Alex Haley: Wurzeln. Roots (1976)

Alex Haley Roots

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte einer Sklavenfamilie von der Entführung des Stammvaters aus Afrika bis zur Befreiung seiner Nachfahren. US-Autor Alex Haley spürt in „Wurzeln. Roots“ seiner eigenen Familiengeschichte nach.

Die Geschichte der Familie Haley …

… beginnt in Gambia mit der Entführung des 17-jährigen Kunta Kinte. Er wächst bei einem Stamm der Mandinka im kleinen Dorf Juffure in West-Afrika auf, wird im islamischen Glauben erzogen und lernt lesen und schreiben. Der Alltag seines Dorfes ist geprägt von den Regen- und Dürrezeiten. Kunta hat sich gerade verschiedenen Mannbarkeits-Ritualen unterzogen und wohnt nun endlich in seiner eigenen Hütte, da fällt er auf einem Sparziergang weißen Menschenfängern zum Opfer. Er wird entführt, verschifft und auf eine Plantage in die (baldigen) USA verkauft.

„Aber nichts half, die blutige Seuche breitete sich aus. Bald wand auch Kunta sich unter Schmerzen im Kopf und im Rücken, schwitzte und zitterte abwechselnd unter Fieberschauern und spürte schließlich, wie sich sein Leib verkrampfte und stinkiges, schleimiges Blut von sich gab.“

Nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen und grausamsten Misshandlungen wird er schließlich sesshaft und gibt die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat auf.

Mit Kunta Kinte beginnt eine Ahnenreihe über acht Generationen, die beim Autor Aley Haley endet. Haley beschreibt schillernde Vorfahren wie den exaltierten und weitgereisten Hühner-George, der das für den Freikauf der Familie gesparte Geld bei Hahnenkämpfen verjubelt. Oder dessen ernsten und verlässlichen Sohn Tom, der es als hervorragender Schmied nach dem Ende der Sklaverei zu bescheidenem Wohlstand bringt.

Kritik

Die Figuren

Je weiter sich Haley in der Ahnenreihe seiner eigenen Person nähert, desto kürzer werden die Beschreibungen. Etwa die Hälfte der über 700 Romanseiten verteilt sich auf den Stammvater Kunta Kinte, über den nur wenig überliefert ist und dessen Leben Haley mit viel künstlerischer Freiheit nachzeichnet. Über Haleys Eltern und Großeltern erfährt der Leser so gut wie nichts mehr, was das Buch trotz der tatsächlich existierenden Personen und wahrer Begebenheiten insgesamt zu einem fiktionalen Werk macht.

Offensichtliche Schwächen zeigt Alex Haley bei jenen Passagen, die sich mit seinen weiblichen Vorfahren beschäftigen. Viel mehr als Kinderkriegen und Beten geschieht bei den Frauen nicht; welche Wünsche, Träume und Hoffnungen sie vielleicht gehegt haben könnten, kommt sehr kurz.

„Der stolze Afrikaner“

Ausgezeichnet gelingt dem Autor dagegen die Darstellung des Stammvaters Kunta Kinte. Dessen Leben in Gambia beschreibt Alex Haley sehr ausführlich, ohne romantisch zu verklären. Hunger und Gewalt spielen auch hier eine Rolle. Er zeichnet seinen Kunta Kinte als im Herzen freien Menschen, der stolz auf seine afrikanische Herkunft, seine Sitten und Gebräuche und seine Abstammung ist. Dass es dieser Stolz ist, der dazu geführt hat, dass seine Geschichte über die Generationen weitergegeben wurde, ist beeindruckend. Jedes Elternpaar erzählt seinen Kindern alles, was es selbst über „den Afrikaner“ gehört hat, sodass es Haley in den 1960er/70er Jahren anhand dieser Informatioen tatsächlich gelingt, die Spur seiner Familie bis in ein kleines Dorf nach Gambia zurück zu verfolgen.

Alex Haleys „Wurzeln. Roots“ und #BlackLivesMatter

Im Kontext der #BlackLivesMatter-Debatte könnte das Buch neue Bekanntheit erfahren. Es zeigt (fiktionalisiert) auf, wie die Versklavung in den USA ablief: Vom Menschenraub an der afrikanischen Westküste, über das Verkauftwerden auf einem Sklavenmarkt und die Arbeit auf einer x-beliebigen Pflanzung bis zur Befreiung. Es zeigt, wie der Wille ehemals freier Menschen gebrochen wurde, sie sich irgendwann gezwungenermaßen arrangieren und trotzdem weiter- und überlebten. Sie gründeten Familien, versuchten sich über politische Umwälzungen zu informieren und blieben bei alledem – egal wie wohlwollend der jeweilige Sklavenhalter war – letztlich unfrei.

Ein Aspekt, der mir vorher nicht bewusst war, ist, dass den versklavten Menschen häufig jedes Wissen über die Geografie Nordamerikas vorenthalten wurde und sie gar nicht wussten, wo dieser magische „Norden“ lag, in dem die Sklaverei bereits abgeschafft war. Auch die starken Differenzen zwischen in den USA geborenen Sklaven und aus Afrika geraubten, armen weißen Landarbeitern sowie freien Schwarzen waren mir bis dato nicht präsent.

Plagiatsvorwürfe

Alex Haley wurde für „Wurzeln. Roots“ 1976 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Gegen seinen Roman wurden jedoch kurz darauf Plagiatsvorwürfe laut. Er wurde 1978 in einem Prozess zu einer Geldzahlung in Höhe von 650.000 US-Dollar (entspricht heute etwa 2,5 Mio. US-Dollar) verurteilt, weil er nachweislich Teile seines Romans aus dem Werk „The African“ (1967) des Schriftstellers und Anthropologen Harold Courlander übernommen hatte.

Fazit

Historisch akkurat ist Alex Haleys Roman nicht. Viele der von ihm benannten Ereignisse haben nicht oder anders als beschrieben stattgefunden. Auch die Rekonstruktion seiner – im Roman absolut stringenten – Ahnenreihe ist beim Querlesen verschiedener Artikel nicht einwandfrei. Man kann Alex Haleys „Wurzeln. Roots“ daher wohl besser als fiktionalen Roman mit historischen Bezügen lesen. Dann erfährt man eine Menge über die Umstände der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und trifft wunderbare Romanfiguren mit bewegenden Lebensgeschichten und einem hohem Wiedererkennungswert.

 


Alex Haley, Wurzeln. Roots (aus dem Amerikanischen von Emil U. Günther, OT: Roots: The Saga of an American Family), FISCHER Taschenbuch 1979, 720 Seiten.

 

Wissenstipp: Sklaverei, Geschichte der USA, traditionelle Lebensweise in Gambia

Andere Meinungen zum Buch bei

Kirkus Reviews (englisch)

Mehr zum Thema Rassismus und Sklaverei in den USA

Ein Gedanke zu „Alex Haley: Wurzeln. Roots (1976)

  1. Hast du dir schon eine der Verfilmungen angeschaut? Muss mal nach der neuen suchen, die kenne ich noch nicht. Von der alten Verfilmung gibt es übrigens so eine Art zweite Staffel, in der die Geschichte von Haleys Eltern und Großeltern erzählt wird.

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