10+3 bemerkenswerte Bücher zum Black History Month

Black History MonthUnabhängig vom jährlich in den USA stattfindenden Black History Month kamen im Laufe der Zeit im Wissenstagebuch viele Romane zu den Themen Black Life, Rassismus, Sklaverei und Black History zusammen – fast alle davon spielen in den USA. Der Black History Month wird in den Vereinigten Staaten und Kanada alljährlich im Februar gefeiert, um Leistungen Schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner besonders zu würdigen.

Hier sind 10 bemerkenswerte Werke Schwarzer Autorinnen und Autoren sowie am Ende des Beitrages drei weitere Bücher Weißer Autorinnen, die das Thema Rassismus behandeln.

Utopie und Dystopie
Bernardine Evaristo: Blonde Roots [Dystopie]

Bernardine Evaristo ist wohl am bekanntesten für ihren Roman Mädchen, Frau, etc. (OT: Girl, Woman, Other), den ich zu meiner Schande immer noch nicht gelesen habe (hier findet ihr eine Besprechung auf dem Blog Jacquy’s Thoughts).

In ihrem Roman Blonde Roots, der bislang noch nicht auf Deutsch erschienen ist, dreht die Londoner Autorin historische Begebenheiten um. Afrikanische Kolonisatoren fallen in Nordamerika ein und verschiffen haufenweise in ihren Augen unzivilisierte europäische Sklaven. Die Protagonistin ist eine weiße Sklavin, die über eine Art Underground Railroad einen Fluchtversuch unternimmt.

Blonde Roots hat einige interessante Ansatzpunkte und die Fabulierlust der Autorin klingt durch, wenn sie beschreibt, dass die „zurückgebliebenen Europäer“ vorgefertigte Kleidung mit Löchern für Arme und Beine benötigen, da sie nicht in der Lage seien, afrikanisches Tuch kunstvoll zu drapieren. Insgesamt ging die Geschichte aber wenig über ein spiegelbildliches Umdrehen realer historischer Begebenheiten hinaus und ist mir deshalb als eher einfallslos im Gedächtnis geblieben.

Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio [Utopie, Klassiker]

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1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. „Imperium in Imperio“, das bedeutet „Staat im Staate“ oder „Deep State“ und genau dieses Phänomen beschreibt Sutton E. Griggs in seiner Utopie.

Bernard und Belton werden am gleichen Tag eingeschult. Während Beltons Mutter sich den Schulbesuch ihres Sohnes vom Mund abspart, fehlt es Bernard an nichts. Der Lehrer, von Bernards Mutter hingerissen, behandelt die beiden begabten Kinder fortan so ungleich wie irgend möglich. Doch beide entwickeln sich zu brillanten Köpfen. Schließlich treffen sich die beiden, desillusioniert von den gesellschaftlichen Zwängen, von Lynchmorden und offenem Rassismus wieder: in Imperium, einem geheimen Staat innerhalb der USA, der sich ganz dem Wohl seiner ausschließlich schwarzen Bevölkerung verschrieben hat.

Imperium in Imperio hat für die schwarze Bürgerrechtsbewegung der USA große Bedeutung gehabt und ist unter diesem Aspekt interessant. Wer allerdings eine ausgefeilte Utopie erwartet, wird enttäuscht. Leider ist mir keine deutsche Übersetzung zum Werk bekannt.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Imperium in Imperio.

Autobiografisches
Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt [Autobiografie]

Maya Angelou (1928-2014) war eine US-amerikanische Schriftstellerin, Professorin und Bürgerrechtsikone, deren Wirken auch in aktuellen Filmen und Serien regelmäßig rezipiert wird.

In ihrem autobiografischen Roman Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (OT: I know why the Caged Bird Sings) schreibt Angelou über ihr Aufwachsen in den US-amerikanischen Südstaaten, Rassismus und die Trennung von ihrer Mutter. Als sie acht Jahre alt ist, wird sie missbraucht, was auch ihr weiteres künstlerisches Schaffen prägen wird.

Ich habe diesen Roman 2020 im Rahmen einer Leserunde gelesen und nicht allzu viel daraus mitgenommen. Das vage Unwohlsein angesichts des Berichtes über eine abrupt beendete Kindheit und ein wabernder Südstaatenrassismus sind mir in Erinnerung geblieben. Ansonsten empfand ich den Roman damals als seltsam unschlüssig; eine klare Botschaft fand ich nicht direkt. Vielleicht liegt es daran, dass Angelou in diesem Roman so viele Themen anschneidet und ich mit ihr als historischer Person persönlich nichts verbinde.

Auf dem Blog Wortgelüste findet ihr eine Besprechung des Titels.

Richard Wright: Black Boy [Autobiografie]

Richard Wrights (1908-1960) Autobiografie Black Boy (1945) ist beides: erschreckend, aber auch unglaublich mitreißend. Gleich zu Beginn, in den ersten Zeilen muss der Leser in ein Klima der Gewalt eintauchen, dass Richard schon in den frühesten Jahren seiner Kindheit geprägt hat. Im Nachhinein erstaunlich ist die Genauigkeit, mit der der Autor seine Kindheitserinnerungen als vier- oder fünfjähriger Junge zu schildern vermag und die teils grausamen Umgangsformen innerhalb der Familie, der Schule und schließlich im öffentlichen Leben.

Mit seiner Wortwahl und seiner Schonungslosigkeit lässt Wright den amerikanischen Süden der 20er und 30er auferstehen, sodass der Leser froh ist, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort geboren worden zu sein. Die deutsche Übersetzung von 1947 erschien unter dem Titel „Ich Negerjunge: die Geschichte einer Kindheit und Jugend“ – wird mal Zeit für eine überarbeitete Fassung, finde ich.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Black Boy.

Alex Haley: Wurzeln. Roots [autobiografisch, Roman]

Alex Haley Roots

Die Geschichte einer Sklavenfamilie von der Entführung des Stammvaters aus Afrika bis zur Befreiung seiner Nachfahren. US-Autor Alex Haley spürt in Wurzeln. Roots (1976) seiner eigenen Familiengeschichte nach.

Historisch akkurat ist Alex Haleys Roman nicht. Viele der von ihm benannten Ereignisse haben nicht oder anders als beschrieben stattgefunden. Auch die Rekonstruktion seiner – im Roman absolut stringenten – Ahnenreihe ist beim Querlesen verschiedener Artikel nicht einwandfrei. Man kann Alex Haleys Wurzeln. Roots daher wohl besser als fiktionalen Roman mit historischen Bezügen lesen. Dann erfährt man eine Menge über die Umstände der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und trifft wunderbare Romanfiguren mit bewegenden Lebensgeschichten und einem hohem Wiedererkennungswert.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Alex Haleys Wurzeln. Roots.

Roman/Fiction
Alice Walker: Die Farbe Lila [Roman]

Bekannter noch als der erstmals 1982 erschienene Roman Die Farbe Lila (OT: The Color Purple) ist im deutschsprachigen Raum vielleicht der gleichnamige Film. Ich jedenfalls hatte die Spielberg-Verfilmung mit Whoopi Goldberg und Oprah Winfrey mehrfach gesehen, bis ich auf das Buch aufmerksam wurde.

Die 14-jährige Celie wird mit dem viel älteren Albert verheiratet. Der und seine verwahrloste Kinderschar machen Celie das Leben zur Hölle. Erst mit Shug Avery, Alberts ehemaliger Freundin, die zwischenzeitlich eine glamouröse Sängerin geworden ist, kommt wieder Farbe in Celies Leben. Sie verliebt sich in die selbstbewusste Frau und erträgt so Jahrzehnte der Trennung von ihrer geliebten Schwester Nettie, die als Missionarin in Afrika lebt. Durch die Briefe der beiden lernt der Leser Frauen kennen, die auch unter den widrigsten Umständen Rassismus und Gewalt die Stirn bieten.

Die Farbe Lila (OT: The Color Purple) war für mich ein unerwartet facettenreiches, feministisches Fundstück, das Themen wie weibliche Sexualität, Rassismus, Emanzipation, Solidarität und Glaube anspricht. Eine unbedingte Empfehlung.

Hier geht’s zur Rezension von Die Farbe Lila (OT: The Color Purple) auf dem Blog und zur Besprechung des gleichnamigen Filmes von Steven Spielberg.

Erzählungen
Nana Kwame Adjei-Brenyah: Friday Black. Storys [modern, Erzählungen]

Nana Kwame Adjei-Brenyah erzählt in zwölf völlig unterschiedlichen und fantasievollen Geschichten davon, was es bedeutet, im heutigen Amerika jung und Schwarz zu sein.

Die Erzählungen in Friday Black sind inhaltlich bunt gemischt, fantasievoll und zeugen sprachlich vom großen Können des Autors Nana Kwame Adjei-Brenyah. Sie behandeln kontroverse Themen, wobei die Herangehensweise garantiert nicht jedem zusagen wird.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung zum Roman von Nana Kwame Adjei-Brenyah.

Anthropologische Berichte

Black History Month

Zora Neale Hurston: Barracoon [Biografie, Studie]

In Barracoon von 1931 schreibt die Anthropologin und Schriftstellerin Zora Neale Hurston die wahre Geschichte von Oluale Kossola, auch Cudjo Lewis genannt, auf. Man verschleppte ihn aus dem heutigen Benin und hielt ihn in sog. „Barracoons“ (Barracken) gefangen. 1860 gelangte er auf dem letzten Sklavenschiff nach Nordamerika, wo er als Sklave noch für einige Jahre auf einer Plantage im Süden der USA Zwangsarbeit leisten musste. Zora Neale Hurston befragte 1927 den damals 86-Jährigen nach seiner Lebensgeschichte. 2018 wurden die Aufzeichnungen erstmals in den USA verlegt und sind jetzt auch auf Deutsch erschienen. Ergänzt wird das Werk um eine kritische Würdigung von Zora Neale Hurstons wissenschaftlichem Vorgehen.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Barracoon.

Miguel Barnet: Der Cimarrón [Biografie, Studie, afrokubanisch]

Auf Miguel Barnets 1966 erschienene Biografie des zum Zeitpunkt der Aufzeichnung 103-jährigen Kubaners Esteban Montejo wurde ich durch das Sachbuch von Michi Strausfeld Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren (2019) über südamerikanische Literatur aufmerksam.

Ähnlich wie Zora Neale Hurston zeichnet Miguel Barnet die Lebensgeschichte des letzten kubanischen Sklaven auf. Esteban Montejo gelang die Flucht von einer Plantage und er lebte bis zur Abschaffung der Sklaverei als sog. cimarrón in den Wäldern Kubas, unternahm Überfälle auf Plantagen und half bei Befreiungsversuchen.

Neben der außergewöhnlichen Lebensgeschichte selbst sind die Authentizität des Berichtes, der oft sehr mündlich gefasst ist und die Unterschiede zur Sklaverei in den benachbarten USA sehr spannend. Eine Besprechung von Miguel Barnets Der Cimarrón. Die Lebensgeschichte eines entflohenen Negersklaven aus Cuba, von ihm selbst erzählt habe ich im deutschsprachigen Netz bisher nicht gefunden. Wird wohl Zeit für eine Besprechung dieses besonderen Büchleins hier auf dem Blog.

Sachbuch
Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika [Sachbuch]

Allein unter dem Gesichtspunkt „Rassismus“ erzählt Ibram X. Kendi in seinem 2019 auf Deutsch erschienenen Sachbuch die Geschichte der Vereinigten Staaten vom Einlaufen der ersten Sklavenschiffe bis zur Wahl Obamas. Ein neuer, stark akzentuierter und hochdetaillierter Blick auf die amerikanische Geschichte, den der Autor als Historiker und Aktivist zugleich unternimmt.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika (OT: Stamped from the Beginning).

Am Rande: Der Weiße Blick zum Black History Month

Black History Month

Hillary Jordan: Mudbound. Die Tränen von Mississippi [Roman]

Schlamm. Überall Schlamm. Der Kampf gegen den Schlamm bestimmt das Leben der Städterin Laura McAllan, die ihrem Mann Henry 1946 widerwillig auf eine Farm ins Mississippi-Delta gefolgt ist. Kein Wasser, kein Strom – die Rolle als liebende Ehefrau auszufüllen, fällt da schwer. Ein Lichtblick ist die Heimkehr ihres Schwagers Jamie. Doch der wird von den furchtbaren Kriegserlebnissen verfolgt und ertränkt sein Trauma im Alkohol. Ebenso wie Ronsel, der Sohn der schwarzen Pächterfamilie, der an vorderster Front in einem Panzerbataillon kämpfte und lieber im Nachkriegsdeutschland geblieben wäre.

Lest Hillary Jordans Mudbound, schaut den Netflix-Film – beides lohnt sich und lässt trotz des blumigen Titels keinen Platz für romantisierende Huckleberry-Finn-Vorstellungen.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Mudbound. Die Tränen von Mississippi.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört [Roman]

Die Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich.

Was mir die Lektüre ganz deutlich vor Augen geführt hat, ist, wie wenig Zeit vergangen ist, seit die schwarze Bevölkerung der USA aus der Sklaverei entlassen wurde, in annehmbare Behausungen zog, sich alphabetisierte. Wenn man sich die im Hinblick auf Rassismus und Toleranz katastrophale Lage im Süden der USA zu dieser Zeit vor Augen führt und dann nachzählt, wie wenige Jahrzehnte seitdem vergangen sind, bekommen Bewegungen wie „Black lives matter“ eine unerhörte Dringlichkeit.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Wer die Nachtigall stört (OT: To Kill a Mockingbird).

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter [Roman]

Scout kehrt nach einigen Jahren in New York für einen Sommer nach Maycomb zurück. Mitte zwanzig, erscheint ihr die Stadt kleiner und enger als je zuvor. Ihr Bruder Jem ist tot, doch sie freut sich auf ihren Vater Atticus und ihren vielleicht-bald-Verlobten-man-wird-sehen Henry. Als sie miterleben muss, wie beide in einem sogenannten Bürgerrat den hetzerischen rassistischen Ausschweifungen eines geladenen Redners lauschen, will sie empört wieder abreisen.

Obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, schmälert es den Ruhm der Autorin nicht. Es zeigt auf, welche Entwicklungen eine erstmals erdachte Geschichte nehmen kann und wie viel Feinarbeit nötig ist, bis man einen Pulitzer-würdigen Roman vorlegt. Wer die Nachtigall stört strahlt nach der Veröffentlichung dieses Manuskriptes noch heller.

Hier geht’s zur vollständigen Besprechung von Gehe hin, stelle einen Wächter (OT: Go, set a watchman).

2 Gedanken zu „10+3 bemerkenswerte Bücher zum Black History Month

  1. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ fand ich trotz der späteren Begründungen so „out of character“, dass ich heute noch eine schwierige Beziehung zu dem Buch habe. Auch wegen der Vermutung, dass man der sterbenden Autorin das Buch abgeluchst hat. Aber solche Sachen werden wir noch lange nicht genau wissen, befürchte ich.

    „To kill a mockingbird“ ist mein absoluter Favorit, die meisten in deiner Liste kenne ich aber noch nicht. Danke für die spannende Liste! „Die Farbe lila“ muss ich unbedingt mal wieder sehen – oder lesen!

    1. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ als „out of character“ zu bezeichnen, trifft es genau, finde ich – und das, obwohl wir ja nur ein anderes Buch der Autorin kennen. Ich hatte auch den Eindruck, dass hier mit einem großen Namen noch einmal richtig Geld gemacht werden sollte, völlig unabhängig von der Qualität des Werkes. Deshalb bleibt schon ein übler Beigeschmack und an das Hauptwerk reicht es mE überhaupt nicht heran.

      Schön, dass ich noch auf einige Werke aufmerksam machen konnte! Die Farbe Lila habe ich damals sogar mit Lektüreschlüssel gelesen (gibt aber auch viel dazu online), das fand ich noch einmal sehr erhellend. Viel Spaß beim Lesen!

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