[Leserunde] Charles Dickens: David Copperfield (1850)

David Copperfield

David Copperfield von Charles Dickens ist einer bekanntesten Entwicklungsromane der Literaturgeschichte und überrascht mit vielen Wendungen und noch mehr Humor.

Auf der Suche nach der passenden Weihnachts- und Winterlektüre durfte ich mich noch ganz kurzfristig in die Leserunde von Matthias (@quoth) und Steffi (@MissBooleana) einklinken. Unter dem schon sehr bedeutungsvollen Hashtag #BarkisWill lasen wir das 1000-Seiten-Epos, dessen langer Titel dem Umfang gerecht wird:

„David Copperfield or The Personal History, Adventures, Experience and Observation of David Copperfield the Younger of Blunderstone Rookery (Which He Never Meant to Publish on Any Account)“. Es war gut, mit so einem umfangreichen Werk nicht allein zu sein!

Inhalt

„David Copperfield“ gliedert sich in 64 Kapitel. Charles Dickens lässt den autobiographisch angehauchten Schriftsteller Copperfield Lebenserinnerungen von seiner Geburt bis ins Erwachsenenalter hinein schildern.

Anfangs wächst David Copperfield als Halbwaise bei seiner jugendlichen Mutter und der treusorgenden Haushälterin Pegotty auf. Als die Mutter den strengen Mr. Murdstone, der nur im Doppelpack mit seiner ebenso humorlosen Schwester zu haben ist, heiratet, wird David auf ein Internat geschickt. Dort erzieht man ihn mithilfe von Strafen und Schlägen zu Gehorsam. David schließt Freundschaft mit dem Sunnyboy Steerforth und dem gutherzigen Traddles. Schließlich erträgt Mrs. Copperfield ihre neue Lebenssituation nicht mehr und stirbt in völliger Verkennung ihres Ehemannes vor Kummer.

„He is better able to judge of it than I am; for I very well know that I am a weak, light, girlish creature, and that he is a firm, grief, serious man. […] he takes great pains with me; and I ought to be very thankful to him, and very submissive to him even in my thoughts.“

Kap. VIII

Der junge David wird von seinem Stiefvater Murdstone zur (Kinder-)Arbeit nach London geschickt und muss von nun an sein Brot selbst verdienen. Dabei trifft er auf allerlei zwielichtige Gestalten, die ihn wahlweise ausnehmen wie eine Weihnachtsgans oder ganz anständig mit ihm umgehen wie die Familie Micawber, zu welcher er eine lebenslange Freundschaft unterhalten wird.

Als er das harte Leben in London nicht mehr erträgt, unternimmt er eine verzweifelte Flucht zu seiner unbekannten Großtante Betsey Trotwood nach Dover. Über sie hat er bislang nur Schlechtes gehört, aber die Dame stellt sich als formidabel heraus und nimmt David bei sich auf. Sie und ihr wunderlicher Mitbewohner Mr. Dick ermöglichen David den Schulbesuch in Canterbury, wo er bei dem freundlichen Rechtsanwalt Wickfield und dessen einfühlsamer Tochter Agnes unterkommt. Doch der Sekretär des Rechtsanwalts, Uriah Heep, spinnt schon Intrigen, um seinen Arbeitgeber von der gesellschaftlichen Leiter zu stoßen.

Von dem sich anbahnenden Unheil bekommt David zunächst nur wenig mit, denn er zieht in eine kleine Wohnung nach London, beginnt eine Ausbildung und verliebt sich in die hübsche, aber sehr kindliche Tochter seines Chefs, Dora.

Zu diesem Zeitpunkt sind dann alle Figuren eingeführt und es folgt ein Schicksalsschlag auf den anderen. David findet heraus, wer Freund und wer Feind ist. Dabei zeigt sich, dass manchmal die am besten helfen können, denen man es am wenigsten zutraut.

Die Figuren

Dickens erschafft Figuren mit hohem Wiedererkennungswert. Sowohl seine männlichen als auch die weiblichen Figuren haben ihre kleinen Macken und je eine eigene Sprechweise, die in der englischen Fassung, die ich gelesen habe, sehr schön transportiert wird. Wie auch in anderen Romane von Charles Dickens entstammen die Figuren verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Er berichtet über das Leben der wohlhabenden Adligen ebenso wie über das der Kutscher, Fischer und Prostituierten.

Während der Protagonist David Copperfield eine tausend Seiten dauernde Entwicklung durchläuft, entwickeln sich die anderen Figuren nicht weiter. Sie sind von Anfang an dichotomisch in „gut“ und „böse“ eingeteilt, was sich schon an der Beschreibung ihres Aussehens festmachen lässt.

„I saw a cadaverous face […] a youth of fifteen […] who had hardly any eyebrows, and no eyelashes […] and had a long lark skeleton hand […].“
Kap. XV

„Heilige oder Hure“

Die Frauenfiguren nimmt man als Leser mit gemischten Gefühlen wahr: Auf der einen Seite sind die weiblichen Charaktere zahlreich und für die Entwicklung der Handlung auch bedeutsam. Auf der anderen Seite schreibt Dickens häufig nach dem Prinzip „Hure oder Heilige“ und die engelsgleiche Selbstaufopferung einiger Figuren strapaziert die Nerven. Allerdings durchbricht Dickens die Dichotomie nach meiner Wahrnehmung bei der Figur der Martha. Einerseits rennt sie durch ihr eigene „moralische Verdorbenheit“ (oder was man im viktorianischen England dafür hielt) ins Unglück, andererseits ermöglicht Dickens ihr, durch einige richtige Entscheidungen auf die „helle Seite“ zurückzukehren.

Auch die Erziehung von und der Umgang mit jungen Frauen und Töchtern wird immer wieder thematisiert. Es gibt die Figur der Dora, die so verhätschelt wird, dass sie völlig lebensuntüchtig ist. Andere Frauen werden einfach von ihren Müttern in die Ehe begleitet. Durch Tante Betsey Trotwood findet Dickens hierfür klare Worte:

„It’s very much to be wished that some mothers would leave their daughters alone after marriage, and not be so violently affectionate.“

Kap. XLV

Little Em’ly

Auch Em‘ly wird nicht jede Verantwortung für ihre Entscheidungen abgesprochen und ihr „moralischer Fall“ wird durch die Beschreibung zweier Blickwinkel (jener der Pegottys und jener der Steerforths) ansatzweise ambivalent dargestellt. Zwar kommt sie nach ihrem Rechtfertigungsversuch gegenüber Ms. Dartle im Roman nicht mehr selbst zu Wort und verschwindet völlig von der Bildfläche. Doch Dickens versucht, durch die positiven Gedanken Davids an ihre gemeinsame Kindheit Mitgefühl für die schwierige Situation Em’lys zu erzeugen.

„There has been a time since – I do not say it lasted long, but it has been – when I have asked myself the question, would it have been better for Little Em’ly to have had the waters close above her head that morning in my sight; and when I have answered Yes, it would have been.“

Kap. III

Erzwungene Zufälle

Durch die fehlende Figurenentwicklung plätschert die Geschichte an manchen Stellen eher gemächlich vor sich hin. Wenn Charles Dickens dann doch Bewegung hineinbringt, entsteht diese durch – oftmals sehr erzwungen wirkende – Zufälle. Wie oft sich die Figuren in der schon damaligen Millionenstadt London zufällig über den Weg laufen, überschreitet deutlich die Grenze des Glaubhaften.

Überraschend modern

Anders als anfangs befürchtet, hatte „David Copperfield“ insgesamt aber nur wenige Längen. In den 20er Kapiteln nimmt die Behäbigkeit der Geschichte etwas Überhand; darüber hinaus wirkt der Entwicklungsroman durch die vielen Schauplatzwechsel, verschiedenen Handlungsstränge und zeitraffenden Elemente durchaus modern und kurzweilig.

Charles Dickens lässt seinen David Copperfield einige Schicksalsschläge erdulden. Dabei gelingt es ihm auf einmalige Weise, die Gedanken und Ängste seines zu Beginn kindlichen Protagonisten glaubhaft darzustellen. Während die Erwachsenen um ihn herum ihren eigenen Vorteil suchen oder überkommenen Moralvorstellungen hinterherlaufen, bleibt David oftmals auf der Strecke. Es zeigt sich – Überraschung! – dass eine glückliche Kindheit nicht vom Reichtum des Elternhauses abhängt, sondern auch in einer windschiefen Fischerhütte gelingen kann. David Copperfields Tante verrät ihm, wie man mit Rückschlägen umzugehen hat:

„We must meet reverses boldly, and not suffer them to frighten us, my dear. We must learn to act the play out. We must live misfortune down, Trot!“

Kap. XXXIV

Fazit

David Copperfield ist ein absolut lesenswerter Entwicklungsroman, dessen teils skurrile Figuren und hohe Handlungsdichte auch über die eine oder andere Länge hinweghelfen. Charles Dickens erzählt seine Geschichte mit viel Liebe, Warmherzigkeit und einer großen Portion Humor. Sein „David Copperfield“ war das perfekte Buch für die Weihnachtszeit.

Apropos, der gleichnamige US-amerikanische Zauberer hat den Namen „David Copperfield“ nur wegen seines eleganten Klangs gewählt und heißt bürgerlich David Seth Kotkin.


Charles Dickens, The Personal History of David Copperfield, 1850, verschiedene Ausgaben.
Das Buch ist Teil meiner Klassiker-Leseliste.

Weitere Artikel zur Leserunde um Charles Dickens‘ „David Copperfield“

23.12.2021      Zwischenfazit bei Miss Booleana
20.01.2021      Fazit bei Miss Booleana

und bei Twitter unter #BarkisWill.

8 Gedanken zu „[Leserunde] Charles Dickens: David Copperfield (1850)

  1. Huhu!
    Eine tolle Rezension! 🙂
    Bei vielen steht Dickens ja in der Kritik, weil er das meistens macht, wie du es so schön nennst, „Hure oder Heilige“.
    Es ist selten, dass er seine Nebenfiguren einer großen Entwicklung zuteil wird, meistens ist schon klar, wer der Böse oder die Gute sein soll und umgekehrt. Die Entwicklungen machen die Protagonisten durch.
    Ich mag das bei Dickens nicht immer, aber trotzdem mag ich seine Romane. Auch weil er immer diesen Humor hat.
    Liebe Grüße
    Diana

    1. Hallo, danke dir!
      Ich kann die Kritik nachvollziehen und hab es auch bei Oliver Twist nicht anders in Erinnerung. Bemerkenswert finde ich allerdings, dass Dickens überhaupt so viele Frauenfiguren einsetzt und dass er – auch wenn er mit den gesellschaftlichen Normen nicht bricht – jedenfalls Ansatzpunkte zum Nachdenken bietet (Em’ly wird ja nicht von Anfang an als „moralisch fehlgeleitet“ porträtiert, im Gegenteil, und gerät einfach in eine unglückliche Situation, an der sie nur teilweise selbst die Schuld trägt).

      Ansonsten fand ich das Buch trotz seiner Länge überraschend unterhaltsam, ich mochte wie du die teils skurrilen Figuren und den Humor (insbesondere der alten Tante Trotwood) sehr gern. Ich werde zwar jetzt nicht zur Dickens-Jüngerin, aber seine anderen Werke werde ich in kleinen Dosen (vielleicht eins zur Winterzeit) bestimmt noch lesen. 😊

      Viele Grüße!

    1. Ja, gerade in der Mitte habe ich auch eine kurze Länge wahrgenommen (und am Anfang, als der Erzähler so weitschweifig erzählte, dachte ich tatsächlich: ,,Das kann ja noch heiter werden“). Alles in Allem fand ich es für ein Werk von 1000 Seiten aber doch noch kurzweilig zu lesen. Gerade die vielen Aufklärungen und Entwicklungen im zweiten Teil haben mich bei der Stange gehalten.
      Bin gespannt, ob das Gefühl bei den anderen Schinken auf dem Lesestapel auch einsetzt. Der nächste Wälzer ist ,,Der Name des Windes“.

  2. Liebe Jana,

    die Kritikpunkte, die du anbringst (Frauenbild, Einteilung in gut und böse, zu sehr konstruierte Zufälle/Situationen), sind auch die Punkte, die mich bei Dickens immer wieder stören. Ich liebe seine Romane dafür, dass er sich verstärkt denen widmet, die es im Alltag am schwersten haben, seinen wiederkehrenden Fokus auf soziale wie rechtliche Ungerechtigkeit und seine spitze Zunge. Aber dass sich seine Schwachstellen in seinen Geschichten wieder und wieder finden und Dickens hier anscheinend keine Weiterentwicklung in seiner schriftstellerischen Laufbahn machte, ist traurig. Diese Punkte führen auch immer wieder dazu, dass mich seine von vielen so geliebten Werke immer nur mäßig überzeugen können.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    PS: Ich fand es total spannend, eure Leserunde zeitgleich zu Utes und meiner Dickens-Lektüre zu verfolgen und Parallelen zu finden. 🙂

    1. Liebe Kathrin,

      ich bin gespannt, wie ich diese Punkte bei den nächsten Werken von Dickens wahrnehmen werde (ein paar stehen ja noch auf der Klassiker-Liste). Ich habe gelesen, dass insbesondere seine Betrachtung der Gedanken und Gefühle von Kindern innovativ gewesen sein soll. Ob er sich schriftstellerisch nicht weiterentwickeln konnte oder wolle, weiß ich nicht. Vielleicht ist er auch bewusst bei seinem Erfolgsrezept geblieben. Seine Bücher scheinen die Gesellschaft ja nicht von Grund auf umkrempeln zu wollen, da ist es nachvollziehbar, dass er im Hinblick auf seine Frauenfiguren und Rollenbilder den gesellschaftlichen Normen seiner Zeit verhaftet blieb. Trotzdem wäre eine sichtbare Weiterentwicklung für uns heutige Leser natürlich spannender gewesen.

      Liebe Grüße
      Jana

      PS: Eure Leserunde hat mir richtig Lust auf „Eine Geschichte aus zwei Städten“ gemacht. 😊

  3. Freut mich, dass wir dich trotz mancher Kritikpunkte neugierig machen konnten. Das Ende ist definitiv das Highlight von A Tale of Two Cities.

    Das mit der Sicht auf Kinder wusste ich noch gar nicht. Ich habe bisher aber nur eine Geschichte gelesen, in der Dickens den Blick gezielt auf Kinder richtet (Oliver Twist). Daher kann ich das noch gar nicht beurteilen. Bei späteren Texten von ihm werde ich das aber mal beobachten 🙂

    Tendenziell hat Dickens sich aber schon für diejenigen eingesetzt, die von Gesetz her benachteiligt wurden (außer halt Frauen).

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