für deutsche Literatur und Gender and Women’s Studies an der US-amerikanischen Western Michigan University inne. Er hat bisher mehrere Romane veröffentlicht.

Das Dorf „Himmelreich“ hat der Autor seinem Heimatort Wilhelmsdorf in Württemberg nachempfunden. Wilhelmsdorf wurde 1824 als pietistische Siedlung der Evangelischen Brüdergemeinde gegründet; den Betsaal und andere im Roman beschriebene Einrichtungen finden sich dort wieder.

Beim SWR gibt es ein Interview mit Peter Blickle.

Weitere Meinungen zu „Andershimmel“

Renies Lesetagebuch

Dieter Wunderlich

Sabine Salzmann auf Evangelische Aspekte

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