Christa Meier-Drave: Felix. Mit dem Fahrrad zur Musik (2020)

Christa Meier-DraveChrista Meier-Drave erzählt anhand von alten Aufzeichnungen ihres Mannes, die sie nach dessen Tod fand, auf sehr berührende Weise die Geschichte ihrer Schwiegerfamilie.

Die Wilmsmeiers erlebten nahe Detmold zwei Weltkriege und die Nachkriegszeit. Wie vielen Familien fehlte es ihnen nach 1945 an allem. Doch ihr kleiner Ort Meiersfeld weiß sich zu helfen: Die Familien bauen Obst und Gemüse im Hinterhof an, schlachten herumstehendes Kriegsgerät aus und nehmen Vertriebene aus Ostpreußen auf. In dieser turbulenten Zeit besucht Felix das Gymnasium und entdeckt seine Liebe zum Klavierspiel. Zum Musikunterricht geht es dabei zunächst mit dem Fahrrad.

Viel Liebe und viel Musik

Christa Meier-Drave gelingt es, allen Figuren der Familie Wilmsmeier großen Wiedererkennungswert zu verleihen. Das ist umso bemerkenswerter, als sie die meisten nur aus Erzählungen kennt. Dabei sind sowohl Männer- als auch Frauenfiguren hervorragend ausgearbeitet. Dem Schreiben der Autorin merkt man den Respekt vor ihren Figuren und deren Lebensleistung an. In allen Generationen finden sich liebenswerte und dabei auch spleenige Charaktere, denen die Einsprengsel von Lippisch Platt noch mehr Authentizität verleihen.

„Opa ist zu riechen, denn er raucht Pfeife, immer. ‚Püipen, Beuer un Mättwost mott süin!‘

(Pfeife, Bier und Mettwurst muss sein).“ S. 117

Auch die Beschreibungen des Dorfes Meiersfeld, nordöstlich von Detmold und in der Nähe Bielefelds gelegen, sind wunderbar. Deshalb werden Freunde von Dorfromanen, z. B. von Dörte Hansen (Altes Land, Mittagsstunde) oder Reinhard Kuhnert (Abgang ist allerwärts), voll auf ihre Kosten kommen. Beim westfälischen Charakter der Einwohner (eher wortkarg, leicht misstrauisch, im Grunde aber herzlich) trifft die Autorin den Nagel auf den Kopf.

„Im Fleck und darüber hinaus sind die Wilmsmeiers angesehene Leute. Zwar sieht man mit Argwohn, dass alle drei Kinder das Gymnasium in der Stadt besuchen, denn das ist nicht üblich im Dorf. Auch der Musikunterricht: so ein Unsinn! […] Aber sonst sind die Wilmsmeiers ganz in Ordnung.“ S. 76

Fazit

„Felix. Mit dem Fahrrad zur Musik“ hat mich berührt. Beim Lesen fühlte ich mich an die Geschichten über meine eigenen Großeltern erinnert und erkannte deren Lebensrealität im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland im Westfälischen wieder. Christa Meier-Drave gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Stück Literatur und eine ganz besondere Liebeserklärung an den eigenen Mann.

Christa Meier-Drave, Felix. Mit dem Fahrrad zur Musik, Aisthesis Verlag 2020, 151 S., 18€.

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