William Shakespeare: Romeo und Julia (1597)

Shakespeare Romeo und Julia

Shakespeares Romeo und Julia ist vielleicht das bekannteste Theaterstück der Welt. Ein Erfahrungsbericht mit dem Original.

Die Geschichte

Im italienischen Verona ist der junge Romeo aus der Familie Montague unsterblich verliebt. Zunächst unglücklich in Rosalinde, aber über die ist er schnell hinweg, als er bei einer Party der Capulets die dreizehnjährige Tochter des Hauses, Julia, kennen lernt. Wenige Worte werden gewechselt, schnell ist man verliebt, verlobt und verheiratet. Alles heimlich, denn die beiden Familien sind seit Langem verfeindet und Romeo trägt nicht gerade zum Frieden bei, als er Julias Cousin Tybalt tötet. Dafür wird er dann auch aus Verona verbannt.

Julia soll mittlerweile mit dem wohlhabenden Edelmann Paris verheiratet werden. Von ihrer ersten Ehe mit Romeo weiß nur der Mönch, der die beiden getraut hat. Der empfiehlt ihr dann auch, am Abend vor der geplanten Hochzeit ein Gift zu nehmen, das sie totengleich für mehrere Tage schlafen lässt. Er will dann Romeo einen Brief senden, damit er die gerade erwachende Julia aus der Familiengruft abholt und gemeinsam mit ihr flieht.

Es kommt, wie es kommen muss: Romeo erhält den Brief nicht, sieht die leblose Julia in der Gruft und bringt vor Kummer erst den ebenfalls anwesenden Paris, dann sich selbst um. Julia wacht mitten im Blutbad auf, blickt sich um und stößt sich einen Dolch ins Herz. Über den Körpern ihrer toten Kinder beenden dann wenigstens die Väter die Familienfehde.

Umgang mit dem englischen Originaltext…

Romeo und Julia ist nach Much Ado About Nothing (Viel Lärm um nichts), das bei mir Schullektüre war, erst mein zweiter Originaltext von Shakespeare. Ich habe mich für die Ausgabe aus dem Cornelsen-Verlag entschieden, weil diese mit ihren umfangreichen Annotationen (eine Seite Originaltext, gegenüber eine Seite mit Vokabelhilfen und Hintergrundinfos) meinem Englisch auf die Sprünge half.

Ich hab es nicht bereut; den Originaltext empfand ich als lesbar, gerade, wenn man – vielleicht frevelhaft beim Meister Shakespeare – nicht an jedem Wort klebte. Trotzdem war ich dankbar für die Erklärungen. Gerade die Bezeichnungen für altertümliche Waffen oder Kleidungsstücke waren mir fremd. Außerdem haben mir die Erklärungen auch bei den zahlreichen sexuellen Anspielungen auf die Sprünge geholfen – ohne Annotationen hätte ich die Hälfte davon schlicht nicht verstanden.

… und seinen Anzüglichkeiten

Ich hatte vergessen, wie häufig Shakespeare – mal mehr, mal weniger verstecke – sexuelle Anspielungen einfließen lässt. Schlagartig kehrte die Erinnerung an das mühsam unterdrückte Gekicher einer Klasse Halbwüchsiger zurück. Denn auch bei Viel Lärm um nichts geizte Shakespeare nicht mit Anzüglichkeiten. Es stehen noch viele Shakespeare-Stücke auf der Klassikerliste; ich bin gespannt, wie es sich bei den anderen damit verhält.

Ich empfand Shakespeares Humor als teilweise befremdlich. Das Herumreiten auf Julias Unschuld und Unbeflecktheit mag zwar das Ideal der damaligen Zeit widerspiegeln, wurde hier dem Zuschauer/Leser aber derart unter die Nase gerieben, dass ich mich gefragt habe, was das stilistisch zu bedeuten habe. Wie ihre ehemalige Amme der Dreizehnjährigen mit Anzüglichkeiten zusetzt, empfand ich schlicht als übergriffig.

Insgesamt wenig romantisch

Ich hab nachgeschaut: Der Duden erklärt den Begriff „romantisch“ als „gefühlsbetont, schwärmerisch; die Wirklichkeit idealisierend“.

Schwärmerisch ist die Liebesgeschichte wohl. Aber idealisierend ist bei Romeo und Julia überhaupt nichts. Shakespeare zeigt kein erstrebenswertes Liebesglück, sondern vielmehr kopflose, totbringende Schwärmerei. Die Wirklichkeit wird auch nicht besser oder schöner durch die Liebe der beiden; vielmehr ist die Liebesgeschichte Grund für einige Morde, die sich andernfalls wohl nicht ereignet hätten.

Die Figuren Romeo und Julia

Shakespeares Romeo entpuppt sich beim Lesen als das Gegenteil eines Teenie-Schwarms: Er springt von einem Mädchen zum anderen, weiß zu den Damen aber nichts zu sagen. Gespräche über etwas anderes als darüber, wie sehr man sich vom ersten Moment an liebt und zusammen durchbrennen könnte, finden nicht statt. Ansonsten hängt Romeo viel rum und starrt melancholisch in die Gegend. So melancholisch, dass er nicht hin und wieder jemanden umbringt, ist er dann aber auch wieder nicht.

Julia ist da der sympathischere Part im Liebesreigen – und sie ist aus heutiger Sicht einfach unfassbar jung. Aber Shakespeares Julia ist stark und als sie das Unglück einer ungewollten Ehe auf sich zukommen sieht, nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie ist es, die die Handlung vorantreibt und sich ihre Cleverness zunutze macht. Dass die List nicht aufgeht, ist letztlich nicht ihr anzulasten.

Ihre Fremdbestimmtheit und Ohnmacht gegenüber einem Vater, der sie gewinnbringend verheiraten will sind nur auf den ersten Blick fortschrittliche Themen. Julia ist nicht grundsätzlich dagegen, mit einem reichen Jüngling verheiratet zu werden. Nur kam zufällig Romeo dazwischen, den sie sich dann selbst ausgesucht hat. Auch scheint ihre Angst davor, verbotene Bigamie zu leben, größer zu sein, als die Angst, an den unbekannten Paris verheiratet zu werden. Aber vielleicht ist die Tatsache, dass ein Mädchen aufbegehrt, um mit dem Mann, den sie liebt, zusammen zu sein, schon fortschrittlich genug für das 16. Jahrhundert.

Fazit

Ich bin froh, dieses bekannte Werk, das eines der Grundmotive der Literatur schafft, endlich im Original gelesen zu haben. Die Geschichte um junge Liebe, verfeindete Familien und einen Tod aus Liebe wird immer noch tausendfach nachgeahmt. Romeo und Julia konnte mich stilistisch, aber nicht inhaltlich begeistern.

Falls sich die Gelegenheit bietet, würde ich mir das Stück gern einmal auf der Bühne anschauen. Denn allein stummes – manchmal auch lautes – Lesen wurde dem Text nicht gerecht.

 

Was haltet ihr von der Geschichte? Könnt ihr meine ambivalente Haltung nachvollziehen? Welche Verfilmung sollte ich mir unbedingt anschauen?

3 Gedanken zu „William Shakespeare: Romeo und Julia (1597)

  1. Ich muss ja gestehen, dass ich nicht gerne Shakespeare – und Dramen überhaupt – lese. Klar, das ist Weltliteratur, aber die Stücke gehören meiner Meinung nach einfach auf die Bühne (dann schaue ich sie mir auch gern an). Ich habe allerdings Millers The Crucible auf dem SuB, bin gespannt, ob ich mit dem modernen Stück besser klarkomme.

    1. Das kann ich verstehen! Ich habe zuletzt Ödön von Horváths ,,Kasimir und Karoline“ auf der Bühne gesehen und dachte schon beim Zuschauen ,,Gut, dass ich das nicht gelesen habe, das hätte überhaupt nicht gewirkt“. Bei Romeo und Julia gab es Szenen, die auch beim Lesen einigermaßen gewirkt haben (Immer, wenn Romeo jemanden niedergestreckt hat), aber ich wette, es wirkt deutlich besser auf der Bühne. Vor ein paar Wochen habe ich Schillers ,,Wilhelm Tell“ gelesen, und war sehr überrascht, dass das Drama schon gelesen so gut wirkte. Ich glaube, es kommt beim Lesen ein aufs Werk an, aber sie sind ja alle für die Bühne gemacht. 🙂

      Millers ,,The Crucible“ kenne ich gar nicht; überhaupt wenig von Miller. Dazu muss ich mich mal einlesen. Wirst du’s dann besprechen?

      Viele Grüße!

      1. Sorry, ich hab deine Antwort erst jetzt gesehen… Ich hab mich immer auf die Benachrichtigungen verlassen, das funktioniert wirklich kaum noch.
        Ich kenne von Miller ehrlich gesagt noch gar nichts, ich weiß nur, dass meine Schwester ihn hasst 😉 Bei The Crucible interessiert mich das Thema (die Salemer Hexenprozesse). Ja, ich denke schon, dass ich das dann auch besprechen werde.
        Liebe Grüße zurück!

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