Michi Strausfeld: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren (2019)

Michi Strausfeld schreibt mit „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“ ein unterhaltsames und kenntnisreiches Sachbuch über lateinamerikanische Literatur, auf das ich lange gewartet habe.

Michi Strausfeld

Lateinamerika – die literarische Terra incognita

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe von lateinamerikanischer Literatur überhaupt keine Ahnung. Überhaupt keine. Ich glaube, dass mir dadurch eine unermessliche Menge von guten Geschichten und fantastischen AutorInnen durch die Lappen geht. Vor etwa einem Jahr habe ich Gabriel García Márquez phänomenalen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ und das beeindruckende Werk über die Ureinwohner Guatemalas, „Die Maismänner“ von Miguel Ángel Asturias, gelesen. Beide Bücher waren fantastisch und lassen vermuten, dass die süd- und mittelamerikanische Literaturszene noch mehr Großartiges zu bieten hat.

Daher habe ich mich sehr gefreut, auf das Buch von Michi Strausfeld zu stoßen. Die Literaturvermittlerin, Lektorin und Herausgeberin zahlreicher lateinamerikanischer Werke wurde 2012 von der Buchmesse in Buenos Aires zu einer der „50 wichtigsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens Lateinamerikas“ gewählt. Wer also sollte sich besser mit lateinamerikanischer Literatur auskennen?

„[…] noch immer klebt die europäische Kritik jedem Schriftsteller Lateinamerikas gerne dieses Etikett [Anm.: ‚magischer Realismus‘] auf, so als sei der Begriff in Stein gemeißelt.“

S. 491 f.

500 Jahre Literaturgeschichte

Michi Strausfeld führt ihre Leser durch 16 Kapitel in drei Teilen chronologisch durch die Literaturgeschichte und beginnt mit der „Entdeckung“ Amerikas. Die zitierten Berichte lassen keinen Zweifel daran, dass der Begriff „Entdeckung“ angesichts der folgenden Massaker ein Euphemismus ist. Der erste der drei Teile des Buches widmet sich der Zeit bis zur Unabhängigkeit verschiedener Staaten durch die Kämpfe Simón Bolívars.

„Mit den Füßen waren wir an den Rosenkranz gekettet; unser Haupt war weiß, doch trug unser Körper die Farbe der Indios und des Kreolen.“

José Martí, Unser Amerika, zitiert nach Strausfeld, S. 190

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Suche der einzelnen Nationen nach Identität und der Überwindung der Traumata durch Raubbau und Versklavung. Hier gibt es auch vertiefte Einblicke in die Literatur Mexikos, Brasiliens und der Karibik. Im abschließenden dritten Teil dann kommt das Buch in der Gegenwart an und behandelt die kubanische Revolution, porträtiert kurz verschiedene Diktatoren und die Auswüchse, die ihre jeweilge Herrschaft annahm und den aufkommenden „Boom“ lateinamerikanischer Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schließlich gibt Strausfeld einen Ausblick auf das politische und kulturelle Leben in Lateinamerika, das sich gegen Drogenkriege und Gewaltorgien in teils autoritären Staaten behaupten muss.

Mein Eindruck: Kompetent verdichtet und kenntnisreich

Noch nie habe ich ein Sachbuch so zügig durchgelesen. Zwar gibt Michi Strausfeld den historischen Rahmen vor und folgt chronologisch der Geschichtsschreibung. Dabei zieht sie aber immer Querverweise zwischen verschiedenen AutorInnen und Epochen, sodass von „trockener Geschichtsstunde“ keine Rede sein kann. Vor der historischen Kulisse Lateinamerikas ist eindeutig die Literatur der Star.

Strausfeld kannte und kennt die Größen der Literatur des Kontinents persönlich und lockert jedes Kapitel mit der Beschreibung einer denkwürdigen Begegnung oder Freundschaft auf. Als Leser erfährt man also zuerst etwas über die prägenden Werke der jeweiligen Zeit und lernt dann die AutorInnen durch Strausfelds Erzählungen auf persönlicher Ebene kennen. Die Schilderung von Vorlieben, Abneigungen und Macken macht die großen AutorInnen und Nobelpreisträger greifbar.

Sympathisch ist, wie sehr Strausfelds Liebe zu Lateinamerika in jedem Kapitel aufs Neue erkennbar wird. Die Beschreibungen ab den 70er Jahren sind mit persönlichen Eindrücken gespickt. Sehr deutlich wird die Betrübtheit der Autorin über die Politik in Lateinamerika, die zwischen links- und rechts außen pendelt und die um sich greifende Violencia, die die Drogenkartelle in Städte und Dörfer trägt.

„Der Diktatoren-Fundus, aus dem die Schriftsteller schöpfen, versiegt einfach nicht – im 19. wie 20. Jahrhundert. Die kolportierten und historisch verifizierten Exzesse dieser Männer übersteigen mühelos selbst die wildesten Phantasien.“

S. 364

Wer auf Empfehlungen hofft, wird reich beschenkt

„Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“ (die gelben Schmetterlinge stammen aus García Márquez‘ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“) ist absolut durchdacht aufgebaut. Wer wie ich mit dem Bleistift in der Hand dasitzt und auf Empfehlungen lauert, wird reich beschenkt. Jedes Kapitel endet mit einer Auflistung von Zitatnachweisen, in denen die besprochenen Werke aufgelistet sind. Am Ende des Buches findet sich neben einem ausführlichen Sachverzeichnis eine Aufzählung aller genannten SchriftstellerInnen, Werke und dem Titel der deutschen Übersetzung. So kann man auf verschiedene Arten Empfehlungen sammeln: nach Autor/Autorin, nach Thema, nach Epoche oder nach Herkunftsland der Schriftsteller.

Fazit

Als Leser spürt man Michi Strausfelds Liebe zu Lateinamerika auf jeder Seite. Durch seine Vielzahl an versierten Empfehlungen und den durchdachten Aufbau ist „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“ ein farbenfrohes Fest für Literaturliebhaber.

 


Michi Strausfeld, „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte“, S. Fischer 2019, 568 S.

Wissenstipp: Geschichte und Literatur in Südamerika

Weitere Meinungen zum Buch

Vera von glasperlenspiel13 hat ein sehr schönes Interview mit Autorin Michi Strausfeld geführt. Ein ausführliches Interview findet ihr auch auf Blickpunkt Südamerika.

Eine kritische Würdigung des Buchs nimmt der SWR2 lesenswert Podcast vor.

Einen kleinen Überblick über Bücher aus Guatemala gibt es hier auf dem Blog.

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