Ildefonso Falcones – Die Pfeiler des Glaubens (2009)

Ildefonso Falcones‘ „Die Pfeiler des Glaubens“ habe ich als Vorbereitung auf eine Granada-Reise gelesen, die aufgrund der allbekannten Umstände letztlich nicht stattfand. Das Buch eignete sich dennoch hervorragend zum Kennenlernen der Geschichte Andalusiens.

Pfeiler des Glaubens

Al-Andalus liegt im Sterben

Im Jahr 1568 zieht der 13-jährige Hernando als Maultiertreiber durch die Gebirgslandschaft der Alpujarras in Südspanien. Er wurde während der Vergewaltigung seiner Mutter Aischa durch einen katholischen Priester gezeugt. Hernando hat dessen strahlend blaue Augen geerbt und ist deshalb dem Hass seines Dorfes ausgesetzt. Anders als die anderen Morisken (die Nachfahren der muslimischen Mauren in Spanien) hat er auch keinen heimlichen arabischen Namen. Als so gebrandmarkter Außenseiter lernt der Junge sowohl den katholischen Katechismus als auch die verbotenen islamischen Gebete.

Der Leser begleitet Hernando über 900 Seiten auf seinem bewegten Lebensweg. Dieser ist von dem Versuch geprägt, die Kultur und Religion seiner muslimischen Vorfahren vor dem endgültigen Untergang zu bewahren. Durch Bildung und harte Arbeit gelingt Hernando ein phänomenaler Aufstieg, der ihn aus einer Höhle in den Bergen bis an den Hof eines spanischen Herzogs führt. Hernando gelingt die Versöhnung von Islam und Christentum bekanntermaßen nicht. So endet „Die Pfeiler des Glaubens“ im Jahr 1612 nach der endgültigen Vertreibung aller Muslime aus Spanien.

Ein historisches Panorama

Ildefonso Falcones lässt das Andalusien des ausgehenden 16. Jahrhunderts auferstehen. Er beschreibt das Leben in den wichtigen Städten Granada, Córdoba und Sevilla so anschaulich, dass man sich mitten auf dem Marktplatz wähnt. Nachvollziehbar schildert er die Vorurteile von „Altchristen“ und zwangsbekehrten „Neuchristen“, die sich immer wieder in Pogromen entladen. Falcones führt eine große Zahl fiktiver und historischer Figuren ein und beleuchtet so die Motive verschiedener Gruppen. Aufständische Muslime, machthungrige Bischöfe, unentschlossene Herrscher und überzeugte Glaubensanhänger wirken gleichzeitig auf den Protagonisten ein.

Im Nachwort beschreibt Falcones, an welchen Stellen er Abweichungen von den historischen Fakten vorgenommen hat. Es sind erstaunlich wenige. Der Autor schreibt eine spannende, wechselvolle Geschichte in der menschliches und politisches Versagen an vielen Stellen die Weichen für den weiteren Verlauf stellen. Das Buch ist durch seinen Detailreichtum und die vielen Handlungsorte enorm lehrreich. Nach der Lektüre hat man – auch bei vorheriger Ahnungslosigkeit – das Gefühl, die Ereignisse der Jahre von 1568 bis 1612 gut einordnen zu können.

Die Moschee-Kathedrale von Córdoba gehört seit 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Sex und Gewalt

Sex und Gewalt spielen definitiv eine wichtige Rolle in Falcones Darstellung. Es wird geköpft, durchbohrt, gevierteilt und das Herz herausgerissen. Dazu kommen Vergewaltigungen, Versklavungen und Misshandlungen aller Art. Dass viele der Begebenheiten so oder ähnlich tatsächlich überliefert sind, macht das Lesen an diesen Stellen nicht angenehmer. Natürlich tragen die Schilderungen stellenweise zu einem besseren Verständnis der Mentalität jener Zeit bei. Christen und Muslime schenken sich, was die Grausamkeiten angeht, nichts. Die Schilderungen von Sex und Gewalt waren mir persönlich stellenweise zu drastisch und insgesamt zu häufig.

Auf Plot-Twist komm‘ raus

Die Sache mit den plötzlichen Wendungen ist eine zweischneidige. Zum einen ist der Leser bestürzt darüber, wie plötzlich sich Lebensumstände im Spanien des 16. Jahrhunderts ändern können. Mal steht der Protagonist in der Gunst seiner Gönner und schwimmt im Geld, dann wird er plötzlich vertrieben und schlurft barfuß durch die Gassen. Viele dieser Wechsel erscheinen nachvollziehbar und machen die Unwägbarkeiten jener Zeit lebendig. Pläne über Jahrzehnte schmiedete hier wohl kaum jemand.

An anderen Stellen jedoch wirken die Wendungen gekünstelt. So empfand ich es schlicht als unglaubwürdig, dass Fatima sich nach Jahren der Unterdrückung anlasslos auflehnt. Auch Hernandos Mutter Aischa macht eine Charakterwandlung durch, die ich nicht so recht nachvollziehen konnte. Die fürsorglich-selbstlose Frau wird im Alter egoistisch und rachsüchtig und sorgt damit für übertriebene Friktionen, auf die sowohl Protagonist als auch Leser hätten verzichten können. Dass Hernandos Ehefrauen sich nach einer Art atemlosem Wettrennen schließlich begegnen, schiebe ich ausnahmslos darauf, dass hier noch ein Happy End ausstand. Hätte gar nicht sein müssen; ein bisschen schön war’s trotzdem.

Fazit

Trotz aller Kritik vergingen die über 900 Seiten wie im Flug. Ildefonso Falcones‘ „Die Pfeiler des Glaubens“ ist enorm lehrreich ohne zu belehren. Seine Geschichte zeigt, wie lange die Konflikte zwischen den Religionen schon schwelen. Falcones weckt Hoffnung darauf, dass es immer wieder Menschen geben wird, die für eine Verständigung eintreten. Seine Schilderungen von Sex, Gewalt und herben Schicksalsschlägen muss der Leser aber aushalten können, um zu dieser hoffnungsvollen Botschaft zu gelangen. Bei mir hat diese Geschichte das Interesse an spanischer Geschichte geweckt.


Ildefonso Falcones, Die Pfeiler des Glaubens, OT: La mano de Fátima, aus dem Spanischen von Stefanie Karg. Verschiedene Ausgaben, 2009.

Wissenstipp: Spanische Geschichte, Geschichte des Islam

Eine weitere Geschichte von Ildefonso Falcones, „Die Kathedrale des Meeres“, wurde zuletzt auch als Miniserie vom Streamingdienst Netflix verfilmt.

Bei Books on Fire gibt es einen schönen Artikel zur historischen Figur Isabella von Kastilien.

Andere Meinungen zum Buch bei:

BirthesLesezeit
Litterae Artesque
Belles Leseinsel

Weitere Bücher zur Geschichte Spaniens:

Kirsten Boie – Alhambra (Jugendbuch)
Lion Feuchtwanger – Die Jüdin von Toledo (Roman)
Friedrich Schiller – Don Carlos (Drama)

2 Gedanken zu „Ildefonso Falcones – Die Pfeiler des Glaubens (2009)

  1. Hallöchen Jana,
    Ich bin über das litnetzwerk auf diesen Beitrag gestoßen.
    Ich war vor einigen Jahren mal in Andalusien und wir haben uns dabei auch die Alhambra angeschaut, die wirklich faszinierend war. Ich hoffe, du schaffst es deine Reise nachzuholen. Wir wollten eigentlich nach Portugal fahren, aber das mussten wir natürlich auch verschieben.
    Die erste Hälfte deiner Rezension ließ das Buch wirklich toll klingen, aber die Zweite machte mich etwas skeptisch.
    Vielleicht werde ich mir mal „Die Kathedrale des Meeres“ und die dazugehörige Netflixserie genauer anschauen.

    LG
    Elisa

    1. Hallo Elisa,

      ja, bei dem Buch von Ildefonso Falcones bin ich etwas zwiegespalten. Zum einen hat der Autor unheimlich gut recherchiert und lässt viele Figuren auftreten, die es wirklich zu dieser Zeit an diesem Ort gegeben hat. Vieles lässt er auch gekonnt beiläufig einfließen. Aber die Gewaltdarstellungen – gerade gegen Frauen – waren mir, auch wenn sie vermutlich authentisch waren, manchmal zu krass.
      Ich habe gesehen, dass der Autor nur Bücher von enormem Umfang schreibt (der ist übrigens Anwalt, vielleicht war das nicht mehr das Wahre 😉). Ich wette, man nimmt aus jedem Buch eine Menge historisches Wissen mit. In die Netflix-Serie wollte ich bei Gelegenheit auch mal reinschauen.

      Ich hoffe sehr, dass ich bald Gelegenheit habe, die Alhambra mal mit eigenen Augen zu sehen. Auch Córdoba reizt mich sehr und die Alpujarras würde ich nach diesem Buch auch unheimlich gern durchwandern oder –fahren. Mal sehen, wann das alles wieder geht.

      Viele Grüße!

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