Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer (2018)

Karen Duve_Fräulein Nettes kurzer Sommer

Annette von Droste-Hülshoff ist eine Nervensäge. Niemand weiß das besser als ihre unüberschaubar große Familie. Besonders den Herren der Schöpfung geht sie auf den Geist, denn sie will mit ihren Gedichten einfach keine Ruhe geben und mischt sich in Männergespräche ein, statt blöde vor sich hin zu schweigen. Das allein ist schon ein Skandal. Dann bandelt das Freifräulein auch noch mit dem bürgerlichen Studiosus Straube an. Das Maß ist voll – es muss etwas geschehen.

Der Körper einer Frau ist nach dem Willen der Natur ja eigentlich nur Ernährungsmaterie. […] Ihr Körper ist nicht eingerichtet, um zu denken, sondern um die große Absicht zu erfüllen, welche die Natur ihm auferlegt hat. (S. 280/281)

 

Die Worte des Arztes werfen Annette nicht sonderlich aus der Bahn. Ihr ganzes Leben lang wurde sie als adliges Fräulein darauf vorbereitet, sich standesgemäß zu verheiraten.

Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln. (S. 19)

 

Pech nur, das Annette viel lieber im Steinbruch nach Mineralien sucht, liest, bis ihr die Augen zufallen und selbst Gedichte und Dramen verfasst. Gerade ihrem nur ein paar Jahre älteren Onkel August passt das gar nicht, denn Annette mischt sich ständig ein, wenn er gegenwärtige oder zukünftige Geistesgrößen auf das heimische Gut einlädt. Als sich Annette unstandesgemäß in seinen Freund Heinrich Straube verliebt, schmiedet die Familie ein Komplott.

Karen Duve erzählt nicht nur die Lebenstragödie der Annette von Droste-Hülshoff, sondern geht weit darüber hinaus. Sie entwirft ein westfälisch-hessisches Panorama der Jahre 1817–1821, in dem sich die Grimms, Hoffmann von Fallersleben und Heinrich Heine die Hand reichen. Das politische Klima heizt sich auf, je näher die Geschichte den Jahren des Vormärzes kommt; manch einen Studiosus Schreihals kann man sich heute gut am Stammtisch vorstellen.

Manchmal habe ich das Gefühl, heute glaubt jedermann nur noch das, was ihm in den Kram passt, und ich bin der letzte Dummkopf, der sich von der Wirklichkeit in seinen Phantasien stören lässt. (S. 377)

 

Mit einem scharfen Blick für das Komische zieht Duve die männlichen Familienmitglieder durch den Kakao. Während sich diese nämlich mit hochgeistigen Themen wie den „Brandstiftungstendenzen junger Mädchen aufgrund des Zustandes ihres Blutes und Blutflusses“ beschäftigen; machen zu Hause die Frauen die Buchführung, schmeißen den Gutsbetrieb und bekommen nebenbei noch haufenweise Kinder.

Seien Sie froh und dankbar, dass Sie nicht die saure Lebensreise der Männer mit ihren großen und ernsten Wirkungskreisen vor sich haben. (S. 293)

 

Viele kleine Details wie die Beschreibung der Kleidermode (Stichwort: altdeutsche Tracht), damals coolen Kraftausdrücken (Deibel ock!) und den beständig furchtbaren Kutschfahrten befördern einen mitten hinein in die adlige Lebenswelt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sehr hilfreich sind dabei die abgebildete Karte und der weit verzweigte Stammbaum, die ins Buch aufgenommen wurden.

Die Beschreibungen des Göttinger Studentenlebens zogen sich für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Länge; dafür gefiel mir die Charakterisierung der Annette von Droste-Hülshoff umso besser: Duve zeichnet sie gleichermaßen stark und verletzlich, letztlich als Kind ihrer Zeit und Opfer derselben. Nicht zuletzt sind es auch die warmherzigen Worte für meine Heimat Westfalen, die mich für „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ einnehmen:

Westfalen war echt das Letzte: elende Dörfer, räudige Köter, die die hin- und herschwankende Kutsche kläffend verfolgten, Verwachsene aller Art, die an fauligen Kartoffeln nagten, und schmutzige Gasthöfe mit schwarzen Daumenabdrücken auf der Butter. (S. 408)

 

Karen Duve, Fräulein Nettes kurzer Sommer, Galiani Berlin 2018.


Wissenstipp: Deutsche (Literatur- und Geistes-)Geschichte, Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Annette von Droste-Hülshoff

Weitere Meinungen zum Buch: 
Sätze & Schätze
Literatur leuchtet
Hingehört & Draufgeschaut … und nachgedacht

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