Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Rebecca von Daphne du Maurier ist ein Schauerroman mit emanzipatorischem Anspruch. Ich konnte ganz eintauchen in die Welt des englischen Adels und der schaurigen Herrenhäuser.

Rebecca

Der Inhalt

England zum Ende der 30er Jahre: Eine junge Frau verliebt sich in den adligen Schlossbesitzer Maxim de Winter. Sie heiratet den Witwer und folgt ihm auf seinen Landsitz Manderley. Doch dort schwebt über allem noch der Geist seiner verstorbenen Frau Rebecca, die Monate zuvor bei einem Segelunfall ums Leben kam.

„Last night I dreamt I went to Manderley again“

Der erste Satz des Buches ist zugleich einer der bekanntesten in der englischen Literatur:

„Last night I dreamt I went to Manderley again.“

Die Protagonistin in „Rebecca“ – sie wird bis zum Schluss namenlos bleiben – folgt dem Mittvierziger Maxim de Winter nach einem Kennenlernen in Monte Carlo auf seinen Landsitz Manderley. Das Herrenhaus ist landesweit bekannt und die Protagonistin hätte sich nie träumen lassen, einmal dort zu leben. Bisher war sie als Gesellschafterin für eine alte, furchtbare Amerikanerin tätig und ist als plötzliche Hausherrin überfordert mit der Führung eines so großen und prestigeträchtigen Hauses. Sie überlässt die Organisation völlig der angestammten Haushälterin Mrs. Danvers. Doch diese war ganz vernarrt in die Vorgängerin der Protagonistin, Rebecca, und führt „der Neuen“ ihre Unzulänglichkeit vor Augen.

Rebecca ist überall

Bald schon ist die Protagonistin wie besessen von der gutaussehenden, sportlichen und selbstsicheren Rebecca. Sie glaubt sie zu sehen, glaubt, ihr Mann Maxim habe ihren Tod nie verwunden und liebe Rebecca noch immer. Sie steigert sich in ihre vermeintliche Unzulänglichkeit hinein; ihre Unsicherheit und ihr geringes Selbstwertgefühl prägen den größten Teil des Romans.

Atmosphäre zum Anfassen

Atmosphärisch ist dieser Roman unglaublich dicht. Beim Lesen sieht man die lange, dunkle Auffahrt zum Herrenhaus vor sich. Man riecht die Blumen, schaudert beim Anblick des blutroten Rhododendrons. Man hört das ununterbrochene Tosen der Wellen und dumpfe Fußtritte auf dem weichen Waldboden. Beim Tee schmeckt man die Scones und sitzt mit am knisternden Feuer der Bibliothek. Wer auf englische Landromantik steht, wird hier bestens bedient.

Das Schauerelement ist zwar da, aber es ist mehr ein unterschwelliges Grauen, das hier gepflegt wird. Ein Buch, das man auch gut im Dunklen im Schein er Nachttischlampe lesen kann. Nur die Szenen mit der Haushälterin Mrs. Danvers, die haben mich doch etwas bleich werden lassen. Ich wäre sehr gespannt auf die filmische Umsetzung bei Hitchcock. Mal sehen, wo der Film aufzutreiben ist.

Menabilly House, Cornwell um 1920. Das Anwesen diente als Vorlage für Manderley.
Menabilly House, Cornwell um 1920. Das Anwesen diente als Vorlage für Manderley.
Rebecca: Open to interpretation (Achtung! Spoiler in diesem Absatz)

Der Roman bietet unglaublich weite Interpretationsspielräume. Die ständigen Zweifel an der eigenen Person erweckten beim Lesen erst Mitleid, später kam dann das Augenrollen. Du Mauriers Protagonistin macht sich selbst schon sehr schlecht und mir war bis zum Schluss nicht ganz klar, was die Intention der Autorin diesbezüglich war. Wollte sie die Charakterentwicklung hin zur selbstsicheren Frau, die eintritt, sobald die Sache mit Rebecca „geklärt“ ist, verdeutlichen? Oder Maxim, der seine neue Ehefrau derart „hängen lässt“, als zweifelhaften Charakter beschreiben?

Spannend ist die Frage, wer eigentlich der/die „Böse“ in der Geschichte ist. Ist es wirklich Rebecca, die als Femme Fatale dämonisiert wird? Oder ist es nicht eher Maxim de Winter, der Rebecca hasst, weil sie ihre Sexualität auslebt und sie dann schließlich und endgültig richtet? Auch ist er es, der nach ihrem Tod die negativen Zuschreibungen vornimmt; wir erfahren als die „Geheimnisse“ nur aus seinem Mund. Was Mrs. Danvers erzählt („Sie hat Männer verachtet und über sie gelacht“) klingt eher, als habe Rebecca Maxims Stolz gekränkt. Dass sie sich am Ende ihres Lebens niemandem anvertraut hat, macht sie in meinen Augen zu einer tragischen Figur, der eine eindimensionale Charakterisierung als „Männerfresserin“ nicht gerecht wird.

Kritik

Einen kleinen Abzug gibt es für Daphne du Mauriers exzessives Foreshadowing. Als Leser war einem schnell klar, dass in Manderley Unheil droht. Da fühlte man nicht nur an der Hand genommen, sondern regelrecht mitgezerrt, als bei jeder sich bietenden Gelegenheit (manchmal recht plump – die Postkarte von Manderley) auf Kommendes verwiesen wurde.
Ambivalent ist das Frauenbild in der Geschichte. Es kann als sehr traditionell interpretiert, ebenso gut könnte der Roman aber auch als Selbstermächtigung und Gesellschaftskritik gelesen werden. Diese Ambivalenz macht für mich – neben der englischen Schauerhausromantik – den Reiz des Buches aus.

Fazit

„Rebecca“ ist ein atmosphärisch dichter Schauerroman, der mit einer spannenden Geschichte in englischer Landhausromantik und einzigartigen Figuren aufwartet. Eine klare Leseempfehlung.


Die Autorin
Daphne du Maurier um 1930
Daphne du Maurier um 1930

Der Name Daphne du Maurier (1907-1989) war mir zwar schon begegnet, aber gleich einordnen konnte ich ihn nicht. Dabei ist sie als Autorin von „Die Vögel“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ keine Unbekannte und ihr Werk erlangte nicht zuletzt durch mehrere Hitchcock-Verfilmungen große Bekanntheit. In „Rebecca“ soll sie teilweise Erfahrungen aus ihrer eigenen unglücklichen Ehe mit Frederick Browning verarbeitet haben. Das Leben der Autorin wurde 2007 unter dem Titel „Daphne“ verfilmt. Ihr damaliger Wohnsitz Menabilly im englischen Cornwell diente als Inspiration für den Landsitz „Manderley“ im Roman.

Die Lese-Crew

Auf Daphne du Mauriers „Rebecca“ haben mich Kathrin (Phantásienreisen) und Steffie (Miss Booleana) aufmerksam gemacht. Sie hatten eine Leserunde auf Twitter unter dem Hashtag #VisitingManderley vereinbart und ich durfte mich ganz kurzfristig anschließen. Später stieß noch Matthias (Notizen und Gedanken) zu uns, sodass wir „Rebecca“ mit vier Augenpaaren lesen konnten. Die Beiträge der Mitlesenden findet ihr unter obigem Hashtag und hier:

01.02.20               Ankündigung von Kathrin
19.02.20               Zwischenfazit von Steffi
08.03.20               Fazit und Besprechung von Steffi
14.03.20               Fazit und Besprechung von Kathrin

Daphne du Maurier, Rebecca, 1938, verschiedene Ausgaben.

4 Gedanken zu „Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

  1. Lesecrew – das gefällt mir 😀 Die Leserunde hat sehr viel Spaß gemacht! Und ich bewundere immer noch mit was für einem Tempo du durch das Buch gesaust bist 😉 Gerne bald wieder.
    Allerdings habe ich es rückblickend doch nicht mit ganz soviel Spannung gelesen. Am Anfang schon, da war noch Hoffnung auf kitschige Romantik. Dann zwischendurch bei den großen Offenbarungen, aber dazwischen musste ich ganz schön kämpfen …

    1. Manchmal hab ich einen Lauf. 😉 Ich glaube, ich habe mich auch so auf „Rebecca“ gestürzt, weil ich die Sprache nach „Gullivers Reisen“, das ich parallel gelesen (zu der Zeit viel eher ausgesetzt) habe, so herrlich modern fand.

      Ja, dein Beitrag klang gar nicht so euphorisch. Ich bin gespannt, wie euch das Musical gefällt; vielleicht bekommt die Geschichte mit Musik ja noch ein bisschen mehr Pep. 😊 Toll, dass du von der Netflix-Adaption geschrieben hast; davon hatte ich noch gar nichts gehört und bin jetzt natürlich gespannt ohne Ende! In welchen Tiefen der Literatur die Macher auch immer wühlen, um an Ideen zu kommen… Wahnsinn.

      Ich freue mich schon auf eine neue Leserunde mit der Crew; gern auch wieder einen Klassiker (einen Russen…?). 😊

  2. Liebe Jana,

    irgendwas hat das Buch auf jeden Fall richtig gemacht, so intensiv wir diskutiert haben und so unterschiedlich unsere Meinungen ausfielen. Wie du bin ich unsicher, was die wirkliche Absicht von du Maurier war und sehe auch die Rolle von Maxim kritisch, gerade in Bezug auf seine Tat und dass er ungestraft davon kommt.

    Den fehlenden Schauer habe ich sehr vermisst, da ich nach allem, was ich wusste, wirklich etwas Düsteres erwartet hatte. Und ich bin ganz bei dir und Steffi, dass du Maurier zu viel Foreshadowing betrieb. Vieles kann man sich sehr früh zusammenpuzzeln (v.a. bei Bens Äußerungen) und wundert sich, dass die Protagonisten nichts davon erkennt.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,
      du hast Recht – die Schauer kamen in diesem Roman wirklich kurz. Vielleicht sollte ich es in dem Genre noch einmal mit einem anderen Roman versuchen. Gern auch einsame Frau auf großem Landsitz – mit dem Setting konnte ich mich schnell anfreunden. 🙂 Hast du vielleicht Empfehlungen für Schauerromane, die in diese Richtung gehen?

      Liebe Grüße
      Jana

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