Chisako Wakatake: Jeder geht für sich allein (2021)

Chisako Wakatake Jeder geht für sich allein

Eine Japanerin, die erzgebirgisch-vogtländisch spricht. Mit Mitte 20 bricht Momoko aus der japanischen Provinz in die Großstadt auf. Ihr ländlicher Dialekt steht ihr beim Eingewöhnen im Weg. Als alte Witwe blickt sie auf ihr Leben zurück und bekommt Besuch von einem alten Bekannten: ihrem Dialekt.

Inhalt

Der Leser begleitet Momoko beim beschwerlichen Spaziergang (die alten Knochen!), ins Krankenhaus zum Check-up und an das Grab ihres Mannes. Er ist dabei, wenn sie mit ihrer Tochter telefoniert und nicht die richtigen Worte findet oder, wenn sie mit ihrer kleinen Enkelin spielt. Momoko kam erst mit 24 Jahren in die Großstadt, in der sie noch immer lebt.

„Von da an hatte sie ein gestörtes Verhältnis zum Dialekt. Die Unruhe und der Ärger, nicht einfach sagen zu können, dass sie etwas mooch, wenn sie es mochte, nicht einfach sagen zu können, dass ihr etwas dsewieder war, wenn es ihr zuwider war.“ S. 17

Ihren Dialekt hat sie seit jeher versteckt. Zu hinterwäldlerisch, zu sehr nach Bauernhof und Misthaufen klang er – das passte nicht in die großstädtischen Restaurants, in denen sie eine Anstellung fand. Jetzt, im Alter, kehrt der Dialekt zu ihr zurück. Es sind Stimmen in ihrem Kopf, die in ihrer Mundart sprechen und das Alleinsein mildern. Sie sind mal aufbauend, mal neckend und oft messerscharf beobachtend.

„[…] vielleicht eine Art Schutzvorrichtung, die sich das Gehirn ausdenkt, um das Alleinsein erträglicher zu machen.“

S. 17

Mein Eindruck

Chisako Wakatakes Roman ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich und ganz anders, als ich erwartet hatte. Eine alte Frau, die auf ihr Leben zurückblickt? Ich dachte sofort an geballte Lebenserfahrung; vielleicht noch Bemerkungen dazu, wie sich die Rolle der Frau in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Ich hatte jedenfalls überlegene, glatt gebügelte Altersweisheit erwartet.

Stattdessen lernte ich Momoko kennen. Chisako Wakatake macht ihre Momoko zu einer Figur mit Wiedererkennungswert: Nach außen hin angepasst, brodelt es in Momoko ganz schön. Sie beleuchtet Gefühle wie Trauer und Ärger, schimpft sich selbst auch einmal „närrisch“ und redet allein bei einem Bier mit den Stimmen in ihrem Kopf. Sie schildert die Beschwerlichkeiten des Alters als lästige, ärgerliche Nebenerscheinungen und schwankt in ihrem Rückblick zwischen Resignation, Dankbarkeit, Reue, Zufriedenheit oder schlicht einem schulterzuckenden Das-lässt-sich-jetzt-nicht-mehr-ändern.

Handlungsarm, aber nicht langweilig

In „Jeder geht für sich allein“ lässt Chisako Wakatake ihre Figur eine ganze Bandbreite von Emotionen durchleben und zeigt, dass diese auch im Alter nichts von ihrer Kraft verlieren. Dadurch, dass sie ihrer Momoko ein durchschnittliches, nachvollziehbares Leben schneidert, fehlt es manchmal an Spannung. Denn gerade bei Hauptfiguren, die auf ihr Leben zurückblicken, ist man als Leser oft an dunkle Geheimnisse oder die Überwindung schier unüberwindlich scheinender Hindernisse gewöhnt.

„Nun ja, ihr Leben war nichts Besonderes, aber zu Zeiten war sie auch sehr einverstanden gewesen damit, Einsamkeit, was hieß das schon, die hatte sie im Griff, mit der, hatte sie sich eingebildet, konnte sie umgehen. Einsamkeit, ach Gott, das war doch keine große Sache.“

S. 42

Effekthascherei sucht man bei Chisako Wakatake vergeblich. Zum Glück! Im Vordergrund steht ihre Figur, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes und dem Auszug ihrer beiden Kinder seit Jahren allein durchs Leben geht. Es ist erfrischend (und auf seltsame Art beruhigend) von den Lebenserinnerungen einer alten Dame zu lesen, die unaufgeregt und bescheiden tagtäglich die Herausforderungen des Alltags gemeistert hat – und trotzdem nicht langweilig geworden ist. Gerade ihre Trauer und ihre Gedanken zum Alleinsein machen sie nahbar und als Figur überaus glaubhaft.

„Shuzo war Momokos in der Großstadt entdeckte Heimat. Ihr Heimatersatz. Deren Schönheit und Lauterkeit.“

S. 59

 

„Shuzo, de bisd wagg, duud, lässd miech ellaane.“

S. 62

 

„Sie hatte nicht gewusst, dass es eine Trauer gibt, die einen schier zu zerreißen droht.“

S. 79

Melancholisch, aber nicht traurig

„Jeder geht für sich allein“ ist – wie der Titel schon vermuten lässt – ein melancholisches Buch. Es ist die Geschichte eines Lebensabends, der eben keine große Party ist, sondern eher ein einsames Bier in der eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung. Trotzdem ist der Roman nicht traurig. Dafür ist die Protagonistin Momoko viel zu stolz, stur und humorvoll. Immer wieder heitert sie mit ihren Betrachtungen ihren oft eintönigen Alltag auf.

„Hexen gibt’s, jaja. Und zwar hier. Hexen leben heute nicht mehr irgendwo im Wald. Sondern still und heimlich in solchen ehemaligen Neubaugebieten.“

S. 37

Der Dialekt: das japanische Vogtländisch

Der heimliche Star neben der Hauptfigur Momoko ist der Dialekt. Im japanischen Original spricht Momoko den nordostjapanischen Tohoku-Dialekt. Der Verlag hat sich entschieden, diesen Dialekt ins Erzgebirgisch-Vogtländische zu übertragen. Durch die Zusammenarbeit von Übersetzer Jürgen Stalph und dem Leipziger Philologen Heinrich Schneider hervorragend.

Ist man nicht mit dem Dialekt vertraut, fällt das Lesen stellenweise etwas schwer, da es keine Anmerkungen zur hochdeutschen Entsprechung gibt. Aber da immer nur einzelne Sätze im Dialekt geschrieben sind, lohnt es sich, diese zwei oder dreimal (unbedingt laut!) zu lesen, um sich die Bedeutung zu erschließen.

Fazit

Chisako Wakatakes „Jeder geht für sich allein“ ist die ruhige, unaufgeregte Betrachtung eines Lebensabends, die durch die Verbindung von Dialekt und Standardsprache eine ganz besondere Note erhält. Es ist ein melancholisches, aber nicht trauriges Buch, das sich durch die ehrliche Beschreibung der großen Bandbreite menschlicher Emotionen auszeichnet.

 


Chisako Wakatake, Jeder geht für sich allein OT: Ora ora de hitori igu mo, 2017, aus dem Japanischen von Jürgen Stalph, cass Verlag 2021, 22€.

Mehr zum Buch

Einen Eindruck vom Erzgebirgisch-Vogtländisch bekommt man in dieser Lesung.

Und einen Trailer zum Film (Japanisch) gibt’s hier.

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