Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven (1931/2020)

„Barracoon“ ist die bis vor Kurzem unveröffentlichte Lebensgeschichte des letzten verschleppten und in den USA versklavten Afrikaners. Die Veröffentlichung ist ein literarisches Ereignis, das enorm spannende Einblicke bietet.

Barracoon

Verschleppt, versklavt und endlich erzählt

In „Barracoon“ schreibt die Anthropologin und Schriftstellerin Zora Neale Hurston die wahre Geschichte von Oluale Kossola, auch Cudjo Lewis genannt, auf. Man verschleppte ihn aus dem heutigen Benin und hielt ihn in sog. „Barracoons“ (Barracken) gefangen. 1860 gelangte er auf dem letzten Sklavenschiff nach Nordamerika, wo er als Sklave noch für einige Jahre auf einer Plantage im Süden der USA Zwangsarbeit leisten musste. Zora Neale Hurston befragte 1927 den damals 86-Jährigen nach seiner Lebensgeschichte. 2018 wurden die Aufzeichnungen erstmals in den USA verlegt und sind jetzt auch auf Deutsch erschienen.

Authentische Sprache, schmerzhafte Erinnerung

Zora Neale Hurston hat Oluale Kossolas Lebensgeschichte in dessen eigenen Worten aufgeschrieben. Was auf Englisch wohl eine Art Slang sein mag, liest sich auf Deutsch wie leichte Sprache. Diese Art der Aufzeichnung, bei der die Interviewpartnerin sich fast völlig aus den gemeinsamen Gesprächen zurückzieht, erzeugt eine ungemeine Nähe zum Erzähler Kossola. Als Leser spürt man trotz der einfachen Wortwahl (Englisch lernte er erst als Erwachsener auf den Plantagen) die ganze Bandbreite von Kossolas Gefühlen. Noch als alter Mann ist er völlig ratlos und auch erschrocken über das Unheil der Versklavung, das plötzlich wie aus dem Nichts über ihn kam und ihn völlig entwurzelte.

Die Vorstellung, entführt und auf einen anderen Kontinent verschifft zu werden und dort Sklavenarbeit leisten zu müssen, ist furchtbar. Aber richtig schmerzhaft ist es, wenn Kossola erzählt, als er anfängt zu begreifen, dass er auch nach dem Ende der Sklaverei nie wieder in die Heimat zurückreisen kann, weil ihm das Geld fehlt. Die einheimischen Weißen und auch die Schwarzen stehen den Afrikanern feindlich gegenüber. Sie gründen daraufhin ihr eigenes kleines Dorf in Alabama und nennen es „AfricaTown“.

Horizonterweiternd

Diese Geschichte zu lesen, hat meinen Horizont erweitert. Mir war bislang nicht bewusst, wie genau der Menschenhandel zwischen Afrika und Nordamerika ablief. Kossolas Heimatdorf wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von einem kriegerischen Stamm von der afrikanischen Westküste massakriert. Die jungen Frauen und Männer wurden gefangen genommen und mussten einen tagelangen Marsch aus dem Landesinnern bis zum Meer über dich ergehen lassen. Dort wurden sie in die namensgebenden Barracken gesperrt und vom lokalen Stammesfürsten an amerikanische Menschenschmuggler verkauft. Es gab wohl Stämme, die sich ausschließlich über den Menschenhandel finanzierten.

Neu war für mich auch zu erfahren, wie schwierig das Leben nach der Abschaffung der Sklaverei 1865 insbesondere für die afrikanischen Sklaven war. Von Seiten der Weißen erfuhren sie Rassismus. Die seit Generationen ansässigen schwarzen Amerikanern hielten sie für unzivilisierte Wilde, die obendrein der englischen Sprache nicht mächtig waren und teils nach ihren Stammesbräuchen lebten.

Die Besonderheiten der Buchausgabe

…liegen darin, dass die an sich nicht sonderlich seitenstarke Geschichte Kossolas durch Vor- und Nachworte, ein Begriffsregister und ein Essay der Hurston-Expertin Deborah G. Plant über das wissenschaftliche Vorgehen Zora Neale Hurstons ergänzt wird. Was erstmal nicht so spannend klingt, hat die Arbeit Hurstons für mich erst ins richtige Licht gerückt. Ihre Methode, Kossola einfach „erzählen zu lassen“ und im Nachhinein alles aufzuschreiben, während sie sich selbst Wissen anlas, fand ich als wissenschaftliches Vorgehen schwierig. Die Literaturwissenschaftlerin Plant bemerkt dann auch kritisch, dass es Hurston in dieser ersten wissenschaftlichen Arbeit mit den Quellenangaben nicht allzu genau nahm und ihre Methoden noch nicht so ausgereift waren, wie es in ihren späteren Untersuchungen der Fall war.

Diese Anmerkungen lassen auch „Barracoon“ weniger als wissenschaftliche Arbeit einer Anthropologin, als vielmehr als empathische Verschriftlichung einer bemerkenswerten Lebensgeschichte erscheinen. Dem Lesevergnügen tun die kritischen und erhellenden Einwendungen Plants keinen Abbruch. Im Gegenteil, ich habe Lust, mehr von Hurston zu lesen.

Fazit

„Barracoon“ ist ein gut aufbereitetes Stück Zeitgeschichte über dessen Wiederentdeckung ich mich sehr freue. Das Lesen hat meinen Horizont erweitert und mir eine neue Perspektive auf das Thema „Sklaverei“ eröffnet. Eine Empfehlung für alle, die die Thematik besonders interessiert.

 

Zora Neale Hurston, „Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven“, OT: Barracoon. The Story of the Last „Black Cargo“, aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring, Penguin Verlag 2020, 224 Seiten.


Zur Autorin
Zora Neale Hurston
Zora Neale Hurston

Zora Neale Hurston (1891–1960) bewegte sich als Schriftstellerin im Kreis der sog. New Yorker Harlem Renaissance. Sie reiste durch den Süden der USA und in die Karibik, wo sie Lieder, Gedichte und Legenden der dortigen Bewohner sammelte und ihre Ergebnisse unter den Titeln „Mules and Men“ und „Tell My Horse“ veröffentlichte. Ihr bekanntester Roman ist „Their Eyes Were Watching God“ (dt. Und ihre Augen schauten Gott) von 1937. Über ihr Leben schreibt sie in ihrer Autobiographie „Dust Tracks on a Road“ (dt. Ich mag mich, wenn ich lache. Autobiographie).

Hurstons Werk geriet für längere Zeit in Vergessenheit und wurde erst durch das Engagement der Schriftstellerin Alice Walker („The Color Purple / Die Farbe Lila“) wieder bekannt.


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10 Gedanken zu „Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven (1931/2020)

    1. „Their Eyes Were Watching God“ habe ich bisher noch gar nicht gelesen. Meine Schwiegermutter hat mir Roots ausgeliehen als sie gehört hat, dass ich gerade viel zu Sklaverei und Rassismus lese. Habe gesehen, dass das Buch schon von 1976 ist. Mir war es vorher gar nicht geläufig; auch, dass es eine Verfilmung gibt, erfahre ich gerade erst von dir. Ich wollte es morgen beginnen und bin ganz gespannt.🙂

        1. Ja, ich hab auch erst mal gegogglet. Danke, ich schau bestimmt rein! Gerade habe ich unterbrochen für die Jules-Verne-Leserunde, aber danach geht’s weiter! Zu Star Trek bin ich nie gekommen! Ich denke, da hab ich noch einiges aufzuholen. 😉
          Viele Grüße!

  1. Hey,

    danke schön fürs Zeigen von diesem Buch. Ich werde es mir auf jeden Fall auf die Wunschliste legen.
    Diese Art von Büchern mag ich unheimlich gerne. Klingt jetzt etwas komisch, aber ich liebe es sehr, wenn Menschen von sich erzählen. Wenn sie eine schlimme Zeit hinter sich haben und jetzt nach vorne blicken können.
    So wie „Twelve Years a Slave“ oder „Gute Geister“ bzw. „The help“.
    Okay, das klingt immer noch nicht besser. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. 🙂

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend

    Ganz lieben Gruß
    Steffi

    1. Hallo Steffi,

      ich kann verstehen, was du meinst! Aus den Geschichten der Überlebenden spricht immer eine unheimliche Stärke, Hoffnung und persönliche Größe, die man in seicht vor sich hin plätschernden Geschichten nie findet.

      „The Help“ wollte ich mir auch demnächst anschauen bzw. lesen. Gerade habe ich mir „Der Cimarrón“ von Miguel Barnet über einen entkommenen kubanischen Sklaven gekauft und das Buch „Jesusa – Ein Leben allem zum Trotz“ von Elena Poniatowska. Von beiden verspreche ich mir genau das, was du oben geschildert hast.

      Bestimmt ist es auch die Suche nach Geschichten, die Bedeutung haben und die einem Hoffnung geben, selbst, wenn man hoffentlich niemals in solch furchtbare Lebenssituationen kommen wird.

      Hab einen schönen Abend, viele Grüße!

  2. Liebe Jana,
    die Sklaverei kann man sich heute kaum noch vorstellen. Ich habe mich kurz bewusst mit dem Sklavenhandel beschäftigt, nachdem ich auf Bonaire war und dort die Sklavenhütten am Strand besichtigt habe. Ich konnte im Eingang noch nicht einmal sitzen von ausgestreckt liegen in der Hütte mal ganz abgesehen und darin haben etwa vier bis fünf Sklaven gelebt, die in der Salzgewinnung arbeiten mussten.
    In dem Zusammenhang finde ich das Buch spannend und wird bei meiner nächsten Reise mich begleiten.
    LG Kerstin

    1. Liebe Kerstin,
      der Besuch der Sklavenhütten auf Bonaire hört sich nach einer beeindruckenden Erfahrung an. Danke für deine Schilderung! Ich glaube, dass diese Berichte neben den individuellen Geschichten auch immer einen kleinen Einblick in eine strukturelle Ungerechtigkeit geben, die sich bis heute fortsetzt und auch wenn ich ab und zu eine Pause von diesen Geschichten brauche, zieht es mich doch immer wieder zu ihnen. Das Sachbuch von Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika zum Thema Sklaverei und den Fortwirkungen kann ich auch sehr empfehlen. http://wissenstagebuch.com/2018/02/14/ibram-x-kendi-gebrandmarkt/

      Viele Grüße
      Jana

  3. Oh oh oh,

    vielen lieben Dank für diese Rezension. Das Buch durfte direkt auf meine Wishlist wandern.
    Ich bin ein Fan von Biografien, Erfahrungsberichten und Tagebüchern.

    LG RoXXie

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