Drei Jahre Klassiker Leseliste: Die Bilanz

Vor guten drei Jahren habe ich mir aus verschiedenen Empfehlungslisten meine eigene 150-Klassiker-Leseliste gebastelt. Mittlerweile existiert eine zweite „Schattenliste“ für die Zeit nach der ersten Liste – dem Schneeballsystem sei Dank. In diesem dritten Jahr konnte ich an einige Klassiker ein Häkchen setzen, davon möchte ich einige weiterempfehlen.

Klassiker Leseliste Tolstoi Anna Karenina

Die Highlights

Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ war mein absolutes Klassiker-Highlight in diesem Jahr. Der Roman beschreibt über hundert Jahre hinweg die Geschichte der Familie Buendía, die mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen ist. Es ist die Stammmutter, die ihre – nicht immer wohlgeratenen – Sprösslinge durch die Wirren der Zeit bringt. Da ist der Stammvater, der für seine Familie eine Existenz im kolumbianischen Dschungel aufbaut und langsam verrückt wird. Es sind die tausend anderen Geschichten der Familienmitglieder und die Prise magischer Realismus, die diesen Roman so besonders machen. Netflix hat sich die Rechte für die allererste Verfilmung des bereits 1947 erschienenen Romans gesichert. Ich bin enorm gespannt darauf, was sie daraus machen werden.

Im Rahmen einer Leserunde auf Twitter habe ich Lew Tolstois „Anna Karenina“ gelesen. Es war mein erstes Werk von Tolstoi und ich war überrascht von der Lesbarkeit und dem hohen Unterhaltungswert. Die Geschichte über die außereheliche Affäre Kareninas und die Doppelmoral der russischen Oberschicht im 19. Jahrhundert konnte mich auch über gut 1200 Seiten hinweg fesseln. Meine Übersetzung von Rosemarie Tietze sorgte dafür, dass ich beim Lesen schnell vergaß, wie viele Jahre der Roman schon auf dem Buckel hat. Der beträchtliche Umfang der Geschichte führte aber dazu, dass andere Klassiker in diesem Jahr ein wenig kurz kamen. Ich freue mich schon auf „Krieg und Frieden“, das ebenfalls auf der Leseliste steht.

Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ fand ich großartig. Ich hatte seit der Schulzeit nichts mehr von Schiller gelesen und vergessen, wie kraftvoll seine Sprache ist. Das Drama um die Gründung der Schweizer Eidgenossenschaft war spannend zu lesen und bei Versen wie „Durch diese hohle Gasse muss er kommen.“ habe ich innerlich applaudiert. Faszinierend, wie sehr Schiller die deutsche Sprache geprägt hat. Als nächstes steht seine „Maria Stuart“ auf dem Programm.

Die Enttäuschungen

Klassiker Leseliste Kenneth GrahameEine richtige Enttäuschung war Kenneth Grahames  „The Wind in the Willows“ nicht, aber es blieb weit hinter den anderen Kinderbüchern der letzten Zeit zurück. Dem Zauberer von Oz und auch „Alice in Wonderland“ konnte ich aufgrund ihres historischen Kontexts und den vielen Anspielungen mehr abgewinnen. „Der Wind in den Weiden“ kam dagegen zwar wie eine nette Kindergeschichte daher, war aber auch etwas fad für den erwachsenen Leser. Ich werde versuchen, noch etwas zu den Hintergründen der Geschichten um Maulwurf und Ratte in Erfahrung zu bringen. Vielleicht wird die Geschichte dadurch im Nachhinein spannender.

Die gute Mitte

Fjodor Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ war ein Reread, der in der Twitter-Leserunde (unter #Dostopie) unheimlich Spaß gemacht hat. Man kann sich gemeinsam herrlich über den im Delirium dahin wankenden grenzdebilen Mörder Raskolnikow aufregen. Daneben wirft „Verbrechen und Strafe“ (vor allem übersetzt als „Schuld und Sühne“) auch moralische Fragen auf, deren Klärung allerdings (hoffentlich!) keine Schwierigkeiten bereitet.

Theodor Fontanes „Frau Jenny Treibel“ habe ich im Rahmen der Twitter-Leserunde unter #54readsTF kennen gelernt. Ein schöner Roman über die Gedanken, die man sich um seine gesellschaftliche Stellung machen kann, wenn man sonst wenig zu tun hat. Nach den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, in denen ich die Straße vor meiner damaligen Haustür wiedererkannt habe, bin ich immer mal wieder im Fontane-Fieber. Gut, dass noch ein paar Werke von ihm auf der Leseliste stehen.

Endlich habe ich das erste Werk auf der Liste von William Shakespeare gelesen. „Romeo and Juliet“ kennt einfach jeder und es war schön, die Tragödie in allen Einzelheiten kennen zu lernen. Vom Hocker gehauen hat sie mich nicht und ich bin gespannt auf Shakespeares weitere Dramen. Als nächstes werde ich mir seinen „Hamlet“ vornehmen.

Klassiker Leseliste Shakespeare Romeo und Julia

Klassiker außerhalb der Leseliste

Es gibt in diesem Jahr etliche spannende Leserunden, die auf Twitter stattfinden (ein tolles Medium, um mal kurz seine Gedanken zu einer Textstelle festzuhalten!). Einige davon haben sich Klassikern angenommen, die zwar nicht auf meiner Klassiker-Leseliste standen, die ich aber unbedingt kennen lernen wollte.

Die Twitter-Leserunden

Dazu gehört der wunderbare Roman von Alice Walker „The Color Purple“ (unter #54readsAW), der auf mich sehr progressiv wirkte und so viele wichtige Themen aufgreift, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Die Spielberg-Verfilmung fand ich gelungen, doch sie nimmt dem Buch einen Teil seines feministischen Anspruchs.

Ein Zufallsfund im Rahmen der Twitter-Leserunde (#54readsKB) war der Roman „Kallocain“ der Schwedin Karin Boye. Die Dystopie um einen faschistischen Staat setzt sich mit der Einführung einer Wahrheitsdroge auseinander und soll u. a. George Orwells „1984“ inspiriert haben.

Als seltsam unbefriedigend empfand ich die Lektüre von „I know why the Caged Bird Sings“ der Bürgerrechtsikone Maya Angelou (unter #54readsMA). Ich wusste, dass sie mehrere autobiografische Bücher veröffentlicht hat, dennoch hatte ich nicht erwartet, dass sie ihre Geschichte im ersten Buch derart fragmentarisch erzählen würde. Die einzelnen Szenen ihres Aufwachsens in einer rassistischen Gesellschaft waren bedrückend, aber sie blieben für mich leider unzusammenhängend.

Alice Walker_Die Farbe Lila

Andere Klassiker: Geld und Horror

Sehr enttäuscht war ich von H.P. Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“. Die Beschreibungen um die Expeditionen im Eis blieben für mich weit hinter der Spannung der Geschichten etwa eines Jules Verne zurück. Das Horrorelement, als es dann endlich kam, fand ich ziemlich fad. Das war’s erst mal mit Cthulhu und mir.

Nicht warm geworden bin ich mit Michail Bulgakows „Die weiße Garde“Ich hatte erwartet, dass Bulgakows Roman ebenso lesbar sein würde wie Tolstois oder Dostojewkijs Werke, wurde dann aber schnell eines Besseren belehrt. Trotz der Neuübersetzung und dem ausgezeichneten Anhang konnte ich mich nciht in Bulgakows Beschreibungen einfinden.

Die ganz große Liebe war dann John Steinbecks „Der Winter unseres Missvergnügens“. Eigentlich stehen von Steinbeck zwei andere Werke auf der Liste, aber um diesen Roman kam ich nicht herum. Ich bin immer noch davon beeindruckt, wie Steinbeck am Ende die Fäden seiner Geschichte um Geld und Macht in Amerika zusammenführt. Dass er sich dabei an Shakespeares Dramen orientiert hat, macht seine Komposition nur noch genialer.

Erwartet gut war Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“. Ich habe bislang weder die Serie gesehen noch den gerade erschienenen Band „Die Zeuginnen“ gelesen und werde beides bestimmt bald tun.

john Steinbeck Der Winter unseres Missvergnügens

Ausblick

Für die Aktion #WirlesenFrauen möchte ich in der nächsten Zeit etwas von Simone de Beauvoir und Hannah Arendt lesen. Beide stehen auf meiner Klassiker-Leseliste und ich freue darauf ihre Werke – mögen sie auch sehr unterschiedlich sein – kennen zu lernen. Außerdem ist eine Gesamtausgabe von Louisa May Alcotts „Little Women“ eingetroffen, auf die ich sehr gespannt bin. Die Leseliste ist noch lang; ich schätze, mir wird auch im nächsten Lesejahr nicht langweilig.

 

Was waren eure Klassiker-Tops und -Flops in letzter Zeit?

2 Gedanken zu „Drei Jahre Klassiker Leseliste: Die Bilanz

  1. Liebe Jana,

    ein schöner Rückblick. 🙂

    Schiller habe ich auch immer sehr gern gelesen, „Wilhelm Tell“ steht mir allerdings noch bevor. Auch „The Wind in the Willows“ steht noch ungelesen im Regal – ich bin gespannt, wie gut mich die Geschichte fesseln wird oder ob es mir geht wie dir.

    „Romeo und Julia“ sehe ich auch nicht als Shakespeares stärkstes Werk. Ich glaube ja, es ist nur wegen der dramatischen Liebesgeschichte so beliebt und erfolgreich. Allerdings hat das Stück durchaus ein paar Passagen, die ich einfach klasse finde und ich liebe die Figur des Mercutio.

    Mit Lovecraft tu ich mich auch ein wenig schwer. Ich mag seine Ideen, aber die Umsetzung hat mich bisher nie so recht überzeugt – zu langatmig und immer dann, wenn es für mich wirklich spannend wurde, kam plötzlich das Ende. Bei den „Bergen des Wahnsinns“ kam noch dazu, dass ich manches Verhalten einfach nicht nachvollziehen konnte bzw. wo ich dachte: „Mit gesundem Menschenverstand begibt man sich nach all dem Erlebten doch nicht noch tiefer in diese unbekannte Welt.“ War das Buch denn dein erstes von Lovecraft?

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Liebe Kathrin,

      danke für deinen Kommentar! Ich sehe, wir haben einen ähnlichen Lesegeschmack – die vielen gemeinsamen Leserunden können ja auch kein Zufall sein. 🙂

      „Berge des Wahnsinns“ war mein erstes Buch von Lovecraft. Es wurde mir ausgeliehen und ich bin heilfroh, denn ich hatte überlegt, ob der Bekanntheit des Autors und wegen des Cthulhu-Hypes eine schicke englische Lovecraft-Schmuckausgabe anzuschaffen. Damit warte ich jetzt garantiert, bis ich etwas von ihm finde, das mir auch gefällt. Die Idee der Monster im Eis hat mir gefallen, aber die Umsetzung konnte mich auch ganz und gar nciht überzeugen. Zu langatmig, zu ausführlich an den falschen Stellen und die Entscheidungen des Erzählers nicht immer nachvollziehbar. Mit dem nächsten Lovecraft warte ich deswegen noch ein bisschen, bis ich mal einen ganz heißen Tipp für ein Werk von ihm bekomme. 🙂

      Liebe Grüße
      Jana

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