[Indiebook] Julie Otsuka: Als der Kaiser ein Gott war (2019)

Julie Otsuka Als der Kaiser ein Gott war

Die Internierung japanischstämmiger Amerikaner ist ein Thema, das in Literatur und Film nur sehr vereinzelt aufgegriffen wird. Die Schriftstellerin Julie Otsuka hat sich in ihrem bereits 2002 erschienenen Roman „Als der Kaiser ein Gott war“ auf berührende Weise dieses dunklen Kapitels US-amerikanischer Geschichte angenommen und wurde dafür mit dem Asian American Literary Award ausgezeichnet.

Der Schrecken nach Pearl Harbor

Otsukas Figuren bleiben namenlos: Vater, Mutter, Mädchen, Junge. Damit steht ihre Geschichte für das Schicksal vieler der etwa 116.000 von Zwangsmaßnahmen betroffenen Japanischstämmigen. Auslöser war der Angriff der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor im Dezember 1941. Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg wurden viele teils seit Jahren in den USA lebende Japaner, auch US-amerikanische Staatsbürger japanischer Abstammung, als Gefahr für die innere Sicherheit eingestuft. Neben Alltagsrassismus und Gängelei folgte bald die systematische Zwangsumsiedlung zehntausender Personen in Lager, hauptsächlich an der amerikanischen Westküste.

Die Geschichte beginnt mit dem Befehl an alle Menschen japanischer Abstammung, sich zum Abtransport bereit zu machen. Wir begleiten die Mutter, die letzte Einkäufe tätigt und in weiser Voraussicht das Tafelsilber im Garten vergräbt. Auch verzweifelte Assimilationsstrategien konnten die Familie nicht retten.

„Am Tag darauf schickte sie den Jungen und seine Schwester zum ersten Mal mit Erdnussbutter und Marmeladenbrot in der Lunchbox in die Schule.

‚Keine Reisbällchen mehr‘, sagte sie. ‚Und wenn jemand fragt, seid ihr Chinesen‘.“

 

Gefangenschaft in der Wüste

Wir begleiten die Mutter mit ihren beiden Kindern, die sich auf der endlos scheinenden Zugfahrt gen Norden furchtbar langweilen. Das Mädchen, dass viel lieber mit ihren Freundinnen unterwegs wäre, sich für die Männer um sich herum zu interessieren beginnt. Der Junge, der sich zunehmend verschwommener an seinen Vater erinnert, lenkt sich mit Geschichten über Sport und Mustangs ab. Eines Morgens war der Vater noch im Bademantel vom Geheimdienst abgeholt worden. Er, der Donuts liebte und Baseball.

„Sie sind hier zu ihrem eigenen Schutz, sagte man ihnen. […]

Es sei eine Chance für sie, ihre Loyalität unter Beweis zu stellen.“

 

Otsuka
Sammelbefehl an japanischstämmige Amerikaner in San Francisco, 1. April 1942, Quelle: Department of the Interior. War Relocation Authority

Niemand weiß, ob und wann sie das Camp wieder verlassen können. Durch Perspektivwechsel sehen wir den Schrecken der Ödnis und die nervenzerrende Ungewissheit des Gefangenseins mit den Augen jeder der Figuren. Viele hatten die japanische Kultur schon lange vor dem Abtransport fast völlig aus ihren Leben verbannt. Einige Ältere halten fest am Glauben an den göttlichen Kaiser, den Tennō.

Die Bedeutung des japanischen Tennō

Sehr verkürzt lässt sich sagen, dass die japanische Regierung im Zweiten Weltkrieg die japanische Shintō-Religion zur Verbreitung militaristischer und nationalistischer Ideologien missbraucht hat (Bezeichnung als Staats-Shintō). Vermeintlich ausländische Einflüsse, etwa buddhistische oder christliche, sollten getilgt werden. Die Ursprünge des japanischen Kaisertums reichen weit zurück (derzeit regiert der 126. Tennō) und finden sich in der japanischen Mythologie. Im Staats-Shintō galt der Tennō als lebende Gottheit. Im Nachgang der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli 1945 forderten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs eine strikte Trennung von Staat und Religion in Japan, um einen erneuten Missbrauch zu nationalistischen Zwecken zu verhindern. In der Neujahrsansprache 1946 verneinte der amtierende Tennō seine Göttlichkeit. Der Tennō besteht als Institution weiter, hat seit dem Zweiten Weltkrieg aber eine rein symbolische Funktion.

In einem juristischen Seminar zum Thema „Das Staatsoberhaupt“ referierte ein damaliger Kommilitone aus Japan zum Konzept des Tennōs. Der Vortrag war unheimlich spannend, aber die Institution sehr weit weg von allen anderen vorgestellten Konzepten zum Thema „Staatsoberhaupt“. Seit dem glaube ich, dass es einer umfassenden Kenntnis der japanischen Geschichte, Mythologie und Religion bedarf, um das Konzept „Tennō“ vollständig erfassen zu können.

Die große Stärke von Otsukas Roman

Als besonders gelungen empfand ich in „Als der Kaiser ein Gott war“, mit welch reduzierter Sprache Otsuka so große Gefühle wie Verlust, Angst und Trauer darstellt. Die bewegendsten Zeilen waren für mich jene, die die Rückkehr der Familie nach Hause beschreiben: Das Haus geplündert, ehemalige Freunde eilen grußlos vorbei, in der Schule ausgeschlossen, und ist das im Wohnzimmer gegenüber nicht der vermisste Staubsauger, auf den die Nachbarin schon immer neidisch war?  Der Vater kehrt als gebrochener Mann aus der sinnlosen und ungerechtfertigten Gefangenschaft zurück. Schließlich ist die Familie zwar wieder vereint, aber sie muss mit der Last aufgedrängter Erfahrungen ein neues Leben beginnen.

Fazit

Ein bewegendes Buch, dessen Autorin mit wenigen Worten eine der vielen, weniger bekannten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts schildert. Für mich eines der Highlights in diesem Jahr.

 

Julie Otsukas erster Roman erschien bereits 2002 und wurde – zum Glück – in diesem Jahr ins Deutsche übertragen. Ihr zweiter Roman „The Buddha in the Attic“ über die Verschiffung japanischer Bräute in die USA ist bereits unter dem Titel „Wovon wir träumten“ erschienen.

Julie Otsuka, Als der Kaiser ein Gott war (OT: When the Emperor Was Divine, 2002, aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli), Lenos Verlag 2019.


Andere Meinungen zum Buch von:

Astrid
Japanliteratur (mit weiterführenden Literaturhinweisen)
KölnerLeselust

 

Weitere Geschichten über das Leben in einem Zwangslager:

Grinkevičiūtė, Dalia: Aber der Himmel – grandios
Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen
Johnson, Adam: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

 

8 Gedanken zu „[Indiebook] Julie Otsuka: Als der Kaiser ein Gott war (2019)

    1. Liebe Heike,
      ich verlinke deine Besprechung gern oben im Artikel. Interessant, wie viel Zeit manchmal vergeht, bis auch wunderbare, preisgekrönte Bücher ins Deutsche übersetzt werden.
      Viele Grüße!

  1. Tolle Rezension! Ich muss das Buch nochmals lesen, bevor ich meine schreiben kann. Merke gerade, dass die Lektüre doch schon zu weit zurückliegt. Zwei der verlinkten Bücher, die auch Zwangslager-Erfahrungen beinhalten, habe ich gelesen (Kertesz und Johnson), das dritte muss ich mir jetzt mal genauer anschauen. Danke für den Tipp!
    Liebe Grüsse
    Eliane (von MINT & MALVE)

    1. Liebe Eliane,
      vielen Dank für deinen Kommentar und das Lob. Gerade das dritte Buch, der Bericht von Grinkevičiūtė, war eine große Überraschung für mich. Ich habe die Empfehlung von einer anderen Buchbloggerin bekommen und bin im Nachhinein sehr froh darüber, das Buch schnell gelesen zu haben. Es ist ein sehr bewegender Bericht aus der Sicht einer Teenagerin, die im sibirischen Gulag erwachsen werden muss. Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefällt.
      Viele Grüße
      Jana

  2. Ohne Umschweife auf der Leseliste gelandert. 🙂 Witzigerweise begegnete mir die Internierung japanisch-amerikanischer Bürger nach Pearl Harbor das erste Mal an einer total unerwarteten Stelle. In der Teenager-Fantasy-Serie „Teen Wolf“. Wer hätt’s gedacht. Mein damaliges Guilty Pleasure.

    1. Sehr gut! Ich hoffe, dass es dir gefallen wird – passt nach der Japanreise ja vielleicht ins Beuteschema ;-).
      Diese guilty pleasures sind perfekte Ausgangspunkte für Wissensrecherchen. Ich hab damals parallel zu Twilight viel über Mormonen gelesen, nach Stranger Things ist erst mal Vonnegut auf der Leseliste gelandet. Da gibt’s bestimmt noch mehr Beispiele… Teen Wolf kenne ich (noch) nicht! 😀

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