Éric Plamondon: Taqawan (2020)

Eric Plamondon Taqawan

Éric Plamondons Krimi „Taqawan“ beleuchtet die dunklen Seiten der kanadischen Indigenen-Politik.

Der Inhalt

Die Mi’gmaq, indigene Einwohner des frankokanadischen Québec, leben seit jeher von und mit dem Lachs. Als die kanadische Regierung 1981 eine brutale Razzia im Reservat unternimmt, um die Einhaltung der Fangquoten durchzusetzen und die 15-jährige Océane brutal vergewaltigt aufgefunden wird, entladen sich die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Der Park-Ranger Yves und der indigene Einsiedler William setzen alles daran, das Mädchen zu retten und den Fall aufzuklären. Gemeinsam mit der reichlich desillusionierten französischen Lehrerin Caroline geraten sie in ein Netz aus organisiertem Missbrauch.

Der Stil

Ungewöhnlich für einen Krimi unterbricht Éric Plamondon die Ermittlungen des Rangers und seiner Unterstützer immer wieder für kurze Kapitel über die Geschichte Québecs, der Mi’gmaq, ihrer Diskriminierung und Betrachtungen über die kanadische Innenpolitik. Die Handlung treiben diese Kapitel nicht voran, aber sie schaffen ein Verständnis für die sozioökonomische Lage der Indigenen und die Hauptthemen der kanadischen Politik zu Beginn der 1980er Jahre.

 

In der Sprache der Mi’gmaq bezeichnet taqawan einen Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt.

S. 78

 

Der Krimi avanciert an diesen Stellen wahlweise zu Ansätzen einer Sozialstudie oder einer Lehrstunde in Geschichte. Dadurch zeigt Éric Plamondon prägnant die komplexe Spannungslage zwischen der Unabhängigkeitsbestrebung Québecs, wirtschaftlichen Interessen und dem Umgang mit den Indigenen auf.

Figuren als Funktionsträger

Die Figuren in Éric Plamondons Roman sind eher Funktionsträger als dass sie ein nachvollziehbares Eigenleben entwickeln. Der Ranger Yves Leclerc hängt als Befürworter der Unabhängigkeit Québecs seinen Job an den Nagel und zeigt auf, wie streitbar die kanadische Politik gegenüber den Ureinwohnern agiert. Ein alternder Anthropologe prahlt gegenüber seinen jugendlichen Eroberungen mit seinem Wissen Land und Leute und erklärt dem Leser den Boden, auf dem die Krimihandlung fußt. Die französische Lehrerin Caroline steht für die Desillusionierung der enthusiastischen europäischen Neuankömmlinge – Kälte, Kargheit und verhärtete Fronten machen ein Ankommen nicht leicht. Diese Figurenzeichnung sorgt insgesamt dafür, dass man als Leser die Handlung bis zum Schluss als Außenstehender betrachtet.

Dazu kommt, dass Plamondon die Figur der 15-jährigen Océane während des ganzen Krimis extrem passiv darstellt. Sie ist die meiste Zeit bewusstlos, unter Drogen gesetzt oder gefesselt; immer ist sie Opfer. Einen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle erhält der Leser nicht, sodass sie im Grunde nicht mehr ist als ein reines plot device, das die Handlung vorantreiben soll. Ihre Selbstermächtigung am Ende wirkt daher seltsam deplatziert, fast wie ein plakatives Happy End, das man mit Wohlwollen noch als Metapher für eine Selbstermächtigung der indigenen Mi’gmaq lesen kann.

Fazit

Éric Plamondons Krimi „Taqawan“ geht weit über die Grenzen seines Genres hinaus und schafft Bewusstsein für die gesellschaftlichen Probleme Kanadas – fernab des heute vorherrschenden positiven Bildes. Seine Figuren konnten mich nicht überzeugen; die collagenartige Zusammensetzung seiner Geschichte empfand ich dagegen als sehr ansprechend und in der Auswahl der einzelnen Stücke als lehrreich.

Éric Plamondon, Taqawan, aus dem Französischen von Anne Thomas, Lenos Verlag 2020, 208 S., 14,50 €.


Weitere Meinungen zu Éric Plamondon „Taqawan“ bei

Literaturreich
Booknerds

 

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