Michael Göring: Dresden. Roman einer Familie (2021)

Michael Göring DresdenMichael Göring erzählt in „Dresden. Roman einer Familie“ die Geschichte einer über Jahrzehnte andauernden Freundschaft zwischen einem jungen westdeutschen Studenten und einer ostdeutschen Familie.

Inhalt

Fabian startet gerade in sein Kölner Studentenleben, als er sich 1975 zu einer eher ungewöhnlichen Urlaubsreise entschließt: Er will die Brieffreundin seiner Tante in Dresden kennenlernen. Gemeinsam mit seinem Freund Till macht er sich auf den Weg und trifft nach einiger Aufregung an einem deutsch-deutschen Grenzübergang in Dresden ein. Die Brieffreundin seiner Tante und ihre Familie schließen ihn sofort in ihr Herz und die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Insbesondere die gleichaltrige Tochter der Familie, Anne, erobert Fabians Herz. Aus der ersten Begegnung entwickelt sich eine langjährige Freundschaft mit vielen einseitigen Besuchen ­– bis im Oktober 1989 einer der ersten Sonderzüge mit DDR-Bürgern von Prag aus nach Westdeutschland rollt.

Göring siedelt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen an:

Im Oktober 1989 besucht sein Protagonist Fabian ein Chorkonzert seines Patenkindes in Ostberlin während gleichzeitig alle Bekannten in Ost und West auf eine Nachricht von Kai warten, der in einem der Sonderzüge von Prag nach Hof sitzt und auf jedem Meter bangt, doch noch vor der Grenze aufgehalten zu werden.

1975 besucht Fabian erstmals die DDR und hegt gleich von Beginn an eine tief empfundene Sympathie für die Familie Gersberger, die ihn in Dresden willkommen heißt. Die Mutter Gaby führt eine Brieffreundschaft mit Fabians Tante und ihr Mann Ekkehard bringt Fabian ein väterliches Wohlwollen entgegen, die er in seiner eigenen Familie immer vermisst hat.

Der Sohn der Gersbergers, Kai, entwickelt im Laufe der Handlung eine Unzufriedenheit mit den Zuständen in der DDR, die ihn schließlich sogar zu einem Fluchtversuch treibt. Besonderes Interesse bringt Fabian der Tochter der Familie, Anne, entgegen. Sie legt eine Freiheit und Unabhängigkeit an den Tag, die den jungen Mann aus der westfälischen Provinz völlig in ihren Bann schlagen. Als Anne früh heiratet und zwei Kinder zur Welt bringt, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, die von einem sehnsüchtigen Rückblick auf die erste Begegnung geprägt ist. Im Laufe der Jahre folgen viele weitere (einseitige) Besuche Fabians, dessen beruflicher Werdegang in von Köln nach München bis schließlich nach Bonn führt und dabei immer wieder Reisen ins weiter entfernte Ausland zulässt.

Mein Eindruck

Die Handlung von Michael Görings Geschichte „Dresden. Roman einer Familie“ beschränkt sich hauptsächlich auf die Zeit, die sein Protagonist Fabian in der DDR verbringt. Zwischen den einzelnen Kapiteln liegen daher oft mehrere Jahre; die Entwicklungen der Zwischenzeit werden in kurzen Sätzen rekapituliert. Durch diese Konzentration auf einige wenige Gespräche, die immer in derselben oder einer ähnlichen Personenkonstellation stattfinden, wirkt die Handlung ein wenig erzwungen.

Die Figuren

Gerade die immer wieder eingestreuten Hinweise auf zeitgeschichtliche Ereignisse wie den Terror der RAF, Zahlungen der Bundesrepublik an die DDR oder die Ausreise von Geflüchteten über die Prager Botschaft und die sich daran anschließenden Diskussionen im Familienkreis führen dazu, dass die Figuren nicht als eigenständige Charaktere erscheinen, sondern als Sprachrohre verschiedener Geisteshaltungen zum Zeitgeschehen:

So ist Fabian der nunmehr familiär verflochtene Westbürger, dem die Entwicklung in der DDR aufgrund persönlicher Kontakte wichtig ist und der durch die Einfuhr verschiedenster Bedarfsgüter direkte Hilfe leistet.

Der väterliche Ingenieur Ekkehard dagegen ist der ewige Optimist, der das System von innen heraus verbessern will und solange an Gerechtigkeit glaubt, bis er selbst aufgrund des Verhaltens Dritter schwerwiegende berufliche Konsequenzen erdulden muss.

Seine Frau Gaby dagegen ist zwar politisch interessiert, agiert aber zunächst wenig und besinnt sich auf den Zusammenhalt der Familie und die Beschaffung von „Bückware“, bis die dauerhafte Anspannung auch gesundheitlichen Tribut fordert. Über ihre Wünsche und Träume erfährt der Leser wenig.

Die junge Anne dagegen scheint sich von Anfang an zu arrangieren; sie ist stolz auf ihre Ausbildung zur Heilpädagogin, auf eine Diskussion darüber, dass ihr das Medizinstudium wegen des beruflichen Hintergrundes ihres Vaters verwehrt wurde, lässt sie sich nicht ein. Sie ist stolz auf ihre Heimat Dresden und das Elbsandsteingebirge, auf Schlösser und Seen und richtet sich in der Erziehung ihrer Kinder und dem Eheleben mit ihrem langjährigen Freund ein. Eine Politisierung geschieht erst, als sie die Gesundheit ihrer Familie durch die zunehmende Umweltweltverschmutzung gefährdet sieht.

Der Sohn der Familie, Kai, entwickelt sich im Laufe des Romans vom kritischen Teenager zum Republikflüchtling. Er lernt die dunkelsten Seiten des Regimes unmittelbar kennen und schwankt immer wieder zwischen Agitation und Resignation, verliert sich zeitweise im Alkohol, schöpft wieder Hoffnung und ist stärker als alle anderen Figuren auf den Rückhalt innerhalb der Familie angewiesen.

Dresden Stadtansicht
Dresden – eine fotogene Stadt
Die Liebe zu Dresden

Die Sprache Görings ist sehr angenehm zu lesen und von tiefer Wertschätzung und Liebe für die in Dresden lebenden Figuren geprägt. Der Hinweis des Verlages auf eigene Kontakte des Autors in die Stadt erscheint fast überflüssig, denn die Bewunderung für die barocken Bauten und kulturellen Einrichtungen Dresdens sowie die beeindruckende Natur des Umlandes wird auf jeder Seite deutlich. Diesen Aspekt des Stolzes der Bewohner auf ihre Stadt, die sie – trotz aller Missstände wie zerfallender Häuser und unzuverlässiger Versorgung –  empfinden, stellt Göring sehr überzeugend dar.

Andere Themen wie die in Teilen mangelhafte Versorgung mit Produkten des täglichen Bedarfes wie Waschmittel oder Kakao macht der Autor für meinen Geschmack etwas zu deutlich. Die Direktheit, mit der auch verschiedene politische Geschehnisse und Zustände kommentiert wurden, empfand ich persönlich als störend. Hier wird dem einigermaßen informierten Leser für meinen Geschmack zu viel Denkarbeit und das Wiedererkennen zeitgeschichtlicher Ereignisse abgenommen.

Viel besser gelingt dies bei der Darstellung der Verhältnisse in der Heimat des Protagonisten, Paderborn: Den ausgeprägten Katholizismus und westfälischen Konservatismus gepaart mit einem zugrundeliegenden Generationenkonflikt stellt der Autor gut erkennbar, aber nicht überdeutlich dar.

Fazit

Als Leserin, die sowohl im Westfälischen als auch in Dresden zu Hause ist, hat mir Michael Görings „Dresden. Roman einer Familie“ von der ersten bis zur letzten Seite große Freude bereitet. Die stets durchscheinende Liebe des Autors zur Stadt und ihren Menschen gepaart mit Hintergrundwissen zum Leben in der DDR überzeugte mich und half auch über jene Passagen hinweg, in denen Michael Göring den Leser zu sehr an die Hand nahm. Eine Empfehlung.


Michael Göring, Dresden. Roman einer Familie, Osburg Verlag 2021, 301 S., 24€.

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Ein Gedanke zu „Michael Göring: Dresden. Roman einer Familie (2021)

  1. Interessante Einführung in den Roman. An der Rezension gefällt mir besonders die Kritik, die letztlich aber den Roman als solchen trotzdem als wohltuende Lektüre kennzeichnet.
    Viele Grüsse

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