Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies (1994/2021)

Abdulrazak GurnahNobelpreis für Literatur 2021 – und wenig von Abdulrazak Gurnah ist bisher in deutscher Sprache erschienen. „Das verlorene Paradies“ wurde flugs neu aufgelegt, sodass sich jetzt auch deutschsprachige Leser wieder in die in englischer Sprache verfasste Literatur des tansanischen Autors vertiefen können.

Der Inhalt

Der Roman „Das verlorene Paradies“ erschien bereits 1994 unter dem Titel „Paradise“ und erzählt die Geschichte des jungen Yusuf in Ostafrika im ausgehenden 19. Jahrhundert. Als sich sein Vater bei einem reichen Kaufmann verschuldet, überlässt er diesem seinen Sohn als billige Arbeitskraft – und als Pfand. Fortan lebt Yusuf bei Aziz, den er „Onkel“ nennt und in dessen Laden er aushilft, bis er ihm mit einer Karawane auf eine Handelsreise ins Landesinnere folgt. Die erwartete Reiseromantik bleibt aus und Yusuf wird mit der Gewalt und Übergriffigkeit unter den mitreisenden Männern, körperlichen Strapazen, Krankheit und Tod konfrontiert. Über allem schwebt die deutsche Kolonialherrschaft wie eine dunkle Wolke, deren Manifestation von den um keinen Faustkampf verlegenen Männern als schwer greifbare Bedrohung wahrgenommen wird.

Mein Eindruck

Da ich nicht mit der Erzähltradition, an die Gurnah anknüpft, vertraut und „Das verlorene Paradies“ mein erstes Werk des Autors war, fiel mir der Einstieg schwer. Ich brauchte lange, um mich an das ungefähre Setting – Zeit und Ort bleiben vage – zu gewöhnen und die detailliert beschriebenen, mir aber fremden Verhaltensweisen der Figuren zu interpretieren.

Kulturelle Gepflogenheiten

Dem Roman zugrunde liegt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte und Heldenreise, hier einmal eine Reise im tatsächlichen Sinne des Wortes. Der Protagonist Yusuf wird vor den Augen des Lesers erwachsen, er wird von seinem zu Hause fortgerissen und versteht lange Zeit nicht – der Leser tut es ihm hier gleich – was eigentlich passiert ist.
Ich war nicht mit dem Konzept, seine Kinder zu verpfänden, vertraut, sodass für mich lange Zeit im Unklaren blieb, wie genau Yusufs Rolle bei seinem neuen „Onkel“ aussah, inwiefern dieser für Yusufs Wohlergehen oder seine Ausbildung zuständig war und worauf Yusuf hoffen durfte und konnte.

Auch dadurch, dass mir viel Hintergrundwissen zu den gesellschaftlichen Gepflogenheiten jener Zeit und jenes Ortes fehlten, fiel mir das Eintauchen in die Geschichte schwer. Es blieb schwer nachvollziehbar, wer frei heraus mit wem sprechen durfte, ohne einen gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen und ob hier Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion entscheidend waren. Die Geschichte ist vermutlich nachvollziehbarer, wenn man die Codes versteht.

Spannung durch Schweigen

Was mich beim Lesen stark irritiert hat, war die verklausulierte Art der Kommunikation. Wohl auch durch kulturelle Eigenheiten bedingt, sprachen kaum zwei Figuren einmal Klartext miteinander. Dass hierdurch ein Großteil der Spannung des Romans erzeugt wurde, empfinde ich als Schwäche der Geschichte. Viele Fragen klären sich am Ende des Romans dadurch, dass eine Figur, die der Protagonist mehrfach auf Ungereimtheiten anspricht, endlich mit der Sprache herausrückt.

Historischer Kontext

Nach den Ankündigungen zum Buch, die stark auf den Aspekt des deutschen Kolonialismus in Afrika abstellen, hatte ich auch in der Geschichte selbst einen stärkeren Fokus auf dem historischen Thema erwartet. Tatsächlich aber schwebt die europäische Gewaltherrschaft in Afrika wie eine dunkle Wolke über der Geschichte und manifestiert sich erst gegen Ende. Größeren Raum nehmen die bereits teils seit Jahrhunderten existierenden Missstände wie Kriege und Massaker zwischen verschiedenen Stämmen, arabische Fremdherrschaft, Kinderehen und blutige Traditionen ein.

Auch das Neben- und Miteinander von verschiedenen Religionen, insbesondere der Naturreligionen, des Islam und des Hinduismus spielen eine Rolle und zeigen die ganze Bandbreite von Toleranz und friedlichem Miteinander bis hin zu Diskriminierung und religiöser Verfolgung. In diesem Zusammenhang hat das angehängte Glossar sehr geholfen, denn viele Begriffe des Originals aus dem Arabischen und Kiswahili wurden beibehalten.

Sprache: Ein Feixen und Fluchen im „Paradies“

Sprachlich konnte mich das Werk bis zuletzt nicht abholen: Passagen, die wohl humorvoll gemeint waren, empfand ich als extrem derb. Die Sprache unter den Männern, die in „Das verlorene Paradies“ eine Rolle spielen, ist stark geprägt von Schimpfwörtern, gegenseitigen Beleidigungen und sexuell übergriffigem Verhalten.

Vor diesem Hintergrund ist der Titel des Romans mit „Das verlorene Paradies“ bzw. englisch „Paradise“ interessant gewählt, denn die Beschreibung einer Gesellschaft in der Kinder verpfändet und verstoßen werden, in der Übergriffe, Schläge und Versklavung alltäglich sind, erscheint auch ohne die Gräuel des Kolonialismus weit weg zu sein von einem „Paradies“.

Fazit

Ich wurde bis zum Schluss mit „Das verlorene Paradies“ nicht warm – daran änderte auch der Literaturnobelpreis nichts. Auch wenn die Schilderung der kulturellen Besonderheiten und der Untergang einer Handelskultur im Angesicht des um sich greifenden Kolonialismus einen interessanten Hintergrund boten, stieß mich die teils derbe Sprache ab und ich empfand den Spannungsbogen, der auf dem Verschweigen wesentlicher Informationen beruhte, als unzureichend.


Abdulrazak Gurnah, Das verlorene Paradies, OT: „Paradise“, aus dem Englischen übersetzt von Inge Leipold, Penguin 2021, 336 S., 25€.

Weitere Meinungen zu Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“

Buch-Haltung
Zeilengeflüster
Sandra Falke

Ein Gedanke zu „Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies (1994/2021)

  1. „Nicht warm geworden“ trifft es auch für mich ganz gut. Ich fand den Stil sehr unausgewogen, unentschieden, teilweise blumig, teilweise nüchtern, hier und da wurde die Handlung in die Länge gezogen, mit retardierenden Elementen, in anderen Fällen aberwitzig beschleunigt, fast skizzenhaft abgespult (wie bei der Ankunft in der Stadt nach der langen Wanderung, die in einem Gemetzel endet). Ich bin noch immer sehr überrascht, dass diese Inkohärenzen übersehen wurden – bis zum Ende überkam mich das Gefühl, dass Gurnah unter einer Maske scheibt, nicht schreibt, was er eigentlich schreiben will, und das hat mich etwas enttäuscht. Viele Grüße.

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