Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726)

„Gullivers Reisen“ ist viel mehr als nur Lilliput. Wie mich die Geschichten nach einigen Startschwierigkeiten in ihren Bann gezogen haben.

Gulliver

Von besonders kleinen Menschen …

Die bekannteste Reise des englischen Schiffarztes Lemuel Gulliver ist gleich seine erste. Er erleidet Schiffbruch und strandet auf Lilliput. Die Insel wird von Menschen bevölkert, die etwa ein Zwölftel der Körpergröße eines Durchschnittsmenschen messen und in dem recht friedfertigen Gulliver zunächst eine (sehr große) Gefahr sehen. Nach und nach gewinnt der Reisende das Vertrauen des dortigen Königs und seines Hofes, doch ist er vor den Intrigen der Minister nicht gefeit. Deshalb flieht er schließlich vor einer Anklage wegen Hochverrats auf die (von ebenso kleinen Menschen bevölkerte) Nachbarinsel. Da er sich nicht als monströse Kriegsmaschine missbrauchen lassen will, verlässt er schließlich die Inseln der kleinen Leute und kehrt nach England zurück.

… und besonders großen

Wie nach jeder Reise hält er es zu Hause bei Frau und Kindern nicht lange aus und sticht wieder in See. Diesmal landet er unverhofft auf der Insel Brobdingnag, auf der die Größenverhältnisse umgekehrt sind: Gulliver ist nun ein Winzling und ein „kleines“ Bauernmädchen wird seine Beschützerin. Er gelangt schließlich wieder an den Hof des dortigen Königs und gewinnt die Gunst des Herrscherpaares. Doch anders als die Bewohner Lilliputs sind die Riesen von Brobdingnag trotz ihrer ungeheuren Kräfte friedfertig. Als Gulliver stolz von seiner kriegerischen Heimat England berichtet und dem König anbietet, dessen Volk in der Herstellung von Schießpulver zu unterweisen, lehnt dieser angewidert ab:

Aber nach allem, was ich deinen Erzählungen entnehmen konnte, und nach den Antworten, welche ich dir mühsam entrungen und aus dir herausgezwungen habe, kann ich daraus nichts anderes schließen, als dass die Eingeborenen bei euch zur übergroßen Mehrheit das zäheste und widerwärtigste kleine Gewürm sein müssen, dass die Natur jemals auf dieser Erde hat kriechen lassen. S. 270

Gulliver wird dann schließlich mitsamt seinem Hause – das seine kleine Beschützerin als Bauchläden trägt – von einem übergroßen Adler gepackt und ins Meer geworfen. Er findet Aufnahme bei einem Kapitän und segelt zurück nach England.

Von fliegenden Schlössern …

Seine nächste Reise befehligt Gulliver als Kapitän selbst – solange, bis er Opfer einer Meuterei wird. In einem kleinen Beiboot ausgesetzt, wird er auf der durch Magnetkraft schwebenden Insel Laputa aufgenommen. Die Laputaner sind ein wunderliches Volk, das sich ausschließlich der Mathematik und Musikwissenschaft widmet und so verkopft ist, dass es alles um sich herum vergisst. Die hochgestellten Adligen beschäftigen deshalb „Patscher“, die ihnen im Gespräch hin und wieder auf Ohren und Mund patschen, damit die Herren daran erinnert werden, ihrem Gegenüber zuzuhören und zu antworten.

Gulliver ist für die Laputaner uninteressant; alles, was er zu Mathematik oder Musik zu sagen hat, ist ihnen schon bekannt. Sie halten ihn deshalb für ziemlich blöd und willigen schnell ein, ihn auf ihrer Heimatinsel abzusetzen. Dort sind die Menschen zwar weniger abgehoben (im wahrsten Sinne), doch Ackerbau und Viehzucht liegen brach, seit sich eine Akademie mit neuen Erfindungen daran gemacht hat, das Leben der Menschen zu verbessern. Viele krude Ideen werden angedacht, nichts wird zu Ende geführt. Swift (1667-1745) persifliert hier die Ideen in den Anfangsjahren der englischen Royal Society. Nach einem erquicklichen Aufenthalt am Hof eines Magiers, der die Granden des Altertums auferstehen lässt, damit Gulliver sie befragen kann, segelt er schließlich wieder zurück in seine Heimat.

… und sprechenden Pferden

Auf seiner letzten Reise hat es Gulliver erstmals nicht mit Menschen zu tun. Er landet bei den Houyhnhnms (so unaussprechlich wie es sich liest), einer Pferde-Gesellschaft, die über menschenähnliche, bösartige Kreaturen, die Yahoos, herrscht. Gulliver lebt fast vier Jahre bei den Pferden und lernt ihre Sprache. Mit ihrer absoluten Wahrheits- und Vernunftliebe nehmen sie ihn schnell für sich ein. Er selbst hat aufgrund seiner Ähnlichkeit mit den Yahoos Probleme, von den Pferden akzeptiert zu werden. Als er seinem Pferde-Gastgeber die Zustände in seiner Heimat England schildert, erkennt er nach und nach, wie verdorben und schlecht die Menschen im Gegensatz zu den Houyhnhnms erscheinen. Jeder Menschenschlag und Berufszweig bekommt in den Swift‘schen Schilderungen sein Fett weg. Als Beispiel sei der Adel herausgegriffen:

Der Adel, erklärte ich ihm, sei bei uns durchaus nicht das, was er sich darunter vorstelle, denn unsere jungen Adligen würden von Kindesbeinen an zu Müßiggang angehalten und wüchsen im Luxus auf, und sobald sie alt genug dafür seien, vergeudeten sie ihre Kraft und steckten sich bei liederlichen Frauenzimmern mit widerwärtigen Krankheiten an, und wenn sie ihr Vermögen nahezu durchgebracht hätten, dann heirateten sie, allein des Geldes wegen, irgendein Weib von niederer Geburt, unangenehmem Wesen und schwankender Gesundheit, für das sie nichts als Hass und Verachtung übrighätten. S. 541

Schließlich schicken die Houyhnhnms Gulliver fort und er gelangt zurück nach England, wo er – nun überzeugter Misanthrop – beginnt, seine Reiseerlebnisse aufzuschreiben.

Gullivers Reisen
Startschwierigkeiten, dann im Sog

Ich habe Gullivers Reisen in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Christa Schuenke gelesen. Nach einigen Startschwierigkeiten, weil ich die Sprechweise, die Swift für seinen Gulliver erdacht hat, als gekünstelt und anstrengend empfand, hatte ich mich spätestens nach dem ersten Teil an die floskelhafte Sprache gewöhnt. Dann konnte ich mich an Swifts Fabulierkunst erfreuen, denn die Abenteuer, die er seinen Reisenden erleben lässt, werden von Fahrt zu Fahrt bunter, wilder und verrückter. In der Manesse-Ausgabe, die ich gelesen habe, berichtet die Übersetzerin Schuenke von den Schwierigkeiten, vor denen sie bei der Übersetzung stand und freue mich, dass sie sich schließlich für wunderbare Worte wie „Neubegierde, Sacktuch (Taschentuch) und gezwungenlich (zwangsläufig)“ entschieden hat.

Satirisch, bissig, misanthrop

Jonathan Swift spielt mit seinem Leser ein literarisches Verwirrspiel. Dem Werk ist das Vorwort des fiktiven Herausgebers Richard Sympson vorangestellt. Dieser ist der Cousin des fiktiven Autors Lemuel Gulliver. Damit nahm Swift zu damaligen Zeit schon so manchen Leser auf den Arm; einige brüsteten sich gar damit, die fiktive Figur Gulliver persönlich zu kennen.

Überrascht war ich von der Schärfe, mit der Swift Korruption, Standesunterschiede und die menschliche Natur im Allgemeinen anprangert. In Lilliput liest der Leser über die Spitzen gegen das britische Königshaus noch leicht hinweg. Zum Glück gibt es einen ausführlichen Anhang mit gut 200 Endnoten; viele zeitgenössische Witze sind ohne Hilfestellung heute gar nicht mehr zu verstehen.
Spätestens im letzten Teil lässt Swift seinen Protagonisten den Glauben an das Gute (und die Vernunft) im Menschen vollends verlieren. Sein Gulliver ist angeekelt von menschlicher Gesellschaft und seine Kritik ist durch und durch misanthrop.

Unappetitliche Gesellschaftskritik

Während die ersten beiden Teile durchaus noch als Jugendliteratur durchgehen, verliert sich diese Eigenschaft bei Teil III und IV völlig. Zwar wird in diesen Teilen alles fantastischer, fast schon Science-Fiction-lastig, doch steht hier Gesellschaftskritik im klar Vordergrund. Diese untermauert der Protagonist in seinen Reden mit teils unappetitlichen Vergleichen und sexuellen Bezügen (siehe obiges Zitat zum Adel). Sein Abscheu vor der Menschheit findet sein Äquivalent in der Verrohung seiner Sprache.

Fazit

Alle vier Teile von Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ waren die Lektüre wert. Wer nur den ersten Teil liest und auf Lilliput verweilt, hat nicht einmal den halben Spaß. Durch die ausführlichen Anmerkungen im Anhang meiner Ausgabe habe ich in englischer und in römischer Geschichte was dazu gelernt. Hat man sich erst mit der umständlichen Sprache des Protagonisten arrangiert, ist der Weg frei für Swifts unterhaltsame Fabulierkunst und satirisches Talent.

 


Jonathan Swift. Gullivers Reisen. 1726. OT: Travels into several remote nations of the world in four parts by Lemuel Gulliver, first a surgeon and then a captain of several ships. Aus dem Englischen von Christa Schuenke). 704 S., Manesse Verlag 2017.

Dieses Werk ist Teil meiner Klassiker-Leseliste.
Wissenstipp:
Englische Geschichte

 

Weitere Meinungen zum Werk bei:
Lector in fabula

Morgenwald

 

 

6 Gedanken zu „Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726)

    1. Danke für das Lob! Nach einem zähen Anfang, der der Sprache geschuldet war, konnte ich die fantasievollen Geschichten wirklich genießen. Viel Spaß dir beim Lesen!

  1. Ach sehr spannend! Du hast ja bei unserer Leserunde schon mal gesagt, dass du gerade bei dem Buch hängst und es sich nicht so angenehm liest wie erhofft. Nur dass es besser wurde, wusste ich noch nicht. 😀 Schon damals wollte ich dich fragen, ob du bei Laputa angekommen bist. Durch den wunderbaren Ghibli-Film und die Recherche dazu stieß ich mal drauf, dass der an die Geschichte von Laputa aus Gullivers Reisen angelehnt ist und war sehr erstaunt. Da hat der Film aber reichlich hinzugedichtet 😉
    Jedenfalls vielen Dank für die Eindrücke, ich fand das sehr spannend wo Gulliver überall hinkommt und v.A. wie die unterschiedlichen Stationen miteinander verknüpft werden.

    1. Ja, Laputa war die dritte Geschichte und ich hatte irgendwo im Hinterkopf, dass es ja einen Ghibli-Film gibt. In meiner Erinnerung vermischen sich immer „Das Schloss im Himmel“ und „Das wandelnde Schloss“ – ich sollte wohl beide noch mal anschauen. 😀 Bei Laputa stand die Grausamkeit der Herrscherklasse im Vordergrund: Da fand man es zur Disziplinierung der Bodenbevölkerung angebracht, die fliegende Insel so tief abzusenken, dass ganze Städte zerstört werden konnten. Die Inselbewohner mit ihren Patschern waren auch ziemlich abgehoben und einseitig interessiert. Es war auch diejenige der Geschichte, die am ehesten einen Sience Fiction-Charakter hatte und die technischen Ideen, die Swift aufwarf, reichten von „spannend“ bis „Nonsens“. 🙂

  2. Ich muss gestehen, dass ich das Buch noch nicht gelesen habe, obwohl es schon seit Jahrzehnten in meinem Bücherregal steht. Als Kind habe ich mal so einen Schuber mit Insel Taschenbüchern bekommen (u.a. Alice im Wunderland, Onkel Toms Hütte, und andere Klassiker), die ich größtenteils verschlungen habe, aber Gulliver war mir zu sperrig, deshalb bin ich nicht weitergekommen. Aber offenbar ist es auch gar nicht für Jugendliche gedacht.
    Du hast mich total neugierig gemacht und ich schleiche seit Jahren um Gulliver rum, weil ich es doch noch irgendwann lesen will. Vielleicht schaffe ich es ja doch bald!

    1. Hallo Andrea,
      ich geb dir Recht, im Gegensatz zu „Alice im Wunderland“ und vielen anderen gängigen Klassikern (Onkel Toms Hütte habe ich leider noch nicht gelesen), ist Gulliver wirklich sperrig. Ich habe mir das zum Teil damit erklärt, dass das Buch einfach noch einen Tick älter ist als viele modernere Klassiker, was man der Sprache (ich mache drei Kreuze, dass ich das Buch auf Deutsch mit einem ausführlichen Anhang gelesen habe) deutlich anmerkt. Vielleicht hast du demnächst mal Lust drauf; insbesondere der dritte und vierte Teil haben mir sehr gut gefallen. Viel Spaß beim Lesen!

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