Friedrich Schiller: Maria Stuart (1800)

Elisabeth I. von England und Maria Stuart: zwei Königinnen, wo es nur eine geben kann. Schillers Drama ließ mich eher enttäuscht zurück.

Maria Stuart

Der Inhalt

Schiller schreibt in fünf Akten von den letzten Tagen der vormals schottischen Königin Maria Stuart. 1568 flieht Stuart wegen des Verdachts, die Ermordung ihres Gatten in Auftrag gegeben zu haben, nach England. Von ihrer Tante, Königin Elisabeth I., erhofft sie sich Schutz. Sie wird aber enttäuscht, denn Elisabeth I. fürchtet sich vor dem Anspruch der katholischen Maria Stuart auf den englischen Thron und will sie am liebsten tot sehen.

Die ehemalige schottische Königin wird zuletzt im kargen Schloss Fotheringhay gefangen gehalten. Schiller beschreibt die letzten drei Tage ihrer Gefangenschaft im Jahr 1587. Ihr Todesurteil durch die Richter ist bereits gesprochen. Es stehen nur noch die Unterschrift durch Elisabeth I. und die Vollstreckung aus. Nach mehreren gescheiterten Rettungsversuchen und einem Mordanschlag auf Elisabeth I. wird Maria Stuart schließlich hingerichtet.

Mein Eindruck

Mein letztes Stück von Schiller war „Wilhelm Tell“. Von der starken Handlung und den markanten Worten in diesem Stück war ich begeistert. Auf Ähnliches hatte ich auch bei „Maria Stuart“ gehofft. Hier wurde ich enttäuscht.

Die Figuren ergehen sich in ausschweifenden Reden. Nur wenige Wendungen daraus haben Eingang in unseren kollektiven Sprachschatz gefunden. Trotz eines Mordanschlags auf Elisabeth und der Hinrichtung Maria Stuarts empfand ich das Drama als eher handlungsarm. Ein Gros der Aktionen beschränkt sich auf das Pläneschmieden einer der beiden mit ihren Dienern; (falsche) Loyalitätsbekundungen und Betrachtungen über den Charakter Marias.

Zwei außergewöhnliche Frauenfiguren

Spannend ist die Gegenüberstellung zweier bemerkenswerter Frauenfiguren. Im Nachwort meiner Ausgabe fand sich der Hinweis, dass das Drama im letzten Jahrhundert oftmals als „Starrollendrama“ mit zwei bekannten Schauspielerinnen in den Hauptrollen inszeniert wurde. Das ist nachvollziehbar, denn die Figuren Elisabeth I. und Maria Stuart haben etwa gleich viele Auftritte und jeweils eine Menge Text.

Maria Stuart

Maria wird von ihren Gegnern als Verführerin und teuflische Intrigantin verdammt. Ihre Schönheit und die Tatsache, dass sie aus Liebe geheiratet hat, gereichen ihr zum Nachteil. Auch um die Hinrichtung zu rechtfertigen, vermuten ihre Gegner, dass Maria selbst aus dem Gefängnis heraus mit wenigen Worten Männern zu Meuchelmördern machen kann. Trotzdem ist die Figur nicht etwa schwach und verletzlich. Zwar betont Schiller ihre Weiblichkeit, doch gleichzeitig ist sie auch stolz, zornig und gefasst im Angesicht des Todes.

„Ich bin besser als mein Ruf.“

Maria in Friedrich Schiller, Maria Stuart, III, 4.

Die jungfräuliche Königin

Elisabeth I., die „jungfräuliche Königin“ sieht ihre Stellung (zu Recht) innen- und außenpolitisch bedroht. Eine Heirat zieht sie nur unter politischen Gesichtspunkten in Erwägung und verdammt Maria für deren Liebesheirat. Sie ist analytisch und klarsichtig, zugleich aber auch milde, unentschlossen und von wechselhafter Stimmung. Sie kämpft damit, ihre Weiblichkeit mit ihrer Königswürde zu vereinen.

Schiller gönnt uns ein – historisch falsches – Aufeinandertreffen der beiden Frauen. Das gerät für Königinnen fast unwürdig, denn die beiden zanken sich derart, dass Elisabeth beleidigt von dannen zieht. Befriedigend ist es für den Leser/Zuschauer aber trotzdem. Denn statt nur übereinander, reden die beiden auch endlich einmal miteinander.

Für mich persönlich war Elisabeth die spannendere Figur. Die unverheiratete Virgin Queen steht im ständigen Spannungsverhältnis von Weiblichkeit und (Staats-)Führung. Damit bietet sie auch heute noch eine Identifikationsmöglichkeit.

Kaum verbliebenes Empörungspotenzial

Der größte Aufreger der damaligen Zeit war die Szene, in der Maria vor ihrer Hinrichtung bei einem katholischen Priester die Beichte ablegt und die Hostie erhält. Einen sakralen Akt wie die Wandlung auf die Bühne zu bringen, erschien vielen Intendanten zu Schillers Zeit so ungeheuerlich, dass die Szene abgemildert oder kurzerhand gestrichen wurde. Das Empörungspotenzial ist heute wohl nicht mehr so groß; damit entfällt leider für den heutigen Leser/Zuschauer auch einer der ehemals streitbarsten Ansätze des Stücks.

Fazit

Meine anfängliche Erwartung an eine schmissige Handlung und griffige Dialoge wurde enttäuscht. Dafür traf ich unerwarteter weise auf zwei bemerkenswerte Frauenfiguren und eine Menge Wissen zur englischen Geschichte im Anhang meiner Ausgabe.

Friedrich Schiller, Maria Stuart, diese Ausgabe: Suhrkamp Basis Bibliothek.


Wissenstipp: Englische Geschichte des 16. Jahrhunderts

Mein Zickzackkurs zu „Maria Stuart“

In Ildefonso Falcones‘ „Die Pfeiler des Glaubens“ bin ich auf die historische Elisabeth I., Königin von England, gestoßen. Unter ihr erfuhr die Spanische Armada unter Philipp II. beim Versuch der Invasion Englands 1588 eine vernichtende Niederlage. Untrennbar mit der historischen Figur Elisabeth I. ist die Königin von Schottland, Maria Stuart, verknüpft. Diese – in der Rückschau recht lose Verknüpfung – führte mich vor Kurzem zu Schillers Drama „Maria Stuart“. Einen gelungenen Artikel über die Kunst, gute Bücher zu finden, findet ihr bei Tobias auf Lesestunden.

 

Maria Stuart ist Teil meiner Klassiker-Leseliste.
Eine wunderbare Übersicht zu neueren Filmen und Serien über Maria Stuart findet ihr bei Books on Fire.

Weitere Meinungen zum Drama bei:

Literaturreiseblog

Marius Breucker über die strafrechtlichen Aspekte [für Liebhaber]

9 Gedanken zu „Friedrich Schiller: Maria Stuart (1800)

  1. Liebe Jana,

    ich hatte „Maria Stuart“ auch vor ein paar Jahren gelesen und mir ging es ähnlich wie dir: zu viel Gerede und zu hochgestochene Sprache für einen Schiller. Eigentlich lese ich Schiller sehr gern, aber hier hatte ich das Gefühl, ein Drama von einem ganz anderen Autor zu lesen.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,

      schade, dass es dir auch so ging. Nach „Wilhelm Tell“ war ich auch ganz schön überrascht. „Die Räuber“ und „Wallenstein“ stehen von Schiller noch an und ich habe den leisen Verdacht, dass ich bei „Wallenstein“ ein ähnliches Erlebnis haben werde wie bei „Maria Stuart“. Spannend zu sehen, wie viel Schiller aus dem historischen Stoff herausholen kann: Mal gelingt es als schmissiges Abenteuer wie bei „Wilhelm Tell“, mal wird’s wohl langatmig wie bei „Maria Stuart“. Ich bin gespannt auf die nächsten beiden.

      Viele Grüße
      Jana

  2. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass wir das Stück während der England-Fahrt in der 10. Klasse durchgenommen haben und ich es nie zu Ende gelesen habe…
    Wilhelm Tell mochte ich auch!

    1. Ja, ich war überrascht, wie sehr sich die beiden Stücke in ihrer Herangehensweise unterscheiden. Schiller hätte Maria Stuart ja auch ganz anders (und ebenso verwegen wie Wilhelm Tell) angehen können. Kannst du vielleicht eine Verfilmung empfehlen? Überlege, ob ich die aktuellste mit Saoirse Ronan schauen soll, die sah im Trailer ganz gut aus.

  3. Hallo Jana,
    ich habe Maria Stuart vor einigen Jahren im Theater gesehen, und ich kann mir gut vorstellen, das es eines dieser Stück ist, das ganz von der Darstellung lebt. Vielleicht kannst du dir ja irgendwann auch noch mal eine Inszenierung ansehen, und es dann mehr genießen. Es ist aber immer wieder spannend, wie manche Details früher Empörungspotenzial bargen und heute gar nicht mehr wahrgenommen werden…

    Liebe Grüße
    Janine

    1. Hallo Janine,

      ich hoffe auch, dass ich Maria Stuart mal auf der Bühne sehe! Wo hast du es denn sehen können? Ich habe schon überlegt, mir eine Abfilmung anzuschauen, Theater ist ja derzeit eher mau. Ich hoffe, Die Räuber oder Wallenstein lassen sich besser lesen.

      Viele Grüße
      Jana

  4. Hallöchen,

    tatsächlich habe ich das Stück noch nie gelesen oder aufgeführt gesehen. Tatsächlich musste ich von Schiller nur mal „Die Räuber“ in meiner Schulzeit lesen. Aber ich bin sowieso ein Kunstbanause, was klassische Literatur und Theaterstücke angeht.
    Ich wollte mich eigentlich nur kurz bedanken, dass du auf meinen neusten Beitrag hingewiesen hast.

    Liebe Grüße
    Sarah von Books on Fire

    1. Hallo Sarah,
      ich hab schon häufiger Hintergrundbeiträge auf deinem Blog gefunden, die perfekt zu meinen gerade gelesenen Büchern passten – von daher: Vielen Dank an dich! Die Gruppe von LeserInnen unter #WirlesenFrauen auf Twitter und woanders interessiert sich bestimmt auch sehr für deine Beiträge. 🙂
      Viele Grüße
      Jana

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