John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens (1961). Geld ist nicht freundlich

John Steinbecks „Der Winter unseres Missvergnügens“ erzählt raffiniert von der Macht, die Geld auf Menschen ausübt und sie zum Äußersten treibt.

Ethan Hawley stammt aus einer der angesehensten Walfängerfamilien der Ostküste. Doch nach der Wirtschaftskrise ist ihm bis auf das Haus nicht mehr viel geblieben vom einstigen Vermögen. Also arbeitet er als Verkäufer, um seine Frau und die beiden Teenager-Kinder zu versorgen. Der Verlust des Familienvermögens nagt an ihm und er beschließt, dass das große Geld her muss – egal zu welchem Preis.

John Steinbecks „Der Winter unseres Missvergnügens

Darum geht’s bei Steinbecks „Winter unseres Missvergnügens“

Wir lernen Ethan Hawley als liebenden, zu Albernheiten neigenden Ehemann und Familienvater kennen. Die Hawleys waren bis zur Wirtschaftskrise der 30er Jahre die angesehenste Familie der Stadt mit einem enormen Vermögen. Der gute Ruf ist geblieben, obwohl Ethan sich mittlerweile als Verkäufer im Laden des eingewanderten Italieners Marullo verdingt. Doch nicht nur seine Frau Mary macht ihm unmissverständlich klar, dass die prekäre finanzielle Situation das Ansehen der Familie beschädigt: Nicht einmal Auto und Fernseher können sie sich leisten! Also macht Ethan sich zu Nutze, was ihm die Bewohner des Örtchens im Vertrauen auf seine vermeintliche Naivität erzählen. Und zeigt schonungslos auf, was es braucht, um das große Geld zu machen.

Gänsehautgarantie

Obwohl man als Leser Einblick in Ethans Gedanken bekommt, ahnt man lange nicht, worauf das Ganze hinausläuft. Wenn es einem dann aufgeht, fügen sich die vielen winzigen Puzzleteile, die Steinbeck gestreut hat, plötzlich zusammen. Das ist ein absoluter Gänsehaut-Moment. Während ich Ethan anfangs anstrengend albern fand, schüttelt es mich jetzt beim Gedanken an ihn. Dabei ist die Figur trotzdem sehr menschlich. Steinbeck legt viele moralische Fragen zugrunde, mit denen man sich beim Lesen auseinandersetzen kann. Im Hintergrund steht die Frage: Was würde ich selbst für das große Geld tun?

„Vielleicht fühlt man sich nur beim ersten Mal so elend. Dem hat man sich zu stellen. Will man ganz nach oben kommen und dort bleiben, muss man sich im Geschäft wie in der Politik mit Hauen und Stechen einen Weg bahnen, vorbei an den anderen Menschen. Hat man es erst einmal geschafft, darf man erhaben und gütig sein – aber erst einmal muss man es schaffen.“

Eine perfekt durchkomponierte Erzählung

Der Titel „Winter of Discontent/Winter des Missvergnügens“ ist ein Zitat aus dem Shakespeare-Drama Richard III. Das ist aber bei Weitem nicht der einzige Shakespeare-Bezug, der sich bei Steinbeck findet. Wie gekonnt der Autor seinen letzten Roman geplant hat und sich beim Aufbau an Shakespeares Macbeth orientiert hat, ist mir erst durch das – sehr erhellende – Nachwort von Ingo Schulze bewusst geworden.

„Mitunter glaubt man den dunklen Strudel der Tragödie zu spüren, die unter dem dünnen Eis, auf dem die Steinbeckschen Figuren agieren, stets anwesend sind.“

                                                                                                                    Ingo Schulze

Es ist beeindruckend, wie er Motive, die so gar nicht in Zeit und Ort seiner Handlung zu passen scheinen, mit spielerischer Sicherheit unterbringt: Sogar die weissagende Hexe flaniert durch das kleine Ostküsten-Städtchen und ist beim Blick in den Spiegel wie von Selbsthass zerfressen:

„Eine Frau, die allein alt wird, ist nutzloser, ausrangierter Müll, eine faltige Obszönität, ohne ihr hinterherhinkende Bedienstete, die ihre Wehwehchen beglucken und ihr die schmerzenden Glieder einreiben.“

Fazit

Asche auf mein Haupt – ich habe den Roman wegen Steinbecks humoristischem Grundton anfangs gnadenlos unterschätzt. Hier geschieht nichts von ungefähr, jedes Wort dieser Geschichte ist genauestens gesetzt und verdichtet sich am Ende zu einer wirkmächtigen Kapitalismuskritik. Eine grandiose Geschichte aus einem Amerika, in dem Ansehen und Geld untrennbar miteinander verknüpft sind. Der Winter unseres Missvergnügens war mein allererster Steinbeck – und garantiert nicht mein letzter.

 

John Steinbeck, Der Winter unseres Missvergnügens (OT: The Winter of Our Discontent, aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben mit einem Nachwort von Ingo Schulze), 608 S., Manesse 2018.


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10 Gedanken zu „John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens (1961). Geld ist nicht freundlich

  1. Liebe Jana,
    was für eine wunderbare Besprechung, die mir wieder einmal vor Augen geführt hat, warum ich seit Jahren etwas von Steinbeck lesen möchte. Zwei seiner Werke liegen auch längst auf dem Kindle, aber irgendwie haben sich bisher immer andere Bücher dazwischen gedrängt.

    Soweit ich es bisher wahrgenommen habe, scheint Steinbeck wirklich ein Meister darin zu sein, Gesellschaft zu porträtieren und das Menschsein einzufangen.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,

      danke für dein Lob. Eigentlich standen bei mir zuerst Steinbecks bekanntere Werke ,,Früchte des Zorns“ und ,,Von Männern und Mäusen“ auf dem Plan, aber dann bin ich über dieses Goldstück gestolpert. Zum Glück! Die Geschichte läuft sehr langsam an – das muss man mögen. Dafür fügt sich alles hinterher fantastisch zusammen. Das war es, was mich besonders für Steinbeck eingenommen hat.
      Daneben lässt er seine gesellschaftlichen Betrachtungen unaufdringlich durch seine Figuren einfließen: Den einstigen Einwanderer, der sein Geld gemacht hat; der skrupellose Banker; die unverheiratete Frau von nebenan, die sich durchaus zu helfen weiß.

      Wenn du Lust auf eine Steinbeck-Leserunde hast, sag gern Bescheid!

      Liebe Grüße
      Jana

      1. Oh, eine Steinbeck-Leserunde – das ist eine ganz hervorragende Idee! Momentan bin ich noch mit Ted Chiang und dem Herren der Ringe eingespannt. Außerdem bin ich noch gut damit beschäftigt, die Blogbeiträge der letzten zwei internetlosen Monate zu lesen. Doch im Herbst (Oktober?) wäre ich auf jeden Fall für Steinbeck zu haben. Ich müsste allerdings einmal schauen, welche Titel ich von ihm überhaupt habe – ganz spontan fällt mir nur „East of Eden“ ein.

        1. Liebe Kathrin,

          ich verfolge eure Chiang-Leserunde mit Interesse und bin beim Blick auf meinen SuB gleichzeitig froh, dass ich mich nicht für ein neues Buch bei euch eingeklinkt habe. 😀

          Von Steinbeck möchte ich gern demnächst „Von Mäusen und Menschen“ (1937) oder „Früchte des Zorns“ (1939) lesen. Hättest du an einem der beiden Interesse. Sind ja eher frühere Werke von Steinbeck und ich bin gespannt, ob und wie sich sein Stil von dem späteren Werk unterscheidet. Sag gern Bescheid, dann können wir uns ggf. gern auch auf eine Ausgabe einigen.

          Viele Grüße
          Jana

        2. Liebe Jana,

          „Von Mäusen und Menschen“ wäre perfekt! Das möchte ich schon seit Langem lesen und es gilt ja auch als eines/ das Werk von Steinbeck schlechthin. Bei der Ausgabe bin ich recht flexibel. 🙂 Ich habe auch gesehen, dass Anette etwas von Steinbeck lesen möchte – da freu ich mich schon jetzt auf unsere Runde!

          Liebe Grüße
          Kathrin

        3. Liebe Kathrin,

          ausgezeichnet! Dann stöbere ich in der nächsten Zeit mal Ausgaben durch und schlage etwas vor. Einen Termin und schönen Hashtag finden wir bestimmt.

          Liebe Grüße
          Jana

  2. Ach das passt ja wunderbar 😀 Ich hab neulich bei Manesse rumgesurft und das Cover gesehen und war sehr begeistert davon. Aber irgendwie sollte das nicht mein erster Steinbeck sein, dachte ich. Würde gern vorher eine Stimme/Meinung darüber hören – von daher bin ich sehr glücklich über deine Besprechung und jetzt eben doch neugierig.
    Kathrin hat mir außerdem von eurer oben angedachten Leserunde erzählt und ich würde sehr gern mitmachen, falls ihr noch Platz habt? 😉 „Of Mice and Men“ habe ich nämlich hier und wollte das schon länger lesen.

    1. Das passt ja wieder ausgezeichnet! Dann haben wir ja bald wieder das alte Leserunden-Team beisammen. 🙂 Ich übertrag die Terminfindung dann nach Twitter. #OfMiceAndMen ist leider schon vergeben, aber wir finden bestimmt was.

      Die Manesse-Ausgabe liegt sehr gut in der Hand, die Größe ist wirklich angenehm und das Buch qualitativ hochwertig. Wenn du eine deutsche Ausgabe suchst, kann ich sie auf jeden Fall empfehlen.

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