[Klassiker] Worum geht’s eigentlich im Nibelungenlied? (13. Jhdt.)

Nibelungenlied
Wer sich wie ich über das zusätzliche „i“ im Titel der oben abgebildeten Ausgabe wundert: Dieses Geheimnis konnte ich bislang auch noch nicht lüften. Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Fehldruck des Covers handelt.

Als Vorbereitung auf den Ring-Zyklus von Richard Wagner in der Semperoper im Januar und Februar 2023 habe ich mir die Nibelungensage in gedruckter Fassung vorgenommen. Der Stoff hängt nur lose mit den vier Opern zusammen, denn Wagner schafft seine eigene Mythologie mit Göttern und Helden, die meine Fassung der Nibelungensage aus dem 13. Jahrhundert nicht kannte.

Historie

Das eine Nibelungenlied gibt es dabei nicht. Als viel erforschter Gegenstand der mittelalterlichen Literatur unterscheidet man im deutschsprachigen Raum verschiedene Versionen, die sich sowohl in Umfang als auch Inhalt voneinander unterschieden. In der hier gelesenen und oben abgebildeten Ausgabe aus dem 13. Jahrhundert aus dem Fischer Verlag findet sich eine Übersicht dazu. Zusätzlich existieren Ausprägungen der Siegfried-Sage im skandinavischen Raum; hier berichtet die Lieder-Edda von verschiedenen Personen, die auch im Nibelungenlied ihren Platz finden – wenn auch teils mit anderen Rollen.

Zum Inhalt

Der Inhalt des Nibelungenliedes einmal kurz (und salopp) zusammengefasst:

Freunde oder Feinde gewinnen

Im 5. Jahrhundert n. Chr. bricht der junge Held Siegfried, Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde, mit kleiner Gefolgschaft von Xanten ins burgundische Worms auf, um den dortigen König Gunther entweder zu bekämpfen oder sich mit ihm anzufreunden. Er will um die Hand von dessen Schwester Kriemhild anhalten. Er bleibt längere Zeit bei Gunther und dessen Berater Hagen von Tronje und führt mit ihnen gemeinsam erfolgreich Krieg gegen die Sachsen. Siegfried und Kriemhild treffen erst nach einem Jahr bei der Siegesfeier aufeinander und verlieben sich.

Und das ist die volle Wahrheit: er lebte bei den Königen im

Lande Gunthers ein ganzes Jahr, ohne die liebliche Kriemhild,

von der ihm später soviel Freude und soviel Leid widerfahren

sollte, auch nur ein einziges Mal zu sehen.

Aventuire, 138

Die Überlistung der starken Brünhild

Gunther sucht seinerseits eine Frau und will Brünhild, eine isländische Kampfjungfer ehelichen. Die will aber nur denjenigen, der sie in drei Disziplinen besiegt, heiraten – alle anderen bringt sie bekanntermaßen um. Da Gunther weiß, dass er nicht gegen Brünhild bestehen kann, nimmt an seiner statt Siegfried unter dem Tarnmantel, den dieser vom Volk der Nibelungen und dem dort herrschenden Zwerg Alberich erhalten hat, teil und besiegt Brünhild. Weil er Brünhild nicht ganz über den Weg traut, holt sich Siegfried zur Verstärkung Krieger aus dem Nibelungenland. Nach außen hin tritt er als Vasall Gunthers auf und nicht als der König aus Xanten.

Doppelhochzeit und Hochzeitsnächte

Brünhild kommt mit nach Worms und es findet eine Doppelhochzeit zwischen Kriemhild und Siegfried und Gunther und Brünhild statt. Während Kriemhild und Siegfried zueinanderfinden, läuft die Hochzeitsnacht für Gunther nicht wie erwartet, da Brünhild sich weigert, mit ihm zu schlafen und ihn kurzerhand an der Schlafzimmerwand aufhängt, um in ihrem Bett Frieden zu haben. Als Gunther Siegfried davon erzählt, bietet dieser ihm – wieder unter Zuhilfenahme des Tarnmantels – Unterstützung an und besiegt Brünhild im königlichen Schlafzimmer im gewaltsamen Zweikampf. Als Brünhild sich ergibt, verliert sie ihre Kräfte und gewährt Gunther gezwungenermaßen die gemeinsame Hochzeitsnacht. Siegfried nimmt ihr ihren Gürtel und einen goldenen Ring ab; beides schenkt er Kriemhild, die mit ihm nach Xanten zu seiner Familie aufbricht.

Brünhild ist irritiert über die vorzügliche Behandlung, die Siegfried als vermeintlich einfacher Vasall Gunthers erfährt und darüber, dass keinerlei Abgaben aus Xanten eintreffen. Gunther drückt sich um eine Antwort, denn er kann Brünhild schließlich nicht eingestehen, dass es zweimal Siegfried war, der sie besiegte und er kein Recht hatte, sie zu ehelichen. Brünhild lässt nicht locker und überzeugt Gunther, Siegfried und Kriemhild nach Worms einzuladen. Es kommt zum Gespräch zwischen Brünhild und Kriemhild, wobei Kriemhild enthüllt, dass Siegfried ihr zur Zeit der Hochzeitsnacht Brünhilds Gürtel und Ring geschenkt habe und ihr Mann bestimmt kein Vasall Gunthers sei. Kriemhild bezeichnet Brünhild als „Kebse“ (Nebenfrau) Siegfrieds und Brünhild muss davon ausgehen, dass es Siegfried war, der sie in der Hochzeitsnacht vergewaltigte.

Der Tod Siegfrieds

Hagen von Tronje redet Gunther ein, dass der einzige Weg, den Konflikt zu lösen, der Tod Siegfrieds sei. Unter dem Vorwand, Siegfried beschützen zu wollen, erfährt er durch Kriemhild von dessen Schwachstelle zwischen den Schulterblättern, dem einzigen Fleck, an den das Drachenblut nicht gelangte und an dem Siegfried nicht unverwundbar ist. Bei einer Jagd tötet Hagen von Tronje Siegfried durch einen Stich in den Rücken. Siegfrieds Leiche wird nach Worms gebracht und Kriemhild erfährt, dass Hagen der Mörder ihres Mannes ist.

Kriemhild bleibt daraufhin voller Kummer als Witwe bei ihren Verwandten in Worms und lässt sich den Nibelungenschatz bringen. Der wird sogleich von Hagen geraubt und im Rhein versenkt, da er meint, der Schatz sei in der Hand einer unberechenbaren Witwe zu gefährlich.

Meinung
Das Mittelhochdeutsche

Das Nibelungenlied hat mich mehrmals überrascht. Inhaltlich und stilistisch empfand ich die Übertragung ins Hochdeutsche durch den Mediävisten Helmut Brackert, die in dieser zweisprachigen Ausgabe direkt neben dem mittelhochdeutschen Text abgedruckt ist, immer als sehr verständlich und gut lesbar. Bei meinem ersten intensiven Kontakt mit dem Mittelhochdeutschen war ich überrascht, dass ich als Muttersprachlerin vieles auf Anhieb nicht hätte übersetzen können.

Überraschende Schwerpunktsetzung

Inhaltlich hat mich insbesondere die Schwerpunktsetzung im Nibelungenlied überrascht. Statt in aller Ausführlichkeit auf die Tötung des Drachen einzugehen, widmet die Dichtung dieser bekanntesten Begebenheit aus der Siegfried-Sage nur wenige Zeilen:

Übrigens weiß ich noch mehr von Siegfried: Er hat mit eigner

Hand einen Drachen erschlagen, in dessen Blut er badete, so daß

Seine Haut von Horn überzogen wurde. Aus diesem Grunde – und

Das hat sich schon oft erwiesen – kann keine Waffe ihn verletzen.

Aventuire, 100

Tatsächlich – mehr zum Drachen kommt im gesamten ersten Band dieser zweibändigen Ausgabe des Nibelungenliedes nicht vor.

Wenig zu den titelgebenden Nibelungen

Auch die titelgebenden Nibelungen, ein Volk aus Nibelheim, das Siegfried vor seiner Reise nach Burgund unterwarf und sich dessen Herrscher Alberich zum Vasallen machte, spielen eine sehr untergeordnete Rolle in Nibelungenlied. Die Nibelungenkrieger halten sich für Siegfried bereit und unterstützen ihn, um Brünhild für Gunther mit nach Worms zu nehmen. In Nibelheim wird auch der Schatz der Nibelungen aufbewahrt. Woher dieser stammt und was genau dieser umfasst, darauf geht die Dichtung nicht näher ein.

Ganz anders gestaltet sich die Schwerpunktsetzung im vierteiligen Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Hier spielen der Schatz der Nibelungen und die Tötung des Drachen eine überragend wichtige Rolle (eine ausführliche Besprechung der Aufführungen des Ring-Zyklus in der Semperoper Dresden 2023 findet ihr hier). Auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Nibelungenlied und dem Ring-Zyklus Richard Wagners gehe ich in einem gesonderten Artikel ein.

Holde Frauen und prächtige Kleider

Was immer wieder Erwähnung findet, ist das höfische Zeremoniell. Wer wie durch den König begrüßt wird, wie opulent die Feste und Turniere, die zu Ehren von Gästen ausgerichtet werden, sind und welche Kleidung dazu getragen wird, nimmt großen Raum in dem Heldenepos ein. Dies beschreibt Brackert auch in seinem erhellenden Nachwort und macht auf einen Punkt aufmerksam, der mich als Leserin moderner Literatur die ganze Zeit über irritierte: Die Figuren weisen kaum Alleinstellungsmerkmale auf.

Während zeitgenössische Literatur von glaubhafter Figurenzeichnung und einem hohen Wiedererkennungswert ihrer Protagonisten lebt, hält sich die mittelalterliche Nibelungendichtung hieran kaum auf. Alle Frauen sind „schön/hold“ oder „sehr schön/hold“, alle Helden/Recken sind „mutig/tapfer“ oder „sehr mutig/tapfer“ – und Siegfried ist der mutigste von allen, während die holde Kriemhild alle anderen holden Frauen in diesem Punkt überstrahlt. Lediglich Hagen von Tronje wird als „dunkel“ und leicht griesgrämig beschrieben und erhält dadurch einen Hauch von Individualität.

Fazit

Das Nibelungenlied entpuppte sich als unterhaltsames, gut lesbares Heldenepos mit einigen Überraschungen und ging weit über die Drachentöter-Sage, die ich vom Hörensagen kannte, hinaus. Anknüpfungspunkte für moderne Fantasy-Literatur finden sich zu Hauf und auch den zweiten Band, der sich mit der Hochzeit Kriemhilds und Etzels (Attila dem Hunnenkönig?) beschäftigt, werde ich demnächst gern zur Hand nehmen.


Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. Band 1, herausgegeben und übersetzt von Helmut Brackert, Fischer Taschenbuch 2008.

Das Nibelungenlied ist Teil meiner 150 Werke umfassenden Klassiker-Leseliste und der #23für2023-Challenge.

Alle Beiträge zu den Nibelungen

[Klassiker] Worum geht’s eigentlich im Nibelungenlied? (13. Jhdt.)

[Oper] Richard Wagners Opern-Zyklus: Der Ring des Nibelungen (1848-1874) – Inhalt

9 Gedanken zu „[Klassiker] Worum geht’s eigentlich im Nibelungenlied? (13. Jhdt.)

  1. Ein spannender Vergleich!

    Ich kenne aus Schulzeiten und aus späterer privater Auseinandersetzung nur verschiedene Texte – die Oper kenne ich nur vom Titel her, aber habe mich bislang nie näher mit ihr auseinandergesetzt.

    Dass so ein altes Epos nicht mit Charaktertiefe glänzt, hat mich nicht sonderlich überrascht. Wie oberflächlich Männer und Frauen denken, fand ich aber trotzdem ernüchternd – die Männer wollen nur hübsche Frauen, die Frauen nur Männer, die stark und mutig sind. Und Siegfried fand ich als Helden der Geschichte unglaublich selbstverliebt und unsympathisch.
    Trotzdem mag ich das Nibelungenlied sehr und finde es immer wieder aufs Neue spannend, mich mit der Geschichte zu beschäftigen.

    1. Siegfried war auch für mich die unsympathischste Figur und trug Züge wie ein überspannter Teenager. Toll, dass du verschiedene Fassungen kennst – ich belasse es erst einmal bei dieser (den zweiten Teil muss ich mir noch zulegen); ein Bericht über den Opernzyklus folgt in Kürze!

  2. Hallo Jana,
    ein sehr informativer und toller Beitrag. 🙂
    Das ich „Das Nibelungenlied“ gelesen habe, ist schon länger her und so konnte ich nochmal gut in die Geschichte eintauchen.
    Bin sehr gespannt, wenn dein Vergleichsbeitrag kommt.
    Liebe Grüße
    Diana

    1. Hallo Diana,
      freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Ich bin jetzt, ein paar Wochen nach der Lektüre, erstaunt, wie viele Details mir schon wieder abhanden gekommen sind und wo ich noch einmal nachlesen muss. Das Nibelungenlied kann ich also bestimmt in ein paar Jahren noch mal lesen und dann wieder Neues entdecken. 😉

  3. Spannend … so in punkto „Consent“ ist das ja auch wieder sehr interessant. Wir haben das in der Schule nur insofern besprochen, dass es viele Versionen gibt und dort auch mehr über das Drachentöten gesprochen als manches andere. Von daher war ich überrascht beim Lesen deines Beitrags, was da noch alles mitschwingt.

    1. Absolut! Beim Lesen empfand ich auch den Konflikt zwischen Brunhild und Krimhild, beide von ihren Männern belogen und immer wieder zu Werkzeugen männlichen Gewinn- und Machtstrebens gemacht, sich dann aber statt gegen die Männer gegeneinander wendend, sehr viel spannender als die Abenteuer des Haudrauf-Siegfrieds.

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