Antanas Škėma: Apokalyptische Variationen (2020)

Antanas Škėmas „Apokalyptische Variationen“ habe ich nach seinem Hauptwerk „Das weiße Leintuch“ unbedingt lesen wollen. Nicht zuletzt als Vorbereitung auf meinen ursprünglich geplanten dreimonatigen Litauen-Aufenthalt. Da dieser Plan leider der Covid-19-Pandemie zum Opfer gefallen ist, freue ich mich umso mehr, nun diesen packenden Erzählband vorstellen zu können.

Antanas Škėma Apokalyptische Variationen

Inhalt und Aufbau

Hinter dem Titel „Apokalyptische Variationen“ verbergen sich mehrere abgeschlossene Erzählungen und drei Zyklen. Letztere nehmen den größten Teil des Bandes ein und versetzen den Leser unter den Titeln „Schwelbrände und Funken“, „Die heilige Inga“ und „Celesta“ sowohl an reale als auch an von Škėma erdachte Orte.

Die Schauplätze von Škėmas Erzählungen sind vielfältig. Er nimmt seine Leser mit in die litauischen Städte Vilnius und Kaunas zru Zeit des Zweiten Weltkriegs, aber auch an den baltischen Ostseestrand, in ein deutsches displaced persons camp, ein ukrainisches Bauerndorf während der Oktoberrevolution, in die weite Steppenlandschaft östlich der Ukraine und immer wieder nach New York und nach Chicago.

So vielfältig wie seine Schauplätze, so vielgestaltig sind seine Figuren: ein mittelalter Flaneur in Vilnius (ein Alter Ego Škėmas?), der den litauischen Widerstand unterstützt und die Geliebte eines US-amerikanischen Soldaten, die zu Hause in Amerika in ihrem schönsten Kleid auf dessen Rückkehr wartet. Der Leser trifft einen Lehrer in der ukrainischen Provinz, der sich in eine Kasachin verliebt, die mit ihrem litauischen Mann nach Vilnius ziehen soll, obwohl sie die heimatliche Steppe vermisst. Durch die Augen des kleinen Martin, ihres Sohnes, blickt der Leser auf die Schrecken der Oktoberrevolution und beobachtet die Dorfkinder dabei, wie sie mit den Leichen der an Laternenmasten aufgehängten Offizieren grausame Spiele treiben. Dann versetzt Škėma seine Leser in die USA und lässt sie obdachlose Bettler, schuftende Exilanten aus Europa, aber auch ein junges, querschnittsgelähmtes Mädchen, das sich nach der Liebe sehnt, betrachten.

Stilvolle „Effekthascherei“?

Nach einigen Erzählungen holt man als Leser tief Luft, an einigen Stellen hält man ob der Grausamkeit der Geschichte inne. „Effekthascherei“ sei Škėma aufgrund seiner teils drastischen Geschichten und seiner Wortwahl zu Lebzeiten vorgeworfen worden. Doch ein Abgleich mit seiner Biografie zeigt, wie viel seiner Inspiration er aus eigenem Erleben gewann.

Eine literarische Aufarbeitung von Krieg, Hunger, Vertreibung und Flucht, darf drastisch sein. Mit heutiger – durch zahlreiche schwedische Thriller geprägten – Kaltschnäuzigkeit wirken die Geschichten nicht einmal mehr besonders extrem. Bemerkenswert ist vielmehr, wie früh Škėma in der Lage war, seine Erfahrungen von gehängten Offizieren und dem Umgang mit grausamen Soldaten literarisch zu verarbeiten und auch Alltagskatastrophen wie den Unfall einer vollbesetzten Straßenbahn und das Leid der Bettler in New Yorks Straßen anschaulich zu schildern.

Millionen Golgathas sind um uns, und wir beide sind in Golgatha.

S. 349

Daneben blitzt immer wieder die Erfahrung des Schriftstellers als Theaterschauspieler auf. Die Wörter sind wohlgesetzt, im litauischen Original sollen sich fast nie zwei Wörter, die mit demselben Konsonanten beginnen, hintereinander finden. Sie lassen sich nicht gut sprechen. Neben dieser sprachlichen Besonderheit schafft Škėma auch inhaltlich Außergewöhnliches. Wenige Sätze bilden Kaskaden der Eskalation:

 

Es spielen alle Stradivaris dieser Welt, von einem herbstlichen Baum fällt ein gelbes Blatt, eine verirrte Biene summt im Ärmel des Gärtners, aus einer angeritzten Birke fließt der Saft, klebriger Saft, wie das Blut eines Angeschossenen. Zwei Tote küssen sich.

S. 339

Vielfältige kulturelle Einflüsse

So unterschiedlich die Geschichten und Figuren auch sind, immer wohnt ihnen eine ungeheure Sehnsucht inne. Wenn Antanas Škėma Vilnius beschreibt, sieht man die Kirchtürme und kleinen Gässchen der Stadt vor sich. Die litauische Heimat wird insgesamt liebevoll, als Sehnsuchtsort von Vertriebenen und Exilanten beschrieben. Die vielen Umbrüche, die die Einwohner mitmachen müssen – polnische, russische, nationalsozialistische, stalinistische Herrschaft – erscheinen durch Škėmas Erzählungen als Wunden im kollektiven Gedächtnis der Exilgemeinde.

Vilnius habe ich in den vergangenen Jahren kennengelernt wie meine Westentasche. Diese Stadt hat wahrscheinlich eine ewige Seele. Und wie ein treuer alter Wächter behütet die Seele die Kostbarkeiten der vergangenen Jahrhunderte. Die alten Häuser, die verstaubten Skulpturen in den Nischen, die engen Gassen, die graziösen Kirchen. Sie schwebt über den flehenden Türmen und mag keine Fremden. Doch die Fremden dringen in die kostbare Stadt ein.

S. 118

Die vielfältigen Einflüsse sind auch im kulturellen Gedächtnis verankert. Viele Litauer zu Škėmas Zeit waren mehrsprachig und der Schriftsteller selbst zeigt sich in seinen Erzählungen immer wieder als Kenner russischer, britischer und deutscher Literatur. Seine Figuren hören fast nebenbei Opern und Operetten; Theaterstücke finden Erwähnung, ebenso wie Figuren und Begebenheiten aus den Märchen verschiedener Länder. Was Antanas Škėmas Erzählungen deutlich machen: Litauen hat seit jeher seinen Platz auf der europäischen Landkarte.

Menschliche Figuren mit greifbarer Sehnsucht

Daneben gelingt Antanas Škėmas etwas, das man nur selten findet: Er kann gleichermaßen souverän aus der Sicht von erwachsenen Männern, Frauen und jungen Kindern erzählen. Nie wirkt die Sprache dabei aufgesetzt, unpassend oder übertrieben. Insbesondere beim jungen Protagonisten Martin, der dem Leser als Neunjähriger vor Augen tritt, wird diese Gabe deutlich. Aus der Sicht des Jungen erlebt der Leser die Schrecken der Oktoberrevolution in der Ukraine. Antanas Škėma gibt dem Jungen eine authentische Stimme; er schafft eine Perspektive, aus der sich kindliche Angst, Freude und Verwirrung angesichts der Erwachsenenwelt glaubhaft abwechseln.

Die erwachsenen Figuren seiner Erzählungen sind ebenso nachvollziehbar und erfassbar. Es sind verzweifelte und verzagte, mutige und verliebte, trauernde und entschlossene Menschen, Männer wie Frauen, die Opfer der Umstände werden, doch dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, einen eigenen Weg zu gehen. Kleine Akte des Ungehorsams, der Unvernunft sind es, die Škėmas Figuren für den Leser so glaubwürdig machen. Da ist etwa der litauische Widerstandskämpfer, ein ausgebildeter Sänger eigentlich, der fast sehenden Auges in einen tödlichen Hinterhalt gerät, nur, um eine unbekannte Frau zu retten.

Historischer Kontext

Am Ende des Werkes hat der Guggolz Verlag eine ausführliche editorische Notiz der Übersetzerin, Claudia Sinnig, eingefügt. Hier legt sie aufschlussreich dar, wie einige Erzählungen sich direkt auf verschiedene Lebensereignisse Škėmas beziehen und welcher Kritik sich der litauische Autor zu Lebzeiten ausgesetzt sah. Als Leser bekommt man einen kleinen Einblick in eine Biografie, die von zahlreichen Umbrüchen, Orts- und Sprachwechseln und zuletzt wohl einer psychischen Erkrankung geprägt war. Das aufschlussreiche Nachwort und die Anmerkungen der Litauen-Kennerin Sinnig tragen zum Verständnis bei und helfen, die Erzählungen des Schriftstellers im gesamteuropäischen Kontext zu verorten.

Fazit

Diese Ausgabe der „Apokalyptischen Variationen“ gewährt dem deutschsprachigen Leser erstmals Einblick in einen bedeutenden und faszinierenden Teil litauischer Erzählkunst. Antanas Škėmas Geschichten mögen nicht immer im hergebrachten Sinne schön immer sein, doch sie strahlen Menschlichkeit aus und sind brillant erzählt.


Antanas Škėma, Apokalyptische Variationen, OT: Apokaliptinės Variacijos, 1929–1960, aus dem Litauischen und mit einem Nachwort von Claudia Sinnig, Guggolz Verlag 2020, S. 421, 25 €.

Weitere Meinungen zu „Apokalyptische Variationen“:

Baltische Bücher – Lesenswertes aus Estland, Lettland & Litauen

SWR2 in einer Hörfassung

TraLaLit mit einem Schwerpunkt auf der Übersetzung von Claudia Sinnig

Video „Ein Besuch bei der Übersetzerin Claudia Sinnig“ auf YouTube

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