Lesung auf der Burg mit Reinhard Kuhnert und Jörg Sader

Gestern Abend hatte ich das Glück, eine Doppellesung zweier Autoren in der kleinsten Burg Sachsens in Burkhardswalde bei Meißen besuchen zu können. Bei Ofenfeuer hinter dicken Burgmauern lasen Jörg Sader („Alba, Liebste“) und Reinhard Kuhnert („In fremder Nähe“) aus ihren jeweiligen Werken und kamen unter Moderation von Christine Koschmieder ins Gespräch.

Jörg Sader Reinhard Kuhnert

Passend zum gerade begangenen Tag der deutschen Wiedervereinigung handeln beide Werke vom Verlassen der DDR und Begebenheiten aus Ost und West. Dabei teilen die beiden im Jahr 1945 geborenen Autoren unterschiedliche Schicksale. Jörg Sader wurde bereits 1967 nach einer Zeit der politischen Inhaftierung freigekauft, während Reinhard Kuhnert zunächst Karriere an ostdeutschen Theatern machte, um dann in den 80er Jahren durch seine Texte beim DDR-Regime in Ungnade zu fallen.

Reinhard Kuhnert: In fremder Nähe

„Drei S-Bahn-Stationen weiter“ und trotzdem in einer anderen Welt. In seinem autofiktionalen Roman „In fremder Nähe“ beschreibt Reinhard Kuhnert den Werdegang des ostdeutschen Theatermanns Elias Effert nach dessen Ankunft in Westberlin. Die Schwierigkeiten, in der westdeutschen Theaterszene Fuß zu fassen verdichten sich zusammen mit Problemen unabhängig von der politischen Lage wie Liebesaffären und Krankheit zu einem Panorama der letzten Vorwende-Jahre in der geteilten Stadt. Kuhnert gelingt es sowohl im Roman als auch im Gespräch, Vorteile und Schwierigkeiten der Wiedervereinigung präzise zu beschreiben. Es sind streitbare, unbequeme Äußerungen, die Kuhnert dem Publikum auch in Form seiner „politisch-garstigen Lieder“ präsentiert.

Die Autoren Jörg Sader und Reinhard Kuhnert (v.l.n.r.)
Die Autoren Jörg Sader und Reinhard Kuhnert (rechts im Bild)
Jörg Sader: Alba, Liebste

Ganz anders ist das Herangehen von Jörg Sader. Sader baute sich in den 60er und 70er Jahren ein neues Leben in Westdeutschland auf. Er machte sein Abitur nach und studierte im Umfeld der 68er Bewegung in Frankfurt. Seine Vergangenheit in der DDR ließ er für lange Zeit ruhen. Dann begann Sader, das Erlebte in Erzählungen zu verarbeiten: „Ich musste es schreiben. Es lag mir am Herzen.“. So beschreibt er in der Geschichte „Sonntagsschwimmer“ den Freibadbesuch einer jugendlichen Clique, zu der die Meldung vom beginnenden Mauerbau durchdringt. Die Ratlosigkeit der Jugendlichen, die versuchen, die Tragweite dieses Ereignisses zu verstehen, ist mit Händen zu greifen. Doch schon bald werden die Diskussionen nur noch flüsternd geführt, denn zwei Anzugträger scheinen die Gespräche der Badenden zu belauschen.

Nicht sofort ersichtlich ist der historische Bezug bei der zweiten Erzählung „Tina“ über eine Frau, die um ihren gerade zu Grabe getragenen Ehemann trauert. Nach und nach wird deutlich, dass die Beziehung der beiden eine Vorgeschichte hat. Ein gemeinsamer Freund und geliebter Tinas, Mischa, wurde an der Mauer bei einem Fluchtversuch erschossen. Mich schauderte, als die Figuren Überlegungen darüber anstellten, wie der Tod Mischas an der Mauer abgelaufen sein musste.

Das Steingut in Burkhardswalde wurde durch die Arbeit eines Vereins Stein Gut e. V. wieder begehbar gemacht.
Fazit

Ein gelungener Abend des Mirabilis Verlags in geschichtsträchtigem Ambiente und musikalischer Begleitung durch das Elektro-Duo Hokke ten Hokke. Die sehr unterschiedlichen Lebens- und Fluchterfahrungen der beiden Autoren  fand ich sehr spannend. Fast schade, dass keines ihrer Werke als Autobiografie durchging.

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