Dörte Hansen: Zur See (2022)

Zur See Dörte HansenDörte Hansen ist eine der wenigen Bestseller-Autorinnen, die auf diesem Blog regelmäßig Erwähnung finden. Mit ihren detailreichen Beschreibungen des ländlichen Norddeutschlands und dem kulturellen Wandel der letzten Jahrzehnte sind ihre Bücher auch für mich ein Highlight im literarischen Kalender. In „Zur See“ nimmt sie den Leser zum ersten Mal nicht mit aufs platte Land, sondern auf eine sturmumtoste Nordseeinsel.

Inhalt

Eine unbenannte Nordseeinsel wird zum Beispiel für den Niedergang der Inselkultur, der inseleigenen Sprache und der Eigenheiten der Bewohner, die sich insbesondere durch die Abgeschiedenheit und Entfernung zum Festland erhielten. Die Alteingesessenen pflegen eine ambivalente Beziehung zu den jährlich in Scharen über sie herfallenden Inselurlaubern vom Festland. Einerseits sichern sie ihnen seit Jahrzehnten das Auskommen – ein kleines Fremdenzimmer lässt sich schließlich noch in jedem alten Walfängerhaus einrichten, die Kinder werden für die Sommermonate auf dem Dachboden einquartiert.

Andererseits treiben die Urlauber mit ihren modernisierten Ferienhäusern und modischen Cocktails die Preise nach oben und verändern das Gesicht der Insel, wenn sie ihre Häuser für die stürmischen Wintermonate kalt und leer zurücklassen. Verschiedene Aspekte dieses Themas beleuchtet Hansen durch die Augen von zwei Generationen von alteingesessenen oder zugezogenen Inselbewohnern.

„Sie halten es nie lange aus in ihren Inselhäusern. Nach ein paar Tagen fühlen sie sich wie bei ihren alten Eltern zur Besuch: bloß weg, bei aller Liebe, denn die Alten haben Macken, werden eigen und erzählen immer nur von alten Zeiten.“

S. 30

Meinung

An einigen Stellen hat man als Leser das Gefühl, dass die Autorin doch arg kräftig auf die Nostalgie-Drüse drückt. Vorstellen, dass heutzutage Einheimische in ihren 60ern der wirklich fernen „Grönlandfahrer-Vergangenheit“ ihrer Wal-fangenden Vorfahren nachhängen, kann man sich als Leserin nur schwer.

„[…] dass er vom Meeresgrund die Kirchenglocken hören kann und die Stimmen der Ertrunkenen. Sehr alte Stimmen, manchmal singen sie, oft ist es nur ein Murmeln oder Raunen.“

S. 17

Nachvollziehbarer erscheint da das Betrauern des Untergangs der autochthonen friesischen Sprache, denn durch die Verknüpfung mit einem philologischen Lehrstuhl und persönlichen Kennverhältnissen der Figuren untereinander fügt sich diese Komponente gut in die Geschichte ein.

Figuren

Aufgrund des in bislang allen drei Romanen von Dörte Hansen wiederkehrenden Themas des Untergangs einer ländlichen Kultur in Norddeutschland komme ich nicht umhin, die Bücher stets miteinander zu vergleichen. Während mich ihr Debüt „Altes Land“ wegen der zugrundeliegenden Fluchtgeschichte und der wunderbar unbeugsamen Figur der alten Vera begeisterte, fielen in „Mittagsstunde“ der dröge Protagonist und die Handlungsarmut stark auf.

„Zur See“ bewegt sich dazwischen. Eine rasante Handlung sucht man zwar auch hier vergeblich – aber dafür liest man die Romane von Dörte Hansen schließlich auch nicht. Auch die Figuren haben Wiedererkennungswert, wirken hier aber weniger scharf umrissen als im Debüt „Altes Land“. Als typischste Figur des Hansenschen Kosmos‘ kann noch der zugezogene Inselpfarrer, der mit Eheproblemen kämpft und zwischen Inselvergangenheit und touristischer Gegenwart wandelt, gelten. In „Zur See“ sind die Figuren diverser als in den Vorgängerromanen, erworbene oder angeborene psychische Auffälligkeiten finden mehr Raum.

„Ryckmer traut dem Wasser lange schon nicht mehr, und Eske weiß nicht, was zuerst da war, sein hartes Trinken oder seine Angst vor dem Versinken.“

S. 55

Auf die bisherige Spitze getrieben wird dies durch die queere, tätowierte und Heavy-Metal-hörende Altenpflegerin. Die hat zwar großen Wiedererkennungswert, wirkte auf mich in ihrer Edgyness, die den großen Teil ihrer Auftritte ausmachte, aber insgesamt schablonenhaft.

„Er hat noch keine Frau gesehen, die von der Brust bis zu den Knien tätowiert ist. Oft vergisst sie, dass ihr Körper etwas anders aussieht als die meisten anderen, die man am Strand zu sehen bekommt.“

S. 56

Sprache

Sprachlich ist der Roman der bislang gelungenste der bislang erschienen drei Bücher. Ich habe ihn über weite Strecken laut vorgelesen. Hansens Sprache hat einen wunderbaren Rhythmus, perfekte Sätze, kein überflüssiges Wort und dazu kleine Humorflocken, die mitunter ernste Betrachtungen auflockern.

Fazit

In „Zur See“ erspürt Dörte Hansen erneut das Gemüt eines im Wandel begriffenen ländlichen Raumes und legt, melancholisch und wehmütig, ihren sprachlich bislang besten Roman vor.


Dörte Hansen, Zur See, Penguin Verlag 2022, 255 S.

Weitere Meinungen zu „Zur See“

Wörter auf Papier
Inselbuecherei
gelesen

3 Gedanken zu „Dörte Hansen: Zur See (2022)

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