[Indiebook] Marc Degens: Eriwan (2018)

Wenn ich an Armenien denke, denke ich zuerst an die phänomenale Landschaft rund um den antiken Tempel in Garni. Ich weiß noch, wie sehr mich der atemberaubende Ausblick damals in seinen Bann zog und ich auch nach einer halben Stunde angestrengten Starrens immer Neues vor der bergigen Kulisse entdecken konnte. Auch Autor Marc Degens ist dieser Anblick in Erinnerung geblieben und er lässt ihn in seinen Eriwaner Erinnerungen lebendig werden.

Drei Jahre Armenien

Als Degens‘ Frau Alexandra eine Stelle als Lektorin beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Eriwan annimmt, zieht er mit ihr in die armenische Hauptstadt. Seine Erfahrungen aus drei Jahren Eriwaner Stadtleben wurden 2018 gesammelt veröffentlicht. In sieben Kapiteln erzählt er von seiner ungewöhnlichen Wohnsituation und Problemen mit Strom- und Wasserversorgung, vom unkonventionellen Umgang mit seiner achtzigjährigen Vermieterin und den politischen Unruhen im Jahr 2008, die mit der Wahl des bis 2018 amtierenden armenischen Präsidenten Serj Sargsjan einhergingen.
Die kurzen Episoden lesen sich ein wenig wie Tagebucheinträge, in denen sich Degens nicht nur mit dem neuen Land, sondern auch mit Fußballergebnissen und dem Plagiatsskandal um das Werk „Axolotl Roadkill“ der Autorin Helene Hegemann beschäftigt. Die kurzen Abschnitte bauen nicht unmittelbar aufeinander auf und schwanken in ihrer Tendenz von unterhaltsam bis ernst.

Kultur und Politik in Armenien

Im Rahmen eines deutsch-armenischen Rechtsseminars habe ich vor ein paar Jahren selbst eine Woche in Eriwan verbracht. Mit den dortigen Studierenden haben sich viele Gespräche über Politik, Rechtssystem und kulturelle Unterschiede ergeben. Degens‘ Buch war daher ein Wiedersehen mit einigen bekannten Orten und weckte sofort das Fernweh. Aus seinen Erzählungen habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass der Autor sich hauptsächlich in der deutsch-amerikanischen Auslandscommunity Eriwans bewegt hat. Er berichtet, Russisch nur rudimentär, Armenisch gar nicht gelernt zu haben. Das ist für den Leser etwas schade und ich persönlich hatte mir von Degens‘ Beschreibungen erhofft, einen tieferen Einblick in die Kultur dieses von der deutsch- und englischsprachigen Presse vernachlässigten Landes zu bekommen. Auch habe ich mich gewundert, dass das in Armenien überaus emotionale Thema Berg-Karabach, eine zwischen Armenien und Aserbaidschan seit Jahren blutig umkämpfte Grenzregion, kaum Raum einnahm.

Koffer packen und los

Marc Degens‘ Beschreibungen stammen aus den Jahren 2007–2010. Die Zeit ist seitdem auch in Armenien nicht stehen geblieben; Internethotspots sind in Eriwan allgegenwärtig und werden rege genutzt. Selfies von typischerweise opulenten Hochzeiten oder direkt von der Front in Berg-Karabach sind Alltag. Die von Degens mit einem Augenzwinkern beschriebenen postsowjetischen Zustände wird man aber immer noch vorfinden. Als Einstimmung auf eine Armenienreise oder um kurz das Fernweh zu wecken, eignet sich Marc Degens‘ „Eriwan“ trotz der seit seinem Aufenthalt vergangenen Zeit jedenfalls ausgezeichnet.

Blick vom Tempel in Garni, Armenien
Blick vom Tempel in Garni, Armenien (c) Wissenstagebuch

Zum Autor: Marc Degens ist Schriftsteller und Programmleiter der SuKuLTuR-Verlags und lebte von 2007–2010 in Armenien.

Marc Degens, Eriwan, Ille & Riemer 2018.

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