[Theater] John Steinbeck: Früchte des Zorns (1939)

Früchte des Zorns

In der letzten Woche sah ich im Staatsschauspiel Dresden „Früchte des Zorns“ nach dem Roman von John Steinbeck in der zweistündigen Bühnenfassung unter Regie von Mina Salehpour.

Die Früchte des Zorns wachsen nicht nur in Kalifornien

In „Früchte des Zorns“ erzählt Steinbeck das Schicksal einer Familie während der Großen Depression. Die Joads werden mit Baggern und Traktoren von ihrem gepachteten Hof vertrieben. Hab und Gut geschultert, machen sie sich in einem alten Autor auf den Weg gen Westen. Tausende Kilometer liegen zwischen der alten Heimat Oklahoma und dem Ziel Kalifornien. Dort, wo einem „das Obst in den Mund wächst“, wollen sie auf Obstplantagen arbeiten. In Kalifornien soll die schwangere Rose ihr Kind zur Welt bringen und der gerade aus dem Gefängnis entlassene Tom zur Ruhe kommen.

Eindrücklich schildert Steinbeck die Strapazen der Reise, wer auf dem Weg vom Elend der Vertriebenen profitieren kann, tut es. So kommt die Familie schließlich völlig abgebrannt, entkräftet und unterernährt in Kalifornien an. Nur, um dort für einen Hungerlohn zu arbeiten.

Die Geschichte wendet sich nicht zum Guten: Am Ende warten Verrat und Tod. Doch Steinbeck wartet auch mit einer Durchhalteparole auf: Solange die Unterdrückten Zorn empfinden und sich auflehnen können, werden sie nicht untergehen.

Mittelalterliche Zustände

Viel stärker noch als in „Von Mäusen und Menschen“, bei dem zwei Wanderarbeiter im Mittelpunkt stehen, greift Steinbeck in „Früchte des Zorns“ die Methoden der Banken und Konzerne an. Es sind gesichtslose Banken, die das Heim der Joads bedrohen und schließlich durch einen Mittelsmann ausrichten lassen, dass die Familie nicht genug erwirtschaftet, um ihren Kredit zurückzahlen zu können. Die Technisierung der Landwirtschaft steckt im Oklahoma Ende der 1930er Jahre wohl noch in den Kinderschuhen, denn die Joads können – und wollen – nicht begreifen, dass ihr Land fortan mithilfe großer Traktoren bewirtschaftet werden wird. Sie halten es für unehrlich. Ein Mensch soll schließlich von seiner eigenen Hände Arbeit leben – von der Aussaat bis zur Ernte.

Mir kam diese Fixierung auf die eigene Scholle und auf das Pflügen von Hand fast mittelalterlich vor. Vielleicht schwingt hier eine amerikanische Besonderheit mit. Die Vorväter haben das Land urbar gemacht, sogar „Indianer dafür getötet“, nun soll es wie seit jeher bewirtschaftet werden.

Überhaupt erinnert in Steinbecks Geschichte nichts daran, dass am anderen Ende des Landes, in New York, bereits Wolkenkratzer stehen: Der Treck nach Westen hätte genauso hundert Jahre früher stattfinden können. Die Bedingungen wären, bis auf das unzuverlässige Auto, nicht besser gewesen. Für seine Recherchen reiste Steinbeck selbst mit Familien und schlief in den beschriebenen Zeltlagern am Straßenrand. Das merkt man den Beschreibungen an. Sehr detailliert wird von der Dynamik der reisenden Familien untereinander erzählt; Steinbeck schreibt gar von einer „neuen Gesellschaftsordnung“, in der Solidarität eine wichtige Rolle spielt.

Die Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden

Der Beginn des Stücks, „rote und graue Erde“ wurde gleich in ein sehr passendes Bühnenbild umgemünzt. Die ganze Bühne war mehr als knöcheltief mit feinen Steinen bedeckt, die immer wieder umgewühlt und mit einer Windmaschine aufgewirbelt wurden. Schon nach kurzer Zeit sah das Schauspielerensemble genau aus wie beschrieben: seit Wochen auf der Reise und völlig verdreckt.

Besonders gelungen war die Art und Weise, wie den moralisierenden Monologen durch die Inszenierung die Länge und Schärfe genommen wurde. Diese mit erhobenem Zeigefinger geschriebenen Stellen über die Vernichtung von Lebensmitteln und die prekäre Lage von Saisonarbeitskräften wirkten auf mich stark überzogen. Vielleicht auch, weil wir uns heute des moralischen Dilemmas, dass eine ausschließlich auf Gewinn ausgerichtete Nahrungsmittelproduktion mit sich bringt, sehr bewusst sind. Genau diese Stellen wurden durch Parallelhandlungen auf ein erträgliches Maß abgeschwächt. So umschlichen die anderen Figuren die monologisierende Rose wie Katzen und wollten etwas von der im Dreck gefundenen Orange abhaben. Ein anderes Beispiel ist der Prediger, der zum Ende hin seinen Monolog fast schreiend wiederholt und dadurch dem Publikum statt des ursprünglich belehrenden Tons einen Hauch von Wahnsinn ob der Zustände überbringt.

Die Wirkung

Steinbecks Kritik wirkt auf den heutigen Zuschauer/Leser leicht überzogen, weil so oft gehört. Unberechtigt ist sie dagegen nicht: In Zeiten von Klimakrise und Wirtschaftsflüchtlingen ist sein Roman mindestens genauso aktuell wie 1939. Schon damals hat Steinbeck mit „Früchte des Zorns“ einen Nerv getroffen. Zwar erhielt er 1940 den Pulitzer-Preis für den Roman; gleichzeitig wurde er aber wegen der Schärfe seiner Kritik als Volksverhetzer diffamiert. Seine Bücher wurden verbrannt.

Fazit

Am Ende ist man wieder deprimiert. Trotzdem ist Steinbecks „Früchte des Zorns“ ein wichtiges und absolut sehens-/lesenswertes Werk. Identifikationsfiguren wie George und Lenny aus „Von Mäusen und Menschen“ fehlen, trotzdem begleitet man die Familie Jauds gern und mit viel Mitgefühl auf ihrem Weg. Dieses Stück prägt maßgeblich mein Verständnis von den wirtschaftlichen Verhältnissen in den ländlichen Regionen der USA während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre.


John Steinbeck, Früchte des Zorns, OT: Grapes of Wrath, 1939.

Dieses Werk ist Teil meiner Klassiker-Leseliste.
Einen Eindruck von der Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden findet ihr hier (Link zu YouTube).

5 Gedanken zu „[Theater] John Steinbeck: Früchte des Zorns (1939)

  1. Hallo,
    oh wie schön. Ich liebe Theater und John Steinbecks Geschichten. Das muss ein ganz besonderes Erlebnis gewesen sein, trotz der Dramaturgie und der Wahrheit die dahinter steckt. Vor kurzem noch habe ich eine Doku zu genau dem Buch gesehen und Dein Bericht hier fasziniert mich aufs Neue. Richtig toll rübergebracht, besonders diesen Prediger kann ich mir irre gut vorstellen. Ich sollte mal wieder ins Theater gehen.
    Danke für den schönen Beitrag, liebe Grüße
    Kersin

    1. Hallo Kerstin, danke für dein Feedback. Die Vorstellung war toll und mit zwei Stunden Dauer ohne Pause ein tolles Erlebnis. Nach der Doku zum Buch muss ich unbedingt mal suchen; mich interessiert besonders, wie Steinbeck mit Wanderarbeitern mitgezogen ist, um das Geschehen besser beschreiben zu können. Die Rolle des Predigers hätte ich mir stärker vorgestellt; im Stück war er zwar eine wichtige Figur, aber ich glaube, beim Lesen des Stück hätte ich ihn mir ein wenig anders vorgestellt. Es gibt doch auch Verfilmungen zum Buch; ich schau mal, ob ich eine gute finde.
      Viele liebe Grüße
      Jana

  2. Ich muss das Buch unbedingt demnächst lesen. In meinem Michener bin ich gerade an der Stelle, wo Farmer in Colorado aufgeben müssen, weil die Bewirtschaftungstheorien, an die sie geglaubt hatten, nicht funktioniert haben, und die Dust Bowl entstanden ist. Auch in der Biografie „Prairie Fires“ über Laura Ingalls Wilder wurde angesprochen, dass die Farmer, hier in South Dakota, im Grunde keine Chance hatten, ihre Homesteads dauerhaft erfolgreich zu bewirtschaften. Finde ich total interessant. Da kommt bei mir wieder der Erdkunde-LK mit Geschichtsanteilen durch 🙂
    Gestern Abend war ich in unserer örtlichen Buchhandlung, wo die Buchhändler ihre Herbstfavoriten vorstellten, unter anderem ein Buch über den New Deal, das muss ich dann wohl auch noch lesen 😉

    1. Sehr USA-lastig bei dir zur Zeit :-)! Die Probleme der Dust Bowl hatte ich vor Steinbeck gar nicht so auf dem Schirm (kein Erdkunde-LK und in Geschichte wurde das gar nicht thematisiert, hmmm). Die Biografie von Laura Ingalls Wilder hört sich sehr interessant an; kannst du sie empfehlen? Ich habe von ihr noch gar nichts gelesen, aber die Geschichten sind ja wirklich sehr bekannt. Ich bin zur Zeit geschichtlich ein wenig früher unterwegs und lese „Little Women“- auch hier teilweise bittere Armut. Ich finde es interessant, dass dieser Aspekt der amerikanischen Geschichte (und Gegenwart) in unserem USA-Bild (Schulunterricht u. Ä.) häufig völlig ausgeblendet wird. Als wir im Spanischunterricht verschiedene südamerikanische Länder behandelt haben, ging es gefühlt nur um (Kinder-)Armut, Drogen und die Diskriminierung von Indigenen.
      Viele Grüße!

  3. Habe gerade das Video geschaut und wow – sehr modernes Bühnenbild. Wenn es nicht zu karg und abstrakt wird, mag ich das sehr gern. Vielen Dank für deinen Bericht! Ich muss mir noch eine Meinung bilden welchen Steinbeck ich mir als nächstes gebe, denn so ganz haben mir die Eindrücke in „Von Mäusen und Menschen“ wg. der Kürze nicht gereicht … was ist deine Empfehlung? Du bist ja schon Steinbeck-erprobt 😉

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