Literaturverfilmung: Die Farbe Lila (1986). Wie der Film die Geschichte ihres feministischen Anspruchs beraubt

Lange, bevor ich von Alice Walkers Roman hörte, habe ich den Film „Die Farbe Lila“ gesehen. Das ist jetzt gut 15 Jahre her. Viel zu Handlung und Charakteren konnte ich nicht mehr sagen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir nur die Angst vor Männern, die sich durch den Großteil des Lebens der Protagonistin Celie (wunderbar gespielt von Whoopi Goldberg) zieht. Und dieser eine furchtbare Dialog mit ihrer Freundin Shug, die Celie fragt, ob sie den Sex mit ihrem Mann nicht genieße. Celie antwortet sinngemäß: „Nein. Es ist, als würde er mich als Klo benutzen.“

Nah an der Romanvorlage

Mit diesen Erinnerungsfetzen im Kopf gab ich dem Roman von Alice Walker eine Chance – und wurde nicht enttäuscht. Die Vielzahl der Themen – Feminismus, Sklaverei, Glaube, Gewalt gegen Frauen und Homosexualität sind nur einige – hat mich schlicht umgehauen. Gleichzeitig kann ich jetzt, nachdem ich den Film noch einmal geschaut habe, sagen, dass Steven Spielberg die Geschichte sehr nah am Buch erzählt hat. Einige Dialoge finden sich wortwörtlich wieder. Vieles wurde leider weggelassen. Wohl auch aus Zeitgründen, denn die Filmfassung füllt bereits 180 Minuten.

Die Rolle ihres Lebens

Ihre Romanfigur noch übertroffen hat Oprah Winfrey in der Rolle der resoluten und schlagkräftigen, dann aber vom Leben gebeutelten Schwiegertochter Sofia. Ich habe Oprah Winfrey in zu wenigen Rollen gesehen, um sagen zu können „Das ist die Rolle ihres Lebens“  – aber großartig ausgefüllt hat sie die Rolle der Sofia allemal.

Kritik

Als schade empfand ich, dass die Erfahrungen von Celies Schwester Nettie, die als Missionarin in Afrika sowohl kulturelle als auch wirtschaftliche Umbrüche erlebt, so kurz kam. Am Ende war sie nur für ein paar dramatische Bilder gut: Ein Elefant der ins Zimmer trampelt und ein archaisch anmutendes Adoleszenz-Ritual.

Zu viele Väter

Es war unnötig, die Vaterfiguren der Geschichte derart in den Vordergrund zu rücken. Celies Schwiegervater taucht mehrmals auf. Wir wissen als Zuschauer augenblicklich, dass die Gewalttätigkeiten ihres Mannes in seiner Kindheit wurzeln.

Schlimmer noch als diese Vorschlaghammer-Methode fand ich die „Erfindung“ von Shug Averys Vater. Im Buch ist Shug eine emanzipierte Sängerin, die ihr Vermögen gemacht hat und Beziehungen zu Männern und Frauen unterhält, wie es ihr gefällt. Im Film dagegen wird sie zu „Daddys Lost Girl“, einer Frau, die im Innersten beschämt in Sünde lebt und sich nur nach der Anerkennung ihres konservativen Vaters sehnt. Hier wurde der Film dem Anspruch, den die Figur Shug Avery im Roman hat, nicht gerecht.

Ich fand bedauerlich, dass sich die Homosexualität der Hauptfigur nur in einem einzigen (im schlimmsten Fall freundschaftlich oder mitleidig anmutendem) Kuss mit Shug zeigt. Der Film ist hier sehr viel zurückhaltender als der Roman. Alice Walker macht ihre Celie zu einer stolzen lesbischen Frau, die jahrelang mit ihrer Partnerin zusammenlebt. Revolutionär im Buch ist wohl, dass das absolut niemanden stört.

Fazit

Alles in allem ist der Film „Die Farbe Lila“ sehr sehenswert. An die großartige Themenvielfalt und Umsetzung im Roman von Alice Walker reicht er aber nicht heran.

 

Kennt ihr den Film? Wie ist eure Meinung dazu?


Erst kürzlich habe ich mich im Rahmen der Juli-Leserunde des Blogs 54books auf Twitter entschlossen, Alice Walkers „The Color Purple“ zu lesen. Den Erfahrungsaustausch findet ihr unter #54readsAW.

Zur Buchbesprechung von Alice Walkers Die Farbe Lila.

6 Gedanken zu „Literaturverfilmung: Die Farbe Lila (1986). Wie der Film die Geschichte ihres feministischen Anspruchs beraubt

  1. Ich wollte auch bei der Leserunde mitmachen und hab mir das Buch besorgt, es dann aber aus Zeitgründen leider doch nicht geschafft. Das muss ich aber bald nachholen. Ich lese immer gerne erst das Buch und gucke mir dann den Film an. Schön ist es, wenn er so nah dran ist, bin auf jeden Fall gespannt.

    1. Schade, dass es diesmal nicht mit dem gemeinsamen Lesen geklappt hat. Vielleicht in einer anderen Leserunde!
      Ich lese auch erst gern das Buch. Im Fall von ,,Die Farbe Lila“ war egal, dass ich den Film zuerst gesehen hatte, denn ich konnte mich an fast nichts mehr erinnern. Ihn direkt im Anschluss – mit dem Romanwortlaut noch im Ohr – noch einmal zu sehen, war ein Erlebnis. Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird. Lass gerne eine Verlinkung hier, wenn du eine Besprechung veröffentlichst.
      Viele Grüße
      Jana

  2. Ich fand den Film sehr beeindruckend – aber jetzt werde ich auf jeden Fall das Buch lesen!! Danke für den guten Hinweis.

  3. Es ist schon so unverschämt lange her, dass ich mich an wirklich wenig aus dem Film erinnern kann. Aber noch heute verbinde ich ihn mit Angst, Gewalt und furchtbarer Bitterkeit. Er hat mich sehr erschüttert. Ich erinnere mich noch an Oprah als Sofia, die irgendwann „gebrochen“ wirkt und natürlich Celie. Aber es schon krass, dass ein großer Mann wie Spielberg offenbar soviele wichtige Themen und Anstöße rausrationalisiert hat. Oder viel mehr Produzenten und Studios, die mit dem Zeitgeist nicht mithalten konnten!?

    1. Ich habe jetzt noch bei jemandem gelesen, dass sie den Film besser fand als das Buch. Der Film ist auf keinen Fall schlecht; aber das Buch eben so vielschichtig und so progressiv, dass ich den Film – zumindest hinsichtlich der feministischen Ideen – als lahm empfand. Sehr gut gelingt ihm allerdings die atmosphärische Darstellung von Gewalt – die scheint jedem, der den Film schon mal gesehen hat, irgendwie im Gedächtnis geblieben zu sein. Ich komme einfach nicht umhin, mich zu fragen, wie der Film geworden wäre, wenn etwa Oprah ihn produziert oder Regie geführt hätte.

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