Reinhard Kuhnert: Abgang ist allerwärts (2019)

Abgang ist allerwärts

„Abgang ist allerwärts“ von Reinhard Kuhnert ist ein gelungener Dorfroman, der die Lebenswirklichkeit von Stadt und Land in der DDR widerspiegelt.

„Abgang ist allerwärts“, sagen die Figuren im kleinen mecklenburgischen Dorf in Reinhard Kuhnerts Roman. „Ein bisschen Verlust ist immer“, sagt man da, wo ich herkomme. Gemeint ist dasselbe: Beim Umsetzen des Plans in die Wirklichkeit gibt’s Reibungsverluste und wenn die sich gerade in den Gütern des (DDR-)Staates manifestieren, dann macht das auch nichts.

Zum Inhalt

Der aufstrebende junge Theater-Autor Elias Effert kauft ein altes Haus in einem mecklenburgischen Dorf, um dort ungestört arbeiten zu können. Während er der Großstadt Berlin anfangs nur für kurze Zeit entflieht, werden schon bald aus den Arbeitswochenenden ganze Wochen im Dorf. Mithilfe der Dorfbewohner renoviert Effert sein Haus und lernt bei langen Abenden in der Kneipe die Geschichten seiner neuen Nachbarn kennen. Bald zeigt sich: Obwohl man hier, fernab der Großstadt und nahe der polnischen Grenze, schon Kaiserreich und Nationalsozialismus ausgehalten hat, lässt die politische Situation in der DDR die Dorfbewohner nicht kalt und ein jeder versucht, sich irgendwie zu arrangieren.

Bereicherung fürs Genre „Dorfroman“

Während bisherige „Dorfromane“ (Ist das schon eine eigenständige Genre-Bezeichnung?) hauptsächlich das Leben in Westdeutschland und der alten Bundesrepublik thematisieren, nimmt Reinhard Kuhnert seine Leser mit in den Osten Deutschlands. Viele bekannte Elemente wie die Nähe zur Natur, eine generationenübergreifende Dorfgeschichte und die Eigenheiten der unterschiedlichen Bewohner tauchen auch hier auf. Dadurch, dass Kuhnert jedoch seine Figur Elias Effert als Außenseiter, der mit den Sitten und Gebräuchen nicht vertraut ist, auf den Mikrokosmos schauen lässt, ergeben sich viele neue und überraschende Einsichten.

Der Autor aus der großen Stadt

Argwöhnt der Leser (und Dorfbewohner), dass der Autor aus der großen Stadt dem Dorfleben mit einer gewissen Portion Überheblichkeit gegenübertritt, so wird er bald eines Besseren belehrt. Denn Elias Effert fügt sich in den Rhythmus des Dorfes aus Arbeit, Einkauf im Tante-Emma-Laden und allabendlicher Kneipenfachsimpelei schnell nahtlos ein und wird für das Dorf ein Unikat, er wird sein Autor. Dieser innere Wandel Efferts, weg vom eher distanzierten Beobachter hin zum Teil der Dorfgemeinschaft, ist eine Figurenentwicklung, die diesen Roman aus seinem Genre heraushebt.

„Wenn Effert zwischen den Männern saß, die vom Feld oder aus dem Stall kamen, relativierten sich die Probleme, sie schrumpften auf ein Normalmaß.“

Dabei wird Efferts Abneigung die politisch gewollte Einschränkung seines künstlerischen Schaffens immer stärker. Mit teils beißender Ironie gibt Kuhnerts Protagonist die Schreiben und Aussagen der Staatsgewalt wieder, die alles andere als Lobhudelei in dieser späten Phase nicht mehr duldet. Das trägt dazu bei, dass Effert sich in seiner ursprünglichen Wahlheimat Ost-Berlin nicht mehr willkommen fühlt und die Flucht aufs Dorf immer stärker auch als Flucht vor dem System begreift.

„Sein Hörspieltext sei nach genauerer Betrachtung künstlerisch doch nicht überzeugend und es gäbe darüber hinaus auch ideologische Bedenken. Dieser Selbstmord der Hauptfigur im Stück sei etwas dem Sozialismus höchst Fremdes und die Gegner unserer Gesellschaft seien nie Opfer, sondern immer Täter.“

„So war es wirklich damals!“

Dazu kommt die unheilvolle politische Lage, die selbst bis ins kleine mecklenburgische Dorf vordringt. Auch hier herrscht Mangelverwaltung und in der Kneipe passt man – so gut man sich auch kennt – doch auf, was man laut sagt. Jeder kennt jemanden, der drüben im Westen Arbeit gefunden hat. Die vorherrschende Stimmung ist eine Mischung aus Stolz, Trotz und Sehnsucht. Gerade diese Stimmung, die im Roman die Dorfszenen durchdringt, macht Kuhnerts Geschichte, die er nach eigenem Erleben niedergeschrieben hat, so besonders. Auch der überraschte Ausruf einer älteren Bekannten „So war es wirklich damals!“, zeigt, wie authentisch das Beschriebene ist.

Wer bei Reinhard Kuhnert vom Leben in Stadt und Land liest, dem wird jedoch eines auffallen: Getrunken wird überall. Wein und Bier spielen im Roman eine große Rolle und in nicht nur einem Kapitel wacht der Protagonist Elias Effert mit Brummschädel auf. Wer leicht über so etwas hinweglesen kann, der erfährt an den weinseligen Abenden eine Menge Dorftratsch, erhält aber auch pikante Informationen darüber, welche Dorfbewohner mit dem Unrechtsstaat kollaboriert haben – und welche Auswirkungen das auf ihr Ansehen im Dorf hat.

„Er gehörte zu den Männern im Dorf, die schon seit langem ohne Frau lebten. Und er trank schon seit Jahrzehnten. Das ‚Jahrzehnten‘ betonen sie im Dorf besonders, denn ‚jahrelang‘ wäre nichts Außergewöhnliches gewesen.“

Fazit

Reinhard Kuhnerts „Abgang ist allerwärts“ ist ein empfehlenswerter Dorfroman, der durch seinen politischen Aspekt weit über die Grenzen des Genres hinausgeht und authentischen Einblick in das ländliche Leben Mecklenburgs in den 1970er und 1980er Jahren gibt. Eine Empfehlung!


Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts, 2. Auflage, Mirabilis Verlag 2019, 240 S., 20€.
Hier liest Autor Reinhard Kuhnert aus seinem Werk.

Weitere Meinungen zu „Abgang ist allerwärts“

Kulturbowle
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Borbély, Szilárd: Die Mittellosen

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