Geraldine Brooks: March (2005) Little Women Special 3/3

In „March“ erzählt Geraldine Brooks die Geschichte von Louisa May Alcotts „Little Women“ aus der Perspektive des abwesenden Vaters – und erschafft einen genialen neuen Blickwinkel auf die Geschichte.

Geraldine Brooks March

Der Vater zieht als Hilfspfarrer in den Sezessionskrieg, die vier Töchter bleiben bei der Mutter zu Hause in Concord, Massachusetts. Was die Mädchen dort ein Jahr lang treiben, ist durch die „Little Women“-Bücher und zuletzt durch die Verfilmung von Greta Gerwig hinreichend bekannt. Was aber treibt Mr. March? Vom Vater, der bis zum Ende des ersten „Little Women“-Romans nur durch seine mahnenden und beschwichtigenden Briefe in Erscheinung tritt, erfährt der Leser nichts. Diese Lücke füllt Pulitzer-Preisträgerin Geraldine Brooks in ihrem 2005 erschienenen Roman „March“ (dt. „Auf freiem Feld“).

Ein Hauen und Stechen

Während „Little Women“ nicht gerade für seine actionreiche Handlung bekannt ist, lässt Brooks ihren Protagonisten March eine Schlacht nach der anderen schlagen. Der Leser lernt ihn just in dem Moment kennen, in dem er einen jungen Kameraden nicht vor dem Ertrinken bewahren kann und folgt ihm fortan auf mehrere Kriegsschauplätze und in Lazarette. Als Kaplan gibt er den Männern das letzte Geleit, auch wenn er als Verfechter einer eher unorthodoxen christlichen Lehre oft kritisch beäugt wird. Anfangs noch glühender Verfechter des Abolitionismus, muss March bald erkennen, dass die Realität vielschichtiger ist, als es ihm vormals zu Hause vor dem heimischen Kamin erschien. So unterrichtet er über Monate befreite Sklaven auf einer Plantage in den Südstaaten und erkennt, dass sich an der Ausbeutung der Menschen auch nach ihrer Befreiung nichts geändert hat.

Das Schlachtfeld Ehe

Seine zweite Schlacht schlug March schon, bevor er in den Krieg aufbrach. Die Ehe mit Marmee (ja, genau, die engelsgleiche Übermutter) ist kein Kinderspiel. In „Little Women“ deutet Marmee gegenüber ihrer temperamentvollen Tochter Jo an, dass es ihr selbst früher an Beherrschung gefehlt habe. Das Thema wird dort nicht weiter vertieft. Ganz anders bei Brooks: Ihre Marmee ist ein Wirbelsturm, der seine Meinung nachdrücklich – auch mit herausgebrüllten Beschimpfungen – vertritt. Als entschiedene Gegnerin der Sklaverei unterstützt sie die Underground Railroad und hilft entkommenen Sklaven dabei, nach Norden zu gelangen, indem sie sie unter Lebensgefahr bei sich zu Hause versteckt. Ihrem Mann March sagt sie mehr als einmal gehörig die Meinung und die Ehe der beiden steht mehrmals auf dem Spiel.

Feine Charakterzeichnung

Das Augenmerk liegt bei Geraldine Brooks´ Roman „March“ neben der Schilderung des Bürgerkriegs auf der Beziehung zwischen March und Marmee. Ihr gelingt eine sehr feine Charakterzeichnung. Brooks´ March ist – ganz anders als seine Briefe nach Hause vermuten lassen – nicht heroisch und selbstsicher, sondern oft naiv, selbstgerecht und dabei von Selbstzweifeln geplagt. Marmee ringt mit Jähzorn, Eifersucht und Begierde gleichermaßen und muss mehr als einmal lernen, ihrem Mann für seine moralischen Fehltritte zu verzeihen. Die Figuren in „March“ sind ausgesprochen menschlich und vielschichtig. Zu ihnen gesellen sich Größen der Zeit wie John Brown und Henry Thoreau, die ebenfalls in Concord, nahe Boston verkehren.

Antworten auf offenen Fragen

Louisa May Alcott wirft in „Little Women“ einige Fragen auf, die bis zum Schluss nicht geklärt werden. Wodurch wurde die Familie March reich? Wie verlor sie dann ihr Vermögen? Warum kam es zum Zerwürfnis mit der alten Tante March? Diese Fragen werden in Geraldine Brooks´ Roman so nachvollziehbar und ungezwungen geklärt, dass man vergisst, dass sie durch das Original „Little Women“ vorgegeben waren. Apropos, über die vier Mädchen Meg, Jo, Amy und Beth erfahren wir wenig – sie sind bloße Randfiguren dieser Geschichte ihrer Eltern.

Fazit

Ich bin schlichtweg begeistert. Geraldine Brooks füllt die Figuren der Eltern aus „Little Women“ mit so viel Leben, dass das Lesen eine Freude ist. Durch Brooks werden die Übereltern endlich menschlich. Nebenbei lernt man viel über die politischen und philosophischen Strömungen im US-amerikanischen Sezessionskrieg. Ein rundum großartiges Buch.


Geraldine Brooks, March, Penguin Books 2005, dt. „Auf freiem Feld“.

Alle Artikel der Beitragsreihe:

Louisa May Alcott: Little Women (1868) Little Women Special 1/3
Literaturverfilmung: Little Women (2019) Little Women Special 2/3
Geraldine Brooks: March (2005) Little Women Special 3/3

Weitere Meinungen zum Buch bei:

My Thoughts Literally! (englisch)
Chrisbookarama (englisch)

8 Gedanken zu „Geraldine Brooks: March (2005) Little Women Special 3/3

  1. Liebe Jana,

    an dieser Stelle herzlichen Dank für dieses Special! Leider habe ich es (noch) nicht geschafft, die Neuverfilmung zu sehen. Bisher kenne ich nur Alcotts Original und die Anime-Verfilmungen („Eine fröhliche Familie“ und „Missis Jo und ihre fröhliche Familie“).

    Auch wenn ich gegenüber dem Kinderbuch weniger streng eingestellt bin als du, habe auch ich mich immer gewundert, warum man von dem Vater so wenig erfährt. Es hieß immer nur, dass er streng sei, aber trotzdem sehr geliebt wurde von seinen Töchtern. Aber welche Art Mensch er ist, blieb unklar. Und es hatte mich schon als Kind immer irritiert, wenn mir wieder bewusst wurde, dass er im Krieg ist, aber trotzdem alles so unbeschwert im Hause March blieb. Entsprechend hast du mich nun neugierig auf Geraldine Brooks Blick auf Vater March gemacht. Der Titel wandert also auf jeden Fall auf die Merkliste. 🙂

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,

      danke dir fürs Lesen! An die Anime-Verfilmungen kann ich mich nur noch ganz dunkel erinnern, ich habe bei Weitem nicht alle Folgen gesehen. Aber ich habe gesehen, dass sie jetzt beim Streamingdienst verfügbar sind. Vielleicht schau ich noch mal rein. 😊

      Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung zu „March“. Das hätte sich im Nachhinein auch sehr gut für einen Buddy-Read geeignet; Marchs Verhalten bietet einiges an Aufregerpotential und einige interessante Frauenfiguren kommen auch vor. 😉

      Liebe Grüße
      Jana

  2. Oh, das ist ja interessant- ich hatte keine Ahnung, dass es die Sichtweise auch noch in Buchform gibt. Tatsächlich fällt es mir aber sehr schwer mir vorzustellen, dass ausgerechnet diese Marmee so ein Wirbelwind sein soll und sogar Schimpfwörter kennt – du klingst euphorisch 😉 , also ist es glaubwürdig umgesetzt?

    1. Ich fand es sehr glaubwürdig umgesetzt. Zum einen ist es sprachlich angenehm zu lesen (auch, wenn ich persönlich die englische Version als anspruchsvoll empfand). Zum anderen nimmt die Autorin sich ganz viel Zeit für die Charakterisierung ihrer Figuren. Ich fand das Ehepaar March deutlich glaubwürdiger als in den Little Women-Büchern selbst. Die beiden wirkten menschlicher und mussten mit menschlichen Problemen wie Eifersucht, Stolz, finanziellen Engpässen oder einfach Ehestreit umgehen. Ein dickes Plus bei der Glaubwürdigkeit. 😉

  3. Es scheint im Moment ein Trend zu sein, berühmte Literaturwerke aus einer anderen Perspektive neuaufzulegen oder Nebencharaktere zu verarbeiten. Ist nicht negativ gemeint, ich finde das schon reizvoll. Jo Bakers Longbourn fand ich gut, The Wide Sargasso Sea von Jean Rhys will ich auch noch lesen und ganz neu gibt es ja „The Other Bennet Sister“. Zu Little Women habe ich nicht so den Bezug, habe das erste Buch vor langer Zeit gelesen und dann zwei Verfilmungen gesehen. „March“ klingt gut, ich überlege noch, ob es auf die Wunschliste kommt 🙂

    1. Die von dir genannten Werke kenne ich noch gar nicht! Stolz und Vorurteil habe ich damals gern gelesen, aber diesen manchmal doch übertriebenen Hype hab ich nie ganz verstanden. Vielleicht nimmt „The Other Bennet Sister“ der Geschichte ein wenig von ihrem Nimbus. March kann ich sehr empfehlen; ich war von der Ursprungsgeschichte ein bisschen enttäuscht und ,,March“ hat den Figuren für mich zum ersten Mal richtig Leben eingehaucht. 🙂

  4. Hallo Jana,

    die Neuverfilmung von „Little Women“ habe ich noch nicht gesehen, sie steht aber auf meiner „To Watch“-Liste. Jedenfalls bin ich überhaupt erst durch den Trailer zur Neuverfilmung auf den Roman dahinter aufmerksam geworden und bin definitiv neugierig. Und wenn ich „Little Women“ lesen sollte, werde ich „March“ definitiv direkt ranhängen! Von deiner Meinung her würde ich auch fast vermuten, dass mir „March“ besser gefallen wird als „Little Women“. 🙂

    Liebe Grüße
    Alica

    1. Hallo Alica,

      nach dem Roman „Little Women“ war ich ein bisschen enttäuscht, aber „March“ hat mich ganz schnell wieder mit der Geschichte versöhnt. Ich würde auch sagen, dass man ihn lesen kann, ohne die „Little Women“ zu kennen. Aber wenn man sie kennt – egal ob durch Film oder Buch – macht’s auf jeden Fall mehr Spaß. Ich hatte ganz besonders viel Spaß mit Marmee. Die war im Buch so staubtrocken, dass Laura Dern im Film schon eine Freude war. Aber „March“ hat das Feuerwerk richtig gezündet und ich finde, Geraldine Brooks hat der Figur nicht nur eine neue Facette gegeben, sondern sie völlig neu erfunden.
      Falls du „March“ liest, sag gern Bescheid, wie es dir gefällt! Ich habe bislang noch mit niemandem gesprochen, der das Buch auch gelesen hat und würde mich freuen, wenn es dir ebenso gut gefällt.

      Viele Grüße!
      Jana

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