Nathacha Appanah: Das grüne Auge (2021)

Nathacha Appanah

„Das grüne Auge“ der auf Mauritius geborenen Autorin Nathacha Appanah erzählt die Geschichte vom brutalen Aufwachsen auf den Straßen des französischen Übersee-Départements Mayotte.

Habt ihr schon mal einen Roman gelesen, der auf Mayotte spielt? Ich bis zu dieser Buchperle von Nathacha Appanah auch nicht. Mein erster Weg führte mich daher zur Eckdatenrecherche: Mayotte besteht aus einer Hauptinsel und mehreren kleinen Inseln und liegt in der Straße von Mosambik im Indischen Ozean. Politisch gehört es zu Frankreich, geographisch zur Inselgruppe der Komoren. Aufgrund der politischen Zugehörigkeit zu Europa ist die Ungleichheit zwischen Mayotte und der naheliegenden bitterarmen Union der Komoren riesig.

Nathacha Appanah, die selbst von 2008-2010 auf Mayotte lebte, erzählt von den Problemen des französischen Départements am anderen Ende der Welt. Ihr Protagonist, der junge Moïse, hat zunächst eine vielversprechende Zukunft: Nachdem seine Mutter ihn wegen seiner verschiedenfarbigen Augen aus Aberglauben zurückließ, nimmt sich die Französin Marie seiner an. Er lernt fließend Französisch, besucht eine gute Schule und hat ein liebevolles Zuhause. Als Marie überraschend stirbt, wendet sich das Blatt und Moïse sitzt von heute auf morgen auf der Straße. Er findet Unterschlupf bei der Straßengang des gleichaltrigen Bruce, dem „Chef von Gaza“, der mit harter Hand über den Slum der Hauptstadt Mamoudzou herrscht. Als Moïse versucht, dem Leben auf der Straße den Rücken zu kehren, sieht Bruce sich herausgefordert und es kommt zu einer brutalen Auseinandersetzung zwischen den jungen Männern.

Mein Eindruck

In einem Anflug von Größenwahn hatte ich mir die französischsprachige Originalversion des Romans, die schon 2016 unter dem Titel „Tropique de la violence“ erschien, zum Parallellesen zurechtgelegt. Daraus wurde nicht nur aufgrund meiner mittlerweile dürftigen Französischkenntnisse nichts: „Das grüne Auge“ fesselte mich vom ersten Augenblick an und es blieb keine Zeit, Passagen zweimal zu lesen – ich wollte wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Ein Blick aus jedem Winkel

Die Autorin Nathacha Appanah erzählt die Handlung um Moïse aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben dem Protagonisten selbst kommen u. a. sein Widersacher Bruce – der sich nach seinem Comichelden Bruce Wayne benannt hat –, seine Mutter Marie, ein Polizist und ein Entwicklungshelfer zu Wort. Durch die kurzen Passagen und Rückblicke in die Geschichte der jeweiligen Figuren zeigt Appanah auf, welche kulturellen Welten auf Mayotte aufeinanderprallen.

Die verschiedenen Personengruppen verfolgen ganz unterschiedliche Interessen: Die bitterarmen Geflüchteten aus der Union der Komoren setzen unter Lebensgefahr auf wackeligen Booten über, nur um dann festzustellen, dass sie ohne Französischkenntnisse und Berufsabschlüsse auf Mayotte als „Illegale“ nicht erwünscht sind. Die Staatsgewalt auf Mayotte in Form von Polizisten und Feuerwehrleuten erscheint völlig überfordert von der stark wachsenden Bevölkerung und der zunehmenden Flut illegaler Drogen. Hilfe aus dem Mutterland Frankreich lässt auf sich warten.

„Ich bin kein Historiker, kein Politiker, ich bin weder ein Intellektueller noch ein Visionär, ich bin bloss ein Polizist, und wenn ich wüsste, wie man dieses Land kurieren könnte, würde ich es lauthals verkünden.“ S. 61

Die vor Ort lebenden Franzosen vom Kontinent sind oftmals auf der Durchreise, junge Studenten sammeln „Entwicklungsarbeit auf Mayotte“ als exotischen Pluspunkt für den Lebenslauf, bekommen vom Elend der Insel nicht allzu viel mit und besuchen lieber einen der vielen Traumstrände der Insel.

„Sie wissen eine ganze Menge, diese Leute, sie kennen die Zahlen des Elends, sie kennen die Statistiken der Kriminalität, sie studieren die Grafiken der Gewalt, sie nehmen Wörter wie Kultur und Freizeit in den Mund, aber in Wirklichkeit begreifen sie nie etwas.“

S. 151

„Nathacha Appanah weiß, worüber sie schreibt“

Gerade die Nebenfiguren erscheinen durch die Reduzierung auf ihre Profession oder ihre Herkunft ein wenig schablonenhaft. Das verzeiht man als Leserin aber schnell, da jeder Blickwinkel mit neuem Wissen über die Interessenlage auf der Insel einhergeht.

Man merkt dem Roman an, dass die Autorin Nathacha Appanah weiß, worüber sie schreibt. Das Elendsviertel Kaweni (das seine Einwohner aus naheliegenden Gründen „Gaza“ nennen) taucht – jedenfalls in deutschsprachigen Beschreibungen von Mayotte – kaum auf. Ein einziger Blick auf die Satellitenbilder genügt jedoch, um es auf der Karte zweifelsfrei auszumachen. Die Autorin beschreibt die Zustände so glaubhaft, dass mir nach dem Lesen völlig einleuchtete, wie ein Halbstarker es schaffen konnte, in diesem Viertel zum Unterweltboss aufzusteigen und jede Menge williger Helfer um sich zu scharen. Verständlich wird auch, warum es Mayotte nicht bis in unsere Nachrichten schafft: Das Elend ist zu weit weg, die Bevölkerung klein, die illegale Migration dort ist ein rein französisches „Problem“ und unbeschwerten Luxusurlaub macht man eher auf Mauritius oder La Réunion.

Schönheit und Würde

Neben all den düsteren Themen des Romans blitzt hin und wieder, wohl dosiert, auch die Schönheit der weit entfernten Insel auf. Der scharfe Kontrast von teils überwältigend schöner Natur und dem Dreck des Slums nährt im Kopf das Bild einer „Hölle im Paradies“.

„Ich folgte einem schattigen, von Büschen gesäumten Pfad, durch den winzige Schmetterlinge gaukelten, ringsum standen hohe Bäume, Eukalyptus, Mangos. […] Ich kam zu einer kleinen, mondsichelförmigen Bucht, und unter meinen Füssen lag jetzt schwarzer Sand, so schwarz wie meine Haut.“

S. 155

Das Ende des Romans hat mich dann zunächst ein kleines bisschen ratlos zurückgelassen. Doch am Ende ist es sehr konsequent, dass die Autorin nach einer Geschichte voller Gewalt und Elend nicht versucht, die jahrzehntealten Probleme Mayottes in einem Federstrich zu lösen. Ihren Figuren schenkt sie – im Leben wie im Tod – eine Würde, die die Brutalität der sozialen Probleme Mayottes zwar nicht schönt, aber ein wenig erträglicher macht.

Fazit

„Das grüne Auge“ von Nathacha Appanah ist ein bemerkenswerter Roman, der den Horizont des Lesers enorm erweitert und die politischen Probleme des französischen Übersee-Départements ins Bewusstsein rückt. Eine Lektüre, die mich nachhaltig beeindruckt hat und daher eine unbedingte Empfehlung.


Nathacha Appanah, Das grüne Auge, OT: Tropique de la violence (2016), aus dem Französischen von Yla M. von Dach, Lenos Verlag 2021.

Weitere Besprechungen von Nathacha Appanahs „Das grüne Auge“

Pocolit
SWR2, Besprechung von Claudia Kramatschek

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