Michail Bulgakow: Die Weiße Garde (1924)

Warum ich nach Dostojewskij und Tolstoi jetzt an Bulgakows „Die Weiße Garde“ gescheitert bin.

Inhalt

Bulgakows Roman „Die Weiße Garde“ beginnt im Jahr 1918 und erzählt die Geschichten der drei Geschwister Alexei, Jelena und Nikolka, die sich während der chaotischen Nachkriegszeit in der von Deutschland besetzten Ukraine zurechtfinden müssen. Bolschewiki, ukrainische Nationalisten und das von den Deutschen kontrollierte Hetmanat*– die Wirren des Bürgerkriegs und die damit einhergehenden Grausamkeiten schildert Bulgakow anschaulich.

Über ein Jahr hinweg habe ich Michail Bulgakows „Die Weiße Garde“ in der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg begonnen und wieder abgebrochen. Ich hatte unglaubliche Schwierigkeiten mit Bulgakows Satzbau, der den Leser überschüttet mit einer Vielzahl von Einschüben, Gedankenstrichen, nicht gekennzeichneter Redewiedergabe und Ausrufen. Bei den Dialogen verlor ich häufig den Faden, da Anführungszeichen konsequent fehlten und nicht immer sofort ersichtlich war, wer gerade sprach. Schlussendlich habe ich das Buch zur Seite gelegt.

Radikaler Modernismus

Das Werk wird als „Meisterwerk des radikalen Modernismus“ beschrieben. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl, dass die Gespräche der Protagonisten nicht stringent geführt wurden. Auch der Erzähler schien von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen. Eingeschobene Versatzstücke aus Briefen, Liedern und politischen Losungen ließen mich nur schwer den Überblick behalten. Hinzu kam, dass ich kein vertieftes Wissen zur historischen Situation der Ukraine nach dem Ersten Weltkrieg habe. Zwar waren mir die Grundbegriffe und die handelnden Personen und Organisationen durch ein aufschlussreiches Sachbuch zur Russischen Revolution vertraut; doch hatte das nur entfernt mit den Institutionen und Personen zu tun, die in Bulgakows Roman eine Rolle spielen.

Der Roman liest sich einfach schwierig. Anfangs dachte ich, es läge vor allem an den unbekannten russischen bzw. ukrainischen Namen und an fehlendem Wissen bzgl. militärischer Ränge, die in „Die Weiße Garde“ immer wieder kurz eine Rolle spielen. Deshalb las ich zunächst Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“, zuletzt auch Tolstois „Anna Karenina“.

Jetzt bin ich mit russischen Namen und Militärrängen vertraut – auch, wenn beide Romane zeitlich früher spielen als der Bulgakows. Mit Miachail Bulgakows „Die Weiße Garde“ kam ich trotzdem nicht zurecht.

Alles Montage?

Die Art der Geschichtenerzählung erinnerte mich entfernt an eine ehemalige Schullektüre. „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen, der sehr stark mit der sog. Montagetechnik arbeitet. Hier werden verschiedene Sprachebenen und -stile miteinander verknüpft, um Überraschungsmomente zu erzeugen und – so habe ich gelesen – wohl auch das immer komplizierter werdende Leben abzubilden.

Ich weiß nicht, ob man Bulgakows Technik gemeinhin als „Montagetechnik“ bezeichnet; vielleicht steigen mir die GermanistInnen und SprachwissenschaftlerInnen unter euch jetzt aufs Dach. (Anmerkung: Wenn ihr’s besser wisst, lasst mich bitte in den Kommentaren teilhaben!)

Auf jeden Fall bildet Bulgakow in seinem Stil die Wirren der Zeit und die enorme Komplexität der Nachkriegsentwicklung ab. Das kann man mögen und gar rühmen – auf mich wirkte es enorm unruhig. Die damit einhergehende sehr eigenwillige Interpunktion störte meinen Lesefluss sehr.

Meine Ausgabe von „Die Weiße Garde“

Meine Ausgabe stammt aus dem Galiani Verlag, der die Neuübersetzung von Alexander Nitzberg verlegt. Im Roman ist die tatsächliche historische Entwicklung der Ukraine überragend wichtig, deshalb ist der 100 Seiten starke Anhang mit zahlreichen Anmerkungen hierzu Gold wert. Wer den Roman komplett ohne Anhang liest, ist entweder sehr gut informiert oder sehr mutig. Mir hat der Anhang das Lesen auf jeden Fall erleichtert.

Der Meister und Margarita

Ich habe einigen Bekannten von meinen Problemen, in Bulgakows „Die Weiße Garde“ hineinzufinden, erzählt. Ausnahmslos alle verwiesen mich auf sein Werk „Der Meister und Margarita“. Das sei großartig und überhaupt auch gut zu lesen. Da bislang niemand von ihnen Bulgakows Roman gelesen hatte (und ich nicht „Der Meister und Margarita“), weiß ich nicht, inwiefern sich die beiden Werke sprachlich unterscheiden. Ob ich gerade ein Werk von Bulgakow erwischt habe, das untypisch für sein Schaffen ist, oder im Gegenteil sehr typisch.

Ich bin mit „Die Weiße Garde“ nicht gut zurecht gekommen und vermute, dass das an Bulgakows „radikalem Modernismus“ liegt. Kennt und mögt ihr Werke von Bulgakow oder habt vielleicht ein wenig Hintergrundwissen zum literarischen Modernismus? Ich freu mich, von euch zu lesen.


* Hetmanat bezeichnet zwei Staatsgebilde auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und der Führung eines sog. Hetmans. Im Roman gemeint ist das zweite der beiden, der von der Deutschen Obersten Heeresleitung installierte Staat vom 29. April bis zum 14. Dezember 1918.

Tipp!: Viel Wissen zur Geschichte der Ukranine und Russlands

Weitere Meinungen zum Buch:

Zeilensprünge – Blog für Literarisches

Mehr Literatur aus und über Russland und die (ehemalige) Sowjetunion?
10 aktuelle Bücher über die Sowjetunion
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Marc Degens: Eriwan
Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel – grandios
Antanas Škėma: Das weiße Leintuch
Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge

 

2 Gedanken zu „Michail Bulgakow: Die Weiße Garde (1924)

  1. Nur für den Fall, dass es eventuell auch anderen so geht. Ich kann bei dir nicht liken, die Gefällt mir Box lädt unendlich. Es gibt noch 2-3 Blogs bei denen das seit einer Weile so ist.

    Habe von Bulgakow sehr gerne „Meister und Margaritha“ gelesen, also auch von mir eine Stimme dafür diesem Buch eine Chance zu geben sowie „Das hündische Herz“ und eine Biografie. Alle wirklich empfehlenswert. Bei Interesse:
    https://bingereader.org/2015/12/03/the-master-and-margarita-mikhail-bulgakov/
    https://bingereader.org/2016/09/02/das-huendische-herz-michail-bulgakow/
    https://bingereader.org/2016/07/14/ich-bin-zum-schweigen-verdammt-michail-bulgakow/

    Liebe Grüße, Sabine 🙂

    1. Hallo Sabine,

      das problem mit der Gefällt-mir-Box hatte ich nur ganz kurzzeitig. Wenn es woanders auch auftaucht, stimmt vielleicht was mit dem Plugin nicht… Auf jeden Fall ärgerlich.

      „Das hündische Herz“ habe ich bei dir schon gesehen 🙂 – so eine tolle Ausgabe. Wenn ich es noch mal mit Bulgakow versuche, dann ist auf jeden Fall dieses Buch dran. Und natürlich der Meister und Margaritha.

      Viele Grüße
      Jana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben
%d Bloggern gefällt das: