Fünf Bücher aus Guatemala

Zur Reihe „Fünf Bücher – Nischenliteratur und Weitgereistes“

Immer wieder entdecke ich Länder auf der Landkarte, deren Kultur mir völlig unbekannt ist. Wie es sich wohl dort lebt? Was man wohl dort liest? Literaturliebhaber gibt es überall auf der Welt; überall gibt es Menschen, die lesen und schreiben. Nur ein Bruchteil aller Werke wird ins Deutsche übersetzt. Wer auch auf Englisch liest, für den ist der Kreis erreichbarer Literatur schon ungleich größer.
Dann gibt es Bücher, die nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sind, weil sie sich einem abseitigen Thema widmen, in kleinen Verlagen erschienen sind, wenig beworben wurden oder weil sie im Strudel der Geschichte verschwanden. Diese Bücher möchte ich aufspüren.

Die Reihe „Fünf Bücher…“ wirft ein Schlaglicht auf die Belletristik aus Staaten und Regionen, die nicht im Fokus der großen Buchmessen stehen oder die literarisch nach solch kurzer Berühmtheit wieder in Vergessenheit geraten sind. Auf Nischenbücher zu Themen, die abseits des breiten Lesepublikums verhandelt werden und über die dennoch geschrieben wird. Die Reihe soll Lust machen, neue Literatur fernab des Gewohnten zu entdecken und bei Interesse selbst mit dem Stöbern zu beginnen. Fünf Bücher können nur einen ganz kleinen Ausschnitt der jeweiligen Literaturszene abbilden, aber vielleicht ist der Funke ja dann schon übergesprungen.
Wo möglich, wird auf Schriftsteller im jeweiligen Land zurückgegriffen, bei Gelegenheit auch auf Exilschriftsteller oder Werke, die in besonderer Weise der Geschichte und Kultur eines Landes verbunden sind. Hinterlasst gerne weiterführende Literaturhinweise in den Kommentaren.

Viel Spaß mit dem ersten Beitrag zu Guatemala!

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Traditionelle Masken (photo by pixabay.com)

Literatur aus Guatemala ist politisch

Wer hier Spanisch kann, ist klar im Vorteil. Ihm erschließt sich die ganze Bandbreite der guatemaltekischen Literatur. Fast alle Autoren publizieren auf Spanisch; solche, die in den Sprachen der indigenen Bevölkerung schreiben, werden ins Spanische übersetzt. Eher wenige Bücher erscheinen auch auf Deutsch, ein wohl noch unerschlossener Markt.

Die bestimmenden Themen der guatemaltekischen Literatur sind die Verarbeitung von Bürgerkrieg und Diktatur, die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, der Nachfahren der Mayas, und die eigenen Erfahrungen in Guerillakrieg und Exil. Insgesamt handelt es sich wohl um sehr politische Literatur, in der aber immer wieder die überreiche Natur Guatemalas mit ihren Urwäldern, Bergen und Meeren Platz findet. Religiosität und die Mythen der Maya nehmen ebenso Raum ein. Seit den 50er Jahren führte die vermehrte Flucht vieler Schriftsteller ins Exil (oft Mexiko, aber auch Europa oder Nordafrika) zu einer Steigerung der literarischen Qualität. Erzählformen ­und -perspektiven änderten sich, doch politische Themen wurden beibehalten.

„Die wichtigste direkte Auswirkung der politischen Situation auf das literarische Schaffen ist sicherlich das Exil. Die Intervention der CIA in Guatemala im Jahr 1954 und die sich daran anschließende Verfolgung von Intellektuellen und Künstlern hatte zahlreiche Autoren dazu bewogen, das Land zu verlassen. Zu jenem Zeitpunkt bereits etablierte Autoren (Miguel Ángel Asturias, Luis Cardoza y Aragón, Carlos Illescas, Augusto Monterroso, Mario Monteforte Toledo) hatten größtenteils Mexiko für ihr Exil gewählt, während jüngere, zum Teil noch unveröffentlichte Autoren, sich vermehrt nach El Salvador wandten.“ Haas, S. 57.

Popol Vuh – die Schöpfungsgeschichte

Das Buch, welches wohl als erstes mit Guatemala in Verbindung gebracht wird, ist das Popol Vuh. Es ist das „Buch des Rates“ der Maya-Quiché, das Geschichte und Mythen des Volkes behandelt. Das Popol Vuh wurde in Maya-Schrift verfasst und von den spanischen Inquisitoren verboten. Für die Quiché ist es ein heiliges Buch, das die Schöpfungsgeschichte und die Entstehung des Quiché-Reiches erzählt. Eine deutsche Version mit hilfreichen Hinweisen zu Übersetzung und Aussprache findet sich hier.

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Geistertanz (2014)

In der Sprache der Maya-Quiché schreibt und dichtet der indigene Autor Humberto Ak’abal, dessen Bücher ins Spanische und Englische übersetzt werden. Einige seine Dichtungen wie „Geistertanz“ sind auch auf Deutsch erschienen.

Pranke und Schwinge (1940)

Ein heute nur noch antiquarisch aufzutreibendes Buch ist der Roman „La gringa“ von Carlos Wyld Ospina (1891–1956). Auf Deutsch erschien er unter dem Titel „Pranke und Schwinge – Ein kreolischer Roman“. Es handelt sich um einen Entwicklungsroman, in dessen Zentrum die Weiblichkeit der Protagonistin Magda steht. Dazu werden verschiedene politische Themen angedeutet.

Die Maismänner (1949)

Guatemala hat einen Literaturnobelpreisträger hervorgebracht, der regelmäßig zwischen den anderen großen Namen Mittel- und Südamerikas Mistral, Vargas Llosa und Neruda untergeht: Miguel Ángel Asturias.

In seinem – von ihm selbst als wichtigsten Roman bezeichneten – Werk „Die Maismänner“ (1949) verwebt er die Legenden der Maya-Quiché mit gesellschaftlichen Problemen. Zudem nutzt er eine spannende Erzähltechnik, die mir in Europa noch nciht unter gekommen ist. In Deutschland erschienen auch die Bananen-Trilogie (1991), der Roman „Der Herr Präsident“ (1946) und seine „Legenden aus Guatemala“ (1960). Zu meiner Besprechung von ,,Die Maismänner“.

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Die Henker des Friedens (2001)

„Die Henker des Friedens“ des Schriftstellers Rodrigo Rey Rosa erzählt die Geschichte zweier Armee-Offiziere, einer Liebe, politischer Kämpfe und eines Verbrechens. Laut Verlagsbeschreibung kommt die guatemaltekische Gesellschaft nicht allzu gut weg. Mangelndes Unrechtsbewusstsein schaffe ein Land von Gewalt und Verbrechen. Ebenfalls von Rey Rosa auf Deutsch erschienen sind die Romane „Tanger“, „Die verlorene Rache“ und „Die Gehörlosen“.

Auf Englisch erschienen

Der Schriftsteller Arturo Arias wurde übersetzt. Seine Romane „After the bombs“ (1995) und „The Rigoberta Menchú Controversy“ (2001) sind auch auf Englisch erschienen. Weitere Anhaltspunkte bieten die Namen Max Araujo (*1950), Víctor Muñoz (*1950), Dante Liano (*1948), Franz Galich (1951-2007) und Adolfo Méndez Vides (*1956). Sie gründeten 1978 die Herausgebergemeinschaft RIN78.

Bei Interesse an Maya-Erzählliteratur, ist der 1984 vom Militär verschleppte und ermordete indigene Schriftsteller Luis de Lión (1940-1984) interessant. Sein Werk „Time Commences in Xibalba“ ist auch auf Englisch erhältlich.


Eine Übersicht „nicht-konventioneller lateinamerikanischer Literatur“ (in spanischer Sprache) findet sich beim Hamburger GIGA-Institut:
https://www.giga-hamburg.de/de/system/files/iz_publications/la_dfglit_2006.pdf

Nadine Haas, Literatur und urbane Gewalt in Guatemala, Hamburg 2012.
http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2012/5854/pdf/Dissertation.pdf

 

Weitere Beiträge der Reihe Nischenliteratur:
Aktuelle Bücher zur Sowjetunion

5 Gedanken zu „Fünf Bücher aus Guatemala

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